| 1 | 01 | Ein weißer Vogel ist der große Himmel. |
|---|---|---|
| 02 | Hart unter ihn geduckt stiert eine Stadt. | |
| 03 | Die Häuser sind halbtote alte Leute. | |
| 2 | 04 | Griesgrämig glotzt ein dünner Droschkenschimmel1. |
| 05 | Und Winde, magre Hunde, rennen matt. | |
| 06 | An scharfen Ecken quietschen ihre Häute. | |
| 3 | 07 | In einer Straße stöhnt ein Irrer: Du, ach, du – |
| 08 | Wenn ich dich endlich, o Geliebte, fände ... | |
| 09 | Ein Haufen um ihn staunt und grinst voll Spott. | |
| 4 | 10 | Drei kleine Menschen spielen Blindekuh – |
| 11 | Auf alles legt die grauen Puderhände | |
| 12 | Der Nachmittag, ein sanft verweinter Gott. |
| 1 | Pferd, dass zum Ziehen von Kutschen eingesetzt wird. |
Die Epoche des Expressionismus besteht aus einer Künstlergeneration zwischen den Weltkriegen, die sich dem nationalistischen, bürgerlichen und wilhelminischen Denken ihrer Zeit abwandten. In den gesellschaftskritischen Werken der Expressionisten wurden Themen wie Wahnsinn, Tod, Umwelt, Krieg, Verfall der Gesellschaft und die infolge der Industrialisierung entstandenen Großstadtprobleme behandelt.
Der Expressionismus überschnitt sich mit der noch nicht abgeschlossenen Industrialisierung. Dabei warnen die Expressionisten häufig vor den Folgen der Industrialisierung, wie der Degradierung der Menschen zu Maschinen und der Verlust der Individualität durch Automatisierungsprozesse. Zudem gab es noch ein Stände-Denken in der Gesellschaft, bei dem sich Macht und Produktionsmittel bei den Großunternehmen bündelten. Die sozialen Spannungen zwischen Arbeiterschicht und Unternehmer, die durch die Ungleichverteilung von Besitz entstand, wurden Thema einiger expressionistischer Werke.
Die Expressionisten warnten jedoch nicht nur vor den Zeichen ihrer Zeit, sondern wollten die Gesellschaft umwälzen und erneuern. Nicht nur die sozialen Konflikte gaben hierfür Anlass, sondern auch die wirtschaftliche Krise durch den Versailler Vertrag und die erneute Militarisierung zwischen den Großmächten. Der Mensch war aus Sicht der Expressionisten mit seinem bisherigen Denken in eine Sackgasse geraten, das System drohte instabil zu werden. Aus diesem Grund schlossen sich viele Friedrich Nietzsches Idee vom Übermenschen an. Der Übermensch bricht mit der Gesellschaft, überwindet sich selbst und schafft neue Werte.
Der expressionistischen Bewegung wird durch die Konflikte mit den konservativen Familienwerten häufig auch ein Vater-Sohn-Konflikt zugeschrieben.
Lichtenstein war Sohn eines Fabrikanten, lebte in Berlin und machte 1909 dort sein Abitur. Nach dem Abitur begann er ein Studium zur Rechtswissenschaft in Berlin, später in Erlangen. Zu Beginn seiner Studienzeit begann Lichtenstein auch mit dem Veröffentlichten von Gedichten in der Berliner Zeitschrift Der Sturm und der politischen Zeitschrift Die Aktion. Als er dann 1913 seine Promotion als Doktor in Rechtswissenschaften abschließt, erscheint auch seine bedeutendste Gedichtsammlung Die Dämmerung.
1913 tritt Alfred Lichtenstein zunächst als Freiwilliger in den bayerischen Militärdienst ein und wurde von Beginn an im 1. Weltkrieg eingesetzt. Bereits 1914 fällt Lichtenstein an der Westfront, dem französischen Vermandovillers.
Lichtenstein ist besonders für seine grotesken Werke mit surrealen Zügen bekannt (z.B. in dem Gedicht Die Dämmerung). Dabei neigte er auch dazu andere zeitgenössische Dichter wie Georg Heym, Gottfried Benn und Jakob van Hoddis zu karikieren und über sie zu spotten, indem er sie in seinen Gedichten als Phantasiefiguren auftreten ließ.
Alfred Lichtenstein verarbeitete in seinen Werken zudem einige seiner Kriegserfahrungen. Es lassen sich Motive von Verzweiflung und Todesvorahnung wiederfinden, z.B. in dem Gedicht Abschied.
In Alfred Lichtensteins Gedicht „Die Stadt“, welches im Jahre 1913 entstanden ist, werden einzelne Bilder von einer Stadt herausgegriffen und vorgestellt. Dabei entsteht eine Kritik am Alltag einer Stadt, welcher Gefühle nicht toleriert.
Obwohl das Gedicht zunächst wirr und unverständlich erscheint, ist eine Person, welche in einer Großstadt lebt, in der Lage, sich in die beschriebene Situation hineinzuversetzen, vielleicht sogar ihren eigenen Alltag beschrieben zu finden. So erkenne ich viele Bilder wieder, wenn ich das Gedicht mit meinen Eindrücken der Stadt, in der ich lebe, vergleiche.
Das Gedicht besteht aus vier Strophen zu je drei Versen. Jeweils die erste und die zweite und die dritte und vierte Strophe sind durch das Reimschema miteinander verknüpft, welches sich im Schema a b c a b c über die jeweiligen beiden Strophen zieht. Ein fünfhebiger Jambus taucht in jedem Vers auf. Dabei findet sich in jeder Strophe im ersten Vers eine weibliche Endung, im zweiten eine männliche und zuletzt wieder eine weibliche.
In der ersten Strophe beschreibt der Erzähler eine Stadt von weitem. In der Zweiten Strophe geht er genauer auf die Stadt ein, indem die Pferde der Stadt geschildert werden. In den letzten beiden Strophen schließlich geht er auf die Menschen der Stadt ein, wobei er sich in den letzten beiden Versen der letzten Strophe wieder vom Geschehen entfernt.
In seinem Gedicht verwendet Lichtenstein Metaphern wie das Bild: „Ein weißer Vogel ist der große Himmel“ (s. V. 1) und Personifikationen1 (vgl. V. 3, 12). In den ersten beiden Strophen verwendet er kurze, aber trotzdem noch grammatikalisch richtige Sätze, von denen jeder in einem eigenen Vers steht. Dagegen verschwimmt dieser strukturierte knappe Aufbau in den darauf folgenden Strophen immer mehr, indem die Verse teils einen direkten Bezug zueinander aufweisen und Gedanken über zwei Verse verteilt sind (vgl. V. 7/8). Diese Entwicklung findet in den letzten beiden Versen der letzten Strophe ihren Höhepunkt in einem Enjambement2. Wenn Lichtenstein von Menschen spricht, so verwendet er nie eine konkrete Beschreibung einer Person, sondern reduziert die Umschreibung auf die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Menschengruppe, so dass er den Mann, um welchen sich die dritte Strophe dreht, nicht beschreibt, sondern ihn als „ein[en] Irren“ (s. V. 7) vorstellt.
Begriffe wie: „hart“ (s. V. 2), „stiert“ (s. V. 2), „halbtote“ (s. V. 3), „alte“ (s. V. 3), „griesgrämig“ (s. V. 4), und „grau“ (s. V. 11) vermitteln eine düstere, traurige und unangenehme Stimmung, welche das beschriebene Stadtleben selbst in einem negativen Licht erscheinen lässt. Diese negativen Eigenschaften einer Stadt hebt Lichtenstein auf formeller und sprachlicher Ebene hervor: Zwar beginnt er zunächst mit einem positiven Bild eines „weiße[n] Vogel[s]“ (s. V. 1) und eines „große[n] Himmel[s]“ (s. V. 1), welche beide für Freiheit stehen, und verwendet die Farbe Weiß (vgl. V. 1), welche den Frieden und Reinheit symbolisiert, doch macht das den Umschwung in das darauf folgende negative Bild nur umso abrupter und lenkt so den Blick des Lesers ganz besondert darauf. Der steife, fast schon mechanische Ablauf eines Tages in der Stadt spiegelt sich in den kurzen, sachlich und mechanisch wirkenden Sätzen der ersten beiden Strophen wieder. Diese Mechanik wird ebenfalls durch die Synästhesie der quietschenden Häute (vgl. V. 6) ausgedrückt, welche zugleich, die „scharfen Ecken“ (s. V. 6) besonders grausam erscheinen lassen, wenn diese sogar Haut zum Quietschen bringen. In der dritten Strophe scheint sich dieses trübe Bild langsam zu lichten, indem zum ersten Mal von Gefühlen für eine „Geliebte“ (s. V. 8) die Rede ist und auch die strenge versgebundene Form leicht gelöst wird. Jedoch wird auch hier das aufkeimende positive Bild wie in der ersten Strophe jäh zerstört: So wird der Mann, welcher in einer Straße (vgl. V. 7) seine Gefühle zeigt, als „Irrer“ (s. V. 7) bezeichnet und ist dem Unverständnis und Spott der Masse (vgl. 9) ausgeliefert. So wird der Eindruck vermittelt, dass in einer Stadt keinerlei Gefühle toleriert, sondern sogar verspottet werden. Auch in der letzten Strophe erscheint das Enjambement als endgültiger Bruch aller Regeln der strengen Trennung und Richtlinien. Doch noch in den gleichen Versen findet sich ein Bild, welches der Stadt vorwirft, vollkommen an ihren Alltag gefesselt zu sein. Hier wird nämlich der Nachmittag, welcher Tag für Tag wiederkehrt und im Gegensatz zum Morgen, welcher das Gefühl von Aufbruch vermittelt, mitten im Tag steht und keinerlei Möglichkeit zum Aufbruch oder zur Umkehr bietet, zu einem Gott erhoben und damit zur höchsten Instanz, die über den Lauf der Dinge entscheidet. Zusätzlich klagt Lichtenberg die Menschen der Stadt an, einander nur grob verschiedenen Gruppen von Mensch zuzuordnen und verurteilen ohne einander näher zu kennen, indem er genau das mit den Menschen in seinem Gedicht tut: Er stellt sie als Mitglieder einer bestimmten Gruppe von Manschen vor ohne sie genauer zu beschreiben und dem Leser so die Möglichkeit entzieht, diese selbst zu beurteilen. Zuletzt ordnet er die verdinglichten Lebewesen (vgl. V. 6) der personifizierten Stadt (vgl. V. 3, 12) unter, wodurch er die Stadt zu einem Lebewesen macht, welches den Menschen zu einem leblosen Teil eines ihm untergeordneten Mechanismus macht.
So wird das Gedicht zu einer Kritik an der strengen Abfolge des Alltages, in welcher Gefühle verlacht werden und der Alltag zum Einzigen, was zählt, erhöht wird. Dabei kann keiner aus diesem System ausbrechen, da alles nur ein Teil einer riesigen Maschine ist.
Diese Art von Kritik entspricht der Kritik an der zu Beginn des 20. Jh. sich schnell entwickelnden Schnelllebigkeit und technischen Entwicklung, welche von den Expressionisten scharf kritisiert wurde. Während des Expressionismus, welcher von 1910 bis 1920 eingeordnet wird, versuchten viele Autoren und Künstler, die vorhandene Situation als etwas Schlechtes darzustellen, um die Menschen zu Veränderungen zu veranlassen. So waren oft die Themen der Lyrik die Anonymität des Menschen und die düsteren, überfüllten und schnelllebigen Städte. Oft verwendet wurden auch die Personifikation der Stadt und die Verdinglichung ihrer Bewohner, was ebenfalls in diesem Gedicht vorhanden ist.
Mit Blick auf die heutige Zeit und Situation ist dieses Thema auch heute noch aktuell. Ja sogar aktueller denn je. Die technischen Errungenschaften lösen sich im Monatstakt ab und bei aller Schnelllebigkeit kommen nur noch wenige wirklich mit. Die Anonymität des Menschen ist sogar noch vertieft worden und jeder wird auf den ersten Blick und nach dem ersten Eindruck verurteilt und in einer Kategorie abgelebt, wie eine Akte. Somit mag Lichtenbergs Darstellung der Entwicklung zu seiner Zeit noch überspitzt geklungen haben, doch findet man in der Tat einen äußerst realen Grundstein für diese Darstellung, heute sogar noch mehr als zu Beginn des letzten Jahrhunderts.
78db329| 1 | Bei der Personifikation wird ein lebloser oder ein abstrakter Begriff, oder aber auch ein Tier, „vermenschlicht“. Personifikationen treten z.B. immer in Fabeln auf (da Tiere wie Menschen handeln). Anderes Beispiel: Der Mond schaut zornig drein; der Mond nimmt hier also charakteristische menschliche Züge an. |
| 2 | Zeilensprünge. Ein Satz wird hier häufig gegen die Logik des Lesers mittendrin umgebrochen und auf zwei Verse verteilt. Je nach Kontext und Art der Umbrechung kann der Satz damit abgehackt (da man wegen der Unlogik zu Gedanken- und Sprechpausen gezwungen wird) oder auch temporeich wirken. |
