| 1 | 01 | Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe |
|---|---|---|
| 02 | so müd geworden, dass er nichts mehr hält. | |
| 03 | Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe | |
| 04 | und hinter tausend Stäben keine Welt. | |
| 2 | 05 | Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, |
| 06 | der sich im allerkleinsten Kreise dreht, | |
| 07 | ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, | |
| 08 | in der betäubt ein großer Wille steht. | |
| 3 | 09 | Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille |
| 10 | sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein, | |
| 11 | geht durch der Glieder angespannte Stille - | |
| 12 | und hört im Herzen auf zu sein. |
Der Symbolismus zeichnet sich durch seine idealisierten Züge aus. Er ist eine Gegenbewegung zum positivistischen Realismus und Naturalismus.
Der Symbolismus entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts und ist damit geprägt vom wissenschaftlichen Fortschritt und der Industrialisierung. Insbesondere hatte der Materialismus und philosophische Positivismus starken Einfluss auf diese Epoche. Die Symbolisten lehnten die Versachlichung des Menschen und die Abschaffung von abstrakten und ideal-ästhetischen Werten durch den Positivismus ab. Während sich Realismus und Naturalismus der streng wissenschaftlichen Ausrichtung der Positivsten anschlossen, wandten sich die Symbolisten diesem rationalistischem Weltbild ab.
Der Österreicher Rilke wuchs als zweites Kind eines charakterschwachen Vaters und einer herrschsüchtigen Mutter auf. Der Vater scheiterte bei seinem Versuch eine militärische Laufbahn einzuschlagen und wurde schließlich Bahnbeamter. Die Mutter war autoritär und entstammt einer gut gestellten Prager Fabrikantenfamilie. Da die Mutter ihrer Stellung gemäß von einem vornehmen Leben träumte und dies für die Eheleute Rilke nicht zutraf, trennte sich die Mutter 1884 vom Vater.
Nach dem Tod der älteren Schwester wurde Rainer Maria Rilke seitens der Mutter in eine Stellvertreterrolle gedrängt. Die Mutter verkraftete den Verlust der Tochter nicht und klammerte sich an den jüngeren Sohn, der bis zum sechsten Lebensjahr als Mädchen erzogen wurde.
Trotz seiner bereits ersichtlichen dichterischen Talente wurde Rainer Maria Rilke von den Eltern zum Besuch einer Militärrealschule gedrängt. Aufgrund der Erfahrung mit dem militärischen Drill und der Männergesellschaft wurde Rilke nachhaltig traumatisiert. 1891 brach Rilke seine Offizierslaufbahn wegen Krankheit dann vorzeitig ab.
Rilke bereite sich zwischen 1892 und 1895 auf das Abitur vor, dass er bestand und ihn 1895/1896 zum Studium der Literatur, Kunstgeschichte und Philosophie qualifizierte.
Rainer Maria Rilke wurde zum bedeutendsten Lyriker deutscher Sprache. Neben literarischen und lyrischen Übersetzungen von fremden Sprachen ins Deutsche, verfasste Rilke Romane, Kunst- und Kultur-Aufsätze und Erzählungen. Die Briefwechsel Rilkes bildeten häufig die Basis seiner literarischen Werke.
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Das Gedicht bezieht sich auf einen Panther, dem Rainer Maria Rilke im Jardin des Plantes begegnet ist. Der Jardin des Plantes ist ein botanischer Garten im Südosten von Paris. Der Garten existiert seit 1626 und ist damit der älteste Bestandteil des staatlichen Forschungs- und Bildungsinstitutes für Naturwissenschaften Muséum national d'histoire naturelle.
Im Zuge der französischen Revolution wurden 1793 alle exotischen Tiere an die Naturforscher des Jardin des Plantes zur Schlachtung und Ausstopfung übergeben. Die Forscher ließen die Tiere jedoch am leben und bildeten die Ménagerie du Jardin des Plantes, die damit der erste und heute noch existierende Tiergarten ist.
In dem Gedicht „Der Panther“ von Rainer Maria Rilke, geschrieben 1903, geht es um einen gefangenen Panther und dessen Existenz in einem Käfig.
Nun werden Inhalt und Aussage des Gedichts näher betrachtet.
„Der Panther“ besteht aus drei Strophen mit jeweils einem Satz, der sich über vier Verse erstreckt.
In der ersten Strophe wird der ermüdete Blick des Tieres beschrieben, das hinter den Gitterstäben, die es umschließen, nichts mehr wahrnehmen kann. Seine Welt besteht nur noch aus dem Käfig.
Der Sprecher beschreibt in der zweiten Strophe die Attribute des Tieres: es hat einen geschmeidigen Gang voller Kraft. Jedoch geht es durch seine Gefangenschaft nur im Kreis und seine Willenskraft scheint betäubt.
In der dritten Strophe wird die Wahrnehmung des Tieres beschrieben. Es nimmt zwar von Zeit zu Zeit etwas wahr, jedoch erzielen die Bilder keine Wirkung in ihm, da es nicht mehr reagieren kann.
Zuerst wird also der Blick des Panthers betrachtet, anschließend der Gang und letztendlich sein Inneres. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es in dem Gedicht um ein gefangen gehaltenes Tier geht, das äußerlich noch das zu sein scheint, was es einmal war, innerlich jedoch nicht mehr am Leben ist.
Anschließend werden formale und sprachliche Mittel untersucht.
Bei dem Gedicht handelt es sich um ein Dinggedicht1. „Das Dinggedicht ist ein Gedichttypus, der seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts deutlich ausgeprägt ist. In einem Dinggedicht wird ein Gegenstand oder Lebewesen distanziert oder objektiviert erfasst und beschrieben. Das Gedicht hat den Anspruch, das Ding so auszudrücken, als spräche es über sich selbst“. Das lyrische Ich tritt hier völlig in den Hintergrund und dient nur dazu den Gegenstand der Betrachtung zu beschreiben. Diese Merkmale treffen auch auf das vorliegende lyrische Werk zu, da ausschließlich der Panther beschrieben wird. Die ersten beiden Strophen könnten von einem äußeren Betrachter stammen, in der dritten Strophe jedoch wird das Innere des Tieres beschrieben, das von außen gar nicht einsehbar ist. Mittels dieser Gedichtform wird es also möglich Äußeres und Inneres des Panthers vollkommen darzustellen.
Das Versmaß in dem Gedicht ist ein fünfhebiger Jambus, mit einziger Ausnahme im letzten Vers, der nur aus einem vierhebigen Jambus besteht. Dies verstärkt die Wirkung des beschriebenen Bildes, der Wahrnehmung des Panthers, die im Inneren nicht mehr existiert. So wie das geregelte Versmaß erlischt, so auch der Sinneseindruck des Panthers.
Die Kadenzen2 sind abwechselnd stumpf und klingend, was für die unablässige Bewegung des Tieres in seinem Gefängnis steht. Auch der Kreuzreim (abab, cdcd, efef) steht für die steten Schritte des Panthers.
Interessant ist, dass das Substantiv „Panther“ nur in der Überschrift auftaucht. Im Laufe des Gedichts folgen nur noch Pronomen und Beschreibungen des Tieres verwendet („Sein Blick“ V. 1; „Ihm ist“ V. 3).
In der ersten Strophe gibt es die dreimalige Wiederholung von „Stäbe“ (V. 1, 4, 5) und zugleich eine ä – Assonanz: hält (V. 2), gäbe (V. 3). Durch die Repetitio und die Assonanz folgt, dass der Text in langsamen Tempo gelesen werden muss. Dies bewirkt einen verstärkten Eindruck der Eintönigkeit der Gefangenschaft.
Interessant ist auch die Personifikation3 der Stäbe in dem ersten Vers. Hier wird vom „Vorübergehn der Stäbe“ gesprochen. Tatsächlich wird dieser Vorgang jedoch durch die Bewegung des Panthers ausgelöst. Durch dieses Stilmittel wird die Passivität des Panthers hervorgehoben und dies deutet auf seine Abhängigkeit von der Umwelt hin. Ein gefangenes Tier ist auf Hilfe von außen, wie z.B. Fütterung, angewiesen. Der Panther ist also vollständig von der Außenwelt bestimmt und deshalb wirkt es auch so als ob die Stäbe – und nicht er selbst – sich bewegen würden.
Auch der Blick des Panthers ist personifiziert. Er ist „so müd geworden, dass er nichts mehr hält“ (V. 2). Das Adverb „müde“ zeigt an, dass sich das Tier schon lange in dem beschriebenen Zustand befindet. Der Ausdruck „dass er nichts mehr hält“ (V. 2) ist schon eine Vorausdeutung auf die dritte Strophe.
In Vers fünf gibt es eine Alliteration4: „Gang“, „geschmeidig“. Durch das Adjektiv „geschmeidig“ wird im Leser das Bild eines anmutigen Tieres hervorgerufen. Durch die Beschreibung dieser eleganten Bewegung wird der Kontrast zu der Gefangenschaft weiter verstärkt.
Der Superlativ „im allerkleinsten Kreise“ (V. 6) soll den Kontrast zwischen dem Panther, der für ein Leben in Freiheit geschaffen ist, und dem Eingesperrtsein verdeutlichen.
Der Vergleich „wie ein Tanz von Kraft“ (V. 7) soll im Rezipienten die Vorstellung eines mächtigen Panthers hervorrufen. Der Tanz steht allgemein für Lebensfreude und Gefühlsausdruck. Hier wird die potentielle Kraft, die in dem Tier steckt, deutlich.
Auch das Paradoxon „betäubt ein großer Wille“ (V. 8) steht für die Unterdrückung der Lebenskraft des Panthers.
Die Metapher „der Vorhang der Pupille“ (V. 9) steht für das fehlende Bewusstsein des Tieres in der Gefangenschaft. Durch das Auge werden die visuellen Eindrücke aus der Umgebung wahrgenommen. Wenn Menschen sich vertrauen und wertschätzen, dann blicken sie sich in die Augen. Im Deutschen wird es auch das „Fenster der Seele“ genannt. Dieses ist hier jedoch durch einen Vorhang verhängt. Ein Vorhang bewirkt einerseits, dass von außen niemand hereinsehen kann und zum anderen, dass man auch nicht herausblicken kann. Die Metapher verdeutlicht also, dass den Betrachtern des Panthers dessen Innenleben verborgen bleibt. Ebenso kann dieser nichts von seiner Außenwelt wahrnehmen.
In Vers zehn gibt es eine weitere Personifikation: „Dann geht ein Bild hinein“. Dieses Stilmittel steht wie das „Vorübergehn der Stäbe“ (V. 1) für die Passivität des Panthers. Dinge um ihn herum geschehen nur noch, er selbst scheint darauf kaum mehr Einfluss zu haben.
Beachtenswert ist auch die Metapher „Herz“ in Vers zwölf. Das Herz steht hier für das ganze Lebewesen, in dem das Bild „zu sein“ aufhört. Der Eindruck von außen löst in dem Tier keine Reaktion aus, da er sein Inneres überhaupt nicht erreicht. Das bedeutet, dass der Panther nicht mehr in Kontakt mit der Außenwelt steht. So wie der Panther in dem Käfig gefangen gehalten wird, so auch der Blick in dem Körper des Tieres. Ebenso wie der Panther hört der Blick dort auf „zu sein“ (V. 12), das heißt er und somit auch der Panther existieren nicht mehr in ihrer wirklichen Funktion.
Zuletzt soll noch die Bewegung des Panthers betrachtet werden. Interessant ist, dass sich das Tier unablässig den „weichen Gang“ (V. 5) vollführt. Durch die Bewegung bekommt der Leser die Vorstellung, dass es für den Panther die Möglichkeit gibt zu entkommen oder, dass er noch unversehrt ist. Äußerlich hat der Panther noch nicht aufgegeben, jedoch wird in der letzten Strophe klar, dass dies innerlich schon lange geschehen ist. Gerade durch die Betonung der Bewegung in den ersten beiden Strophen scheint das Raubtier lebendig, um so größer wirkt der Bruch in dem letzten Vers in dem beschrieben wird, dass in ihm nicht mal mehr ein Blick seiner Umgebung existieren kann.
Abschließend lässt sich zusammenfassen, dass in dem Gedicht „Der Panther“ von Rainer Maria Rilke der Zustand der Gefangenschaft auf eindrucksvolle Weise geschildert wird, indem das Tier zuerst von außen und am Schluss dessen Inneres beschrieben wird.
Eine weitere wichtige Funktion des Dinggedichts ist die Möglichkeit der Übertragung auf andere Situationen. Automatisch folgt die Assoziation mit der Gefangenschaft von Menschen. Jedoch ist die Lage des „Gefangenseins“ nicht ausschließlich auf Haftstrafe zu beziehen. Der Mensch befindet sich in vielen alltäglichen Zwängen, die ihm die Gesellschaft auferlegt oder die er sich selbst schafft. Diese können äußerst vielfältig sein und im Beruf oder auch im Privatleben auftreten. Eine eigene Befreiung des Panthers scheint in dem Gedicht unmöglich. Jedoch kann es vielleicht auch als Appell wirken sich nicht zu sehr von den fortwährenden Zwängen gefangen nehmen zu lassen, da sonst Innere Leere droht.
| 1 | Bei einem Dinggedicht wird versucht ein Objektiv mit möglichst formalen und sprachlichen Mitteln symbolisch zu deuten. Damit soll das innere Wesen eines Gegenstandes ausgedrückt werden. Das besagte Objekt wird dabei meist so beschrieben, als spräche es über sich selbst, sodass das lyrische Ich in den Hintergrund tritt. |
| 2 | Männliche (stumpfe) Reime (einsilbig): Not/Tod, Mut/Gut; Weibliche (klingende) Reime (zweisilbig mit Betonung auf der vorletzten Silbe): singen/klingen, sagen/fragen. |
| 3 | Bei der Personifikation wird ein lebloser oder ein abstrakter Begriff, oder aber auch ein Tier, „vermenschlicht“. Personifikationen treten z.B. immer in Fabeln auf (da Tiere wie Menschen handeln). Anderes Beispiel: Der Mond schaut zornig drein; der Mond nimmt hier also charakteristische menschliche Züge an. |
| 4 | Bei der Alliteration beginnen mehrere Worte mit dem gleichen Buchstaben. Beispiel: „Milch macht müde Männer munter.“ |
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Dinggedicht |
