| 1 | 01 | Auf einem Häuserblocke sitzt er breit. |
|---|---|---|
| 02 | Die Winde lagern schwarz um seine Stirn. | |
| 03 | Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit | |
| 04 | Die letzten Häuser in das Land verirrn. | |
| 2 | 05 | Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal, |
| 06 | Die großen Städte knien um ihn her. | |
| 07 | Der Kirchenglocken ungeheure Zahl | |
| 08 | Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer. | |
| 3 | 09 | Wie Korybanten-Tanz1 dröhnt die Musik |
| 10 | Der Millionen durch die Straßen laut. | |
| 11 | Der Schlote Rauch, sie Wolken der Fabrik | |
| 12 | Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut. | |
| 4 | 13 | Das Wetter schwelt in seinen Augenbrauen. |
| 14 | Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt. | |
| 15 | Die Stürme flattern, die wie Geier schauen | |
| 16 | Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt. | |
| 5 | 17 | Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust. |
| 18 | Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt | |
| 19 | Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust | |
| 20 | Und frisst sie auf, bis spät der Morgen tagt. |
| 1 | Wild, rituell und ekstatisch tanzende Priester der Göttin Kybele. |
Die Epoche des Expressionismus besteht aus einer Künstlergeneration zwischen den Weltkriegen, die sich dem nationalistischen, bürgerlichen und wilhelminischen Denken ihrer Zeit abwandten. In den gesellschaftskritischen Werken der Expressionisten wurden Themen wie Wahnsinn, Tod, Umwelt, Krieg, Verfall der Gesellschaft und die infolge der Industrialisierung entstandenen Großstadtprobleme behandelt.
Der Expressionismus überschnitt sich mit der noch nicht abgeschlossenen Industrialisierung. Dabei warnen die Expressionisten häufig vor den Folgen der Industrialisierung, wie der Degradierung der Menschen zu Maschinen und der Verlust der Individualität durch Automatisierungsprozesse. Zudem gab es noch ein Stände-Denken in der Gesellschaft, bei dem sich Macht und Produktionsmittel bei den Großunternehmen bündelten. Die sozialen Spannungen zwischen Arbeiterschicht und Unternehmer, die durch die Ungleichverteilung von Besitz entstand, wurden Thema einiger expressionistischer Werke.
Die Expressionisten warnten jedoch nicht nur vor den Zeichen ihrer Zeit, sondern wollten die Gesellschaft umwälzen und erneuern. Nicht nur die sozialen Konflikte gaben hierfür Anlass, sondern auch die wirtschaftliche Krise durch den Versailler Vertrag und die erneute Militarisierung zwischen den Großmächten. Der Mensch war aus Sicht der Expressionisten mit seinem bisherigen Denken in eine Sackgasse geraten, das System drohte instabil zu werden. Aus diesem Grund schlossen sich viele Friedrich Nietzsches Idee vom Übermenschen an. Der Übermensch bricht mit der Gesellschaft, überwindet sich selbst und schafft neue Werte.
Der expressionistischen Bewegung wird durch die Konflikte mit den konservativen Familienwerten häufig auch ein Vater-Sohn-Konflikt zugeschrieben.
Heym wuchs zusammen mit seiner jüngeren Schwester als Kind eines Staats- und Militäranwalts auf. Heym stieß in seiner schwermütigen und sehr religiös geprägten Familie immer wieder auf Konflikte. Seine Ablehnung gegenüber bürgerlich-konservativen Werten verarbeitete er in seinen Gedichten.
Die Kindheit- und Jugendzeit Heyms war geprägt durch mehrfache Ortswechsel. Durch die Umzüge bedingt besuchte Heym vier verschiedene Gymnasium und scheitert zwei mal an der Zulassung zum Abitur. 1906 macht er schließlich doch noch seinen Abschluss und kann damit ein Jahr später ein Jurastudium in Würzburg beginnen.
Auch seine Studentenzeit ist durch einige Wechsel gekennzeichnet. So wechselt Heym bereits 1908 zur Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin, studierte danach für kurze Zeit in Jena und kommt dann doch wieder nach Berlin zurück.
Später sagt Heym, dass er sich zum Jurastudium wegen des Berufs seines Vaters als Militäranwalt gedrängt fühlte. Das Studium der Rechtswissenschaften liegt ihm nicht besonders, dennoch besteht er seine erste Staatsprüfung und bekommt eine Stellung zum Vorbereitungsdienst am Amtsgericht Berlin-Lichterfelde. Im weiteren Verlauf seiner Jura-Karriere wird Heym jedoch wegen eines fahrlässigen Fehlers entlassen und hat Schwierigkeiten seinen Vorbereitungsdienst woanders fortzuführen. Nachdem er keine neue Stelle findet, lenkt Heym schließlich ein und will eine Offizierslaufbahn beginnen.
Der Bewilligung Heyms für die Aufnahme ins Militär wird stattgegeben. Heym ertrink jedoch vorher beim Schlittschuhlaufen auf der Havel, als er seinem Freund Ernst Balcke das Leben retten wollte.
Trotz seines kurzen Lebens wurde Heym der wichtigste Vertreter des Expressionismus.
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Das Gedicht „Der Gott der Stadt“ von Georg Heym (1887-1912) stammt aus dem Jahre 1910. Es ist eines der bekanntesten Gedichte von Georg Heym und dem Thema Stadt in der expressionistischen Lyrik (Expressionismus ca. 1910-1925). Ursächlich dafür ist, dass „Der Gott der Stadt“ wie kaum ein anderes Gedicht das Leben der Stadt aus der Sicht der zeitgenössischen Expressionisten verkörpert hat.
Formal ist das Gedicht zunächst in fünf Strophen à vier Verse in einem Wechselreim (abab) verfasst. In der ersten Strophe (V. 1-4) beginnt das Gedicht mit dem Gott „Baal“, welcher zunächst nur mit dem Personalpronomen „er“ bezeichnet wird, auf einem Häuserblock sitzend. Wir befinden uns szenisch also in der (Groß-)Stadt, welches wie bereits im Eingangsabschnitt erläutert, ein typisches Motiv der damaligen Expressionisten darstellte. Um die Stirn des Gottes Baals wird beschrieben, dass eine Art „Heiligenschein“ aus schwarzen Winde weht (V. 2) und erbost erblickt der Baal einzelne Häuser außerhalb der Stadt, die sich nicht mehr in seinem Machtbereich befinden (V. 3f).
Im zweiten Abschnitt wird dann der Baal auch namentlich benannt und dem Leser wird bekannt, um welche Tageszeit die Handlung stattfindet. Das Gedicht beginnt Abends und endet in der letzten Strophe am Morgen; daraus lässt sich erschließen, dass das Gedicht einen Prozess in den folgenden Strophen beschreiben wird. Im fünften Vers gibt sich der Baal die Muße, sich von der Abendsonne den Bauch zu bescheinen, während die Städte um ihn nieder knien (V. 6) und die Kirchenglocken der Stadt aus der großen Zahl von schwarzen Schloten herausragen und ihm zu Ehren läuten (V. 7f). Fortgeführt wird diese Art der Gotteshuldigung in der dritten Strophe, welche simultan (zeitgleich) zur zweiten Strophe handelt. Hier wird das pulsierende Großstadtleben beschrieben als „Korybanten-Tanz“ von Millionen Menschen beschrieben (V. 9f), während der Rauch und die Abgase der Industrieanlagen opfergabengleich vom Baal angezogen werden (V. 11f).
Die vierte Strophe unterscheidet sich wiederum inhaltlich von den vorangegangenen Abschnitten. Der Baal tritt in Wallung (V. 13), der Abend geht in dunkle Nacht über (V. 14) und der Baal zieht vor Zorn ein Unwetter herauf (V. 15f).
Die letzte Strophe stellt dann den Höhepunkt und die Katastrophe dieses Gedichtes dar. Der Baal streckt seine „Fleischerfaust“ aus und entzündet damit eine ganze Straße in Brand. Das Feuer tilgt die Straße bis in den frühen Morgen. Der Prozess, der in der ersten Strophe am Abend begann, findet hier am nächsten Morgen ein Ende. Abend und Morgen stehen damit diametral zueinander: Der Abend beginnt mit Zerstörung, während der Morgen ein Neubeginn und Wiederanfang darstellt. Insgesamt ist hier eine Steigerung (Klimax1) bis zur fünften Strophe zu beobachten, die sich letztlich in die Katastrophe zuspitzt.
Um das Gedicht „Der Gott der Stadt“ vollständig vor dem Hintergrund expressionistischer Lyrik zu erfassen, muss zunächst die Bedeutung des Gottes „Baal“ geklärt werden. Der Baal stellt ein Fruchtbarkeits- und Wettergott in Kanaan dar. In der jüdischen und christlichen Religion ist der Baal daher ein heidnischer Gott und wird als „Götze“ bezeichnet. Götzen wiederum sind „falsche Götter“ oder Abgötter. Wir sehen in diesem Gedicht, dass die Menschen einem falschen Gott huldigen; einem jähzornigen Gott, der sich trotz der Opfergaben (Rauch der Schlote und Korybanten-Tänze) nicht beschwichtigen lässt und seine Untertanen bestraft. Den Menschen fehlt es nach Heym aber offenbar an Einsicht, dass sie ein Götzenbild verehren, da Morgen und Abend immer wieder in einen Kreislauf treten: Abends müssen die Menschen für ihre Verehrung eines Abgottes büßen, Morgens beginnt jedoch der Wiederaufbau.
Georg Heym nimmt damit stellvertretend für die expressionistischen Lyriker seiner Zeit kritisch Stellung zur Großstadt. Das Motiv „Großstadt“ taucht sehr häufig im Expressionismus auf und wird durchgehend als negativ beschrieben (historisch gesehen vollzog und überschnitt sich die Industrialisierung und Urbanisierung ungefähr zeitgleich zur expressionistischen Literaturepoche). Hauptkritikpunkte sind die Zerstörung der Natur; der Lärm, die Unruhe und der Verkehr der von der Stadt ausgeht, sowie dem „Massenphänomen“. All dies lässt sich neben weiteren typischen expressionistischen Motiven und Stilmittel in feinsten Nuances in Georg Heyms Gedicht wiederfinden. Die Großstadt erzeugt umweltschädliche Abgase in Vers 2, 8 und 11; häufig werden diese mit den typisch expressionistischen Farben schwarz und rot assoziiert. Darüber hinaus erzeugen die Fabriken und die Menschen mit ihren „Korybanten-Tänzen“ Lärm, die Menschen geben sich zudem äußerst uniform (Anonymität und Verlust von Individualität).
Jetzt lässt sich auch verstehen, warum die einzelnen Häuser, welche außerhalb der Stadt gelegen sind, sich dem Machteinfluss des Baals entziehen: Die Natur ist hier noch ursprünglich und im Einklang mit dem Menschen. Die Rachegelüste des Abgottes Baal entfalten ihre Wirkung nur in der Natur zerstörenden und materialistischen Großstadt.
Diese Art der „Naturvergewaltigung“ ist die hauptsächliche Triebfeder für die Zivilisationskritik der Expressionisten und gipfelt häufig in apokalyptischen Weltuntergangsszenarien (hier der Feuersturm ab Zeile 17).
Unterstrichen wird dies mit typisch-expressionistischen Stilmitteln. Angefangen von den bereits erwähnten Farben, welche zumeist mit schwarz (dunkel), rot und blau vergleichsweise düster ausfallen (V. 2: „Die Winde lagern schwarz“, V. 5: „der rote Bauch“, V. 8, V. 11, V. 12 etc.), bis hin zu Personifikationen2 (V. 6: „Die großen Städte knien um ihn her“), Metaphern (V. 18: „Ein Meer von Feuer“), Allegorien3 (V. 17: „Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust“) und ungewöhnlichen Wortkombinationen oder Verfremdungen (V. 2: „Die Winde lagern schwarz um seine Stirn“ [Anmerkung: „lagernde Winde“ stellt eine Antithese4 dar], V. 15: „Die Stürme flattern“,). Typischerweise sind auch viele Adjektive und Verben negativ konnotiert1 (V. 2: „schwarz“, V. 9: „dröhnt“, V. 13: „schwelt“, V. 20: „frisst“).
Sogar die äußere Form ist derartig strikt gehalten, dass sie - wie so häufig in expressionistischen Gedichten - im Kontrast zum sehr bewegten Inhalt stehen. Denn während ein Teil der Stadt pulsiert und vom Feuer „gefressen“ wird, bleibt die äußere Form durchweg gleich. Einzige Ausnahme ist ein Enjambement5 in Zeile 18f („Ein Meer von Feuer jagt/Durch die Straße“).
Allein ungewöhnlich scheint die Erwähnung eines Gottes zu sein. Dies ist für expressionistische Lyrik eher anormal. Im Expressionismus wird das Vorhandensein eines Gottes oder anderen übernatürlichen Kräften meist konsequent geleugnet (so genannter „Transzendenzverlust6“). Dennoch lässt sich auch hierfür eine Erklärung finden: Die Expressionisten entsagen der Existenz eines wohlgefälligen und gutmütigen Gottes, der „Gott der Stadt“ ist hier jedoch ein Abgott, ein falscher und zerstörerischer Gott, der den Menschen in keinster Weise wohlgesonnen scheint. Wenn es jedoch nur den jähzornigen Abgott Baal gibt, jedoch keinen Gott, wie wir ihn kennen, dann wird damit auch jegliche Hoffnung in diesem Gedicht unterwandert. Hoffnungslosigkeit ist ein zentrales Anliegen, dass Expressionisten in ihren Gedichten zu vermitteln versuchen.
Der Baal ist hier also nicht als Gott im theistischen Sinne zu sehen, sondern viel mehr im übertragenen Sinne: Der Baal steht stellvertretend für die negativen Auswirkungen und den Preis, den die Menschen durch ihr zerstörerisches Großstadtverhalten bezahlen müssen.
Schlussendlich lässt sich feststellen, dass Georg Heym hier ein Gedicht geschrieben hat, dass stellvertretend und wegweisend für seine expressionistischen Nachfolger war, die sich mit dem Thema „Großstadt“ beschäftigt haben. Nochmal kurz und prägnant lässt sich zusammenfassen, welches Bild Heym von der Stadt für seine expressionistische Nachwelt geprägt hat:
Kritik an:
-Lärm/Unruhe/Verkehr
-Wahnsinn
-„Vergewaltigung der Natur“; Bedrohung der Natur durch den Menschen
-Moloch (=menschenfressendes Ungeheuer)
-Zivilisationskritik
(-Anonymität und Einsamkeit, siehe hierzu „Städter“ von Alfred Wolfenstein)
(-Abscheu vor dem Menschen, siehe hierzu „Nachtcafè“ von Gottfried Benn)
| 1 | (Dreigliedrige) Steigerung. |
| 2 | Bei der Personifikation wird ein lebloser oder ein abstrakter Begriff, oder aber auch ein Tier, „vermenschlicht“. Personifikationen treten z.B. immer in Fabeln auf (da Tiere wie Menschen handeln). Anderes Beispiel: Der Mond schaut zornig drein; der Mond nimmt hier also charakteristische menschliche Züge an. |
| 3 | Konkrete Darstellung eines abstrakten Begriffes, oft durch Personifikation. |
| 4 | Gegenüberstellung von Gegensätzen; Behauptungen die sich zu widersprechen scheinen. |
| 5 | Zeilensprünge. Ein Satz wird hier häufig gegen die Logik des Lesers mittendrin umgebrochen und auf zwei Verse verteilt. Je nach Kontext und Art der Umbrechung kann der Satz damit abgehackt (da man wegen der Unlogik zu Gedanken- und Sprechpausen gezwungen wird) oder auch temporeich wirken. |
| 6 | „Entgötterung", Hinterfragung und Verdrängung von Supranaturalismus (übernatürlichen Erscheinungen). Der Transzendenzverlust ist charakteristisch für den Expressionismus. |
