| 1 | 1 | Singet leise, leise, leise, |
|---|---|---|
| 2 | singt ein flüsternd Wiegenlied; | |
| 3 | von dem Monde lernt die Weise, | |
| 4 | der so still am Himmel zieht. | |
| 2 | 5 | Singt ein Lied so süß gelinde, |
| 6 | wie die Quellen auf den Kieseln, | |
| 7 | wie die Bienen um die Linde | |
| 8 | summen, murmeln, flüstern, rieseln. |
Die Romantik ist die Fortsetzung des Klassizismus und stellte sich gegen die vernunftbegabte Philosophie der Aufklärung.
Häufig hat sich die Romantik der Vergangenheit in Form eines idealisierten Mittelalters bedient. Auch das Motiv Fernweh und das Reisen in exotische Länder wurde gern verwandt. Dabei stellen die Romantiker ihre Werke in den Kontext irrationaler Gefühle, Sehnsucht, Heilung der Welt und Mystik.
Die Romantiker selbst sahen sich in einem geschichtlichen Bruch. Die Aufklärung drohte - nach Darstellung der Romantiker - den Menschen von sich selbst zu entfremden, zu vereinsamen und hilflos dieser Entwicklung gegenüber zu stehen. Die Gesellschaft war ihrer Empfindung nach gespalten in eine Welt von "Zahlen und Figuren" (Novalis) und in die Welt der Gefühle und des Wunderbaren. Die Romantiker hatten eine Sehnsucht die Welt von diesem Zwiespalt zu heilen, sie versuchten diese Spaltung aufzuheben, die Welt zu vereinen und die Gegensätze zusammenzuführen.
Deutlich wurde diese Sehnsucht in den Werken, die sich den Szenerien von nebelverhangenen Tälern, mittelalterlichen Ruinen, der Natur, Märchen, Mythen und derlei Geheimnisse bedienten.
Besonderen Ausdruck nach Einheit, Heilung und Sehnsucht fand die romantische Bewegung in der blauen Blume. Sie gilt heute als zentrales Motiv der romantischen Epoche.
Brentano verbrachte als Kind mit 7 Geschwistern seine Schulzeit in Jena und Mannheim. Er versuchte dann eine kaufmännische Lehre zu absolvieren, scheiterte jedoch. Danach fing er mehrere Studiengänge an, studierte Bergwissenschaft, Medizin und Philosophie in Bonn, Halle, Jena und Göttingen, schloss jedoch keiner seiner Studienfächer ab. Während des Medizin-Studiums 1798 in Jena entdecke Brentano seiner Neigung zur Literatur, er begegnete Vertretern der Weimarer Klassik (Christoph Martin Wieland, Johann Gottfried von Herder, Johann Wolfgang von Goethe) und der Frühromantik (Friedrich Schlegel, Johann Gottlieb Fichte und Ludwig Tieck). Von den Jenaer Frühromantikern ließ sich Brentano entscheidend beeinflussen, sein erster Roman Godwi wurde deutlich durch die Frühromantiker geprägt, welcher ein paar seiner wichtigsten Gedichte enthält.
1801 beim Philosophie-Studium in Göttingen traf er Ludwig Achim von Arnim. Sie wurden schnell enge Freunde, unternahmen einige Reisen, wohnten zwischenzeitlich immer wieder zusammen. Nachdem Brentano 1804 die Schriftstellerin Sophie Mereau heiratet, zieht er nach Heidelberg. Hier veröffentlicht er mit Arnim den Liedband Des Knaben Wunderhorn und die Zeitung für Einsiedler.
Wenige Jahre nach der Heirat starb Sophie Mereau nach der Geburt des dritten Kindes, die ersten Kinder starben ebenfalls nach der Geburt. Brentano zog darauf nach Berlin, wo er für kurze Zeit für Heinrich von Kleist am Berliner Abendblatt mitarbeitete. In Berlin veröffentlichte Brentano auch einige Schriften mit antisemitischen Tendenzen wie z.B. Der Philister vor, in und nach der Geschichte.
Clemens Brentano behielt noch längere Zeit einen wechselhaften Lebensstil bei und war selten sesshaft. Gegen Ende seines Lebens war Bretano mehrere Jahre von Schwermut geprägt, bis er 1842 in Aschaffenburg im Haus seines Bruders Christian starb.
Clemens Brentano hat sich während seiner Zeit zusammen mit Ludwig Achim von Arnim in Heidelberg als heute einer berühmtesten Vertreter der Heidelberger Romantik herauskristalisiert.
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Das vorliegende Gedicht „Wiegenlied“ von Clemens von Brentano, veröffentlicht im Jahre 1852, thematisiert den Titel des Gedichts, d.h. ein Schlaflied. Da es sich also selbst reflektiert, ist es ein poetologischer Text der Romantik, der typische romantische Motive beinhaltet. Unter diesem Aspekt werde ich es analysieren, beginnend mit der formalen Struktur und darauffolgend die inhaltliche Betrachtung, sowie eine abschließende Zusammenfassung.
Das Gedicht ist regelmäßig aufgebaut. Es besteht aus zwei Strophen mit je vier Versen, die pro Strophe einen Satz ergeben. Das Reimschema ist ein durchgängiger Kreuzreim, dem die alterniereden Kadenzen1 entsprechen. Das Metrum ist ein vierhebiger Trochäus. Trotz diesem eigentlich bedeutungsschweren Metrum klingt das Gedicht harmonisch und ruhig. Dies liegt an der häufigen Verwendung von labialen Konsonanten wie „m“, „n“, „l“, die einen verstummenden Klangeffekt bewirken. Desweiteren liegen größtenteils helle Vokale vor. Die vereinzelt dunklen Vokale sind gleichzeitig lange Vokale, so dass der harmonische Eindruck nicht gestört wird. Es lässt sich sagen, dass die formale Struktur durch den regelmäßigen Aufbau und den harmonischen Klang des Gedichts dem Thema, d.h. einem Schlaflied, passend entspricht und somit den poetologischen Ansatz bestätigt.
Dies wird auch in der inhaltlichen Analyse deutlich.
Zum einen wird das romantische Motiv der Musik aufgegriffen als Verstärkung der sinnlichen Ansprache, was deutlich wird durch die Wiederholung des Verbs „singt“, bzw. „singet“ (I, 1; I, ; II, 1). Es wird also das musikalische Element des Schlaflieds reflektiert, entsprechend eines poetologischen Textes.
Darauffolgend wird die Funktion des Schlaflieds reflektiert: Zu Beginn des Textes liegt eine dreifache Wiederholung des Adjektives „leise“ (I,1) vor. Diese Wiederholung erzeugt einen sanft verstummenden und leiser werdenden Klang, insbesondere aufgrund des labialen Konsonanten „l“ und der hellen Vokale in „leise“ (I,1). Die Verwendung dieses Adjektives als auch der erzielte Klang durch die Repetitio entspricht der einschläfernden Funktion eines Schlaflieds.
Desweiteren werden mehrmals Adjektive mit ähnlicher Bedeutung verwendet. Dreimal das Adjektiv leise (vgl. I,1), zweimal flüstern (I,2; II, 4), still (I, 4), süß (II,1), gelinde (II,1). Die Adjektive beschreiben das Schlaflied: Es ist sehr leise und sacht. Diese Beschreibung der Eigenschaften eines Schlaflieds weist wiederum auf die Reflektion des Themas als Inhalt hin.
Allerdings lässt sich noch eine tiefere Bedeutung als die eines Schlaflieds erkennen. Dies wird deutlich am Bild des Mondes (vgl. I, 3). Vom ihm soll das Schlaflied etwas lernen, nämlich so zu singen, wie der Mond es tut. Das konventionelle Bild des Mondes im Schlaflied als Bewacher der Sterne wird also als romantisches Motiv kunstvoll abgewandelt, da der Mond zu etwas Handelndem wird, in dem er singt. Wie singt er aber nun? Der Mond singt, in dem er „so still am Himmel zieht“ (I, 4). Das heißt also, dass der Gesang des Mondes still ist und nicht hörbar, er besteht nur aus dem Ziehen am Himmel. Hier sind optische und akustische Eindrücke also eng miteinander verschränkt. Folglich bedeutet dies für das Wiegenlied, da es vom Mond lernen soll, dass es ebenfalls unhörbar und verborgen sein soll. Das Lied findet also, vergleichbar mit den romantischen Motiven der Ferne und der Sehnsucht keine Erfüllung: Da es verborgen ist, kann es seine Funktion, nämlich gehört zu werden, nicht erfüllen. Diese tiefere Bedeutung des Schlaflieds, nämlich nicht nur in seiner einschläfernden Funktion, sondern als verborgenes, ungestilltes Lied lässt sich auch in der zweiten Strophe belegen. Hier wird das Motiv der Natur, nämlich im Frühling und Sommer als typische Jahreszeiten romantischer Lyrik, verwendet. Zuvor lehrte der Mond das Lied den stillen, verborgenen Gesang. Den gleichen stillen und verborgenen Gesang zeigt auch die Natur. Wie die Natur, nämlich wie die „Quellen“ (II,2) und „Bienen“ (II, 3) soll das Lied singen. Durch die Anapher2 „wie“ (II, 2 und II, 3) und den Parallelismus werden die optischen Eindrücke aus der Natur eingeleitet und dargestellt. Anapher und Parallelismus, so wie insbesondere die Häufung des Vokals „i“ weisen allerdings bereits auf die akustischen Eindrücke, die in Vers vier folgen, hin. In Vers vier liegt schließlich nun eine kaum erkennbare Geräuschkulisse vor, auch klanglich bewirkt durch die viele labialen Konsonanten. Es liegt also wiederum eine Verschränkung optischer und akustischer Eindrücke vor, die verdeutlichen, dass das Wiegenlied eigentlich ein nicht erkennbares Lied ist.
Zusammenfassend lässt sich Folgendes feststellen: Das Schlaflied reflektiert sich also nicht nur in seiner Funktion als ruhiges Einschlafmittel, unterstützt durch die regelmäßige und harmonische formale Struktur, sondern auch in einer anderen Bedeutung als verborgenes, nicht hörbares Lied, unterstützt durch die Verschränkung optischer und akustischer Eindrücke. Es ist also ein poetologisches und ein romantisches Gedicht, was an der Verwendung der aufgezeigten romantischen Motive deutlich wird.
f5f78ff2f| 1 | Männliche (stumpfe) Reime (einsilbig): Not/Tod, Mut/Gut; Weibliche (klingende) Reime (zweisilbig mit Betonung auf der vorletzten Silbe): singen/klingen, sagen/fragen. |
| 2 | Wiederholung eines oder mehrerer Wörter an Satz-/Versanfängen. Beispiel: „Er schaut nicht die Felsenriffe, er schaut nur hinauf“. |
