Eine konkrete Definition der Gegenwartslyrik gestaltet sich als schwierig, da wir uns gegenwärtig noch in dieser Epoche befinden. Bei den meisten vorangegangenen Epochen war es den Dichtern nicht bekannt, wie ihre Epoche heißt und wo sie zeitlich einzuordnen ist. Der Name einer Epoche und welche Hauptmerkmale sie besaßen, wurden erst im Nachhinein erforscht und herausgearbeitet.
Im Moment kann man sagen, dass die Werke der Gegenwartslyrik so vielfältig sind, wie das Leben der heutigen Dichter selbst. Während andere Epochen teilweise von nur wenigen herausragenden Dichtern, also einer konzentrierten Künstlergruppe geprägt wurden, sieht man sich heute noch einer undeklarierbaren Menge von Lyrikern aller Herkunft und Stilrichtungen gegenüber. Zudem tauchen immer mal wieder Merkmale und Gedichte des Expressionismus, des Barocks oder anderen Epochen auf, sodass man die Charakteristika heutiger Lyrik schwer filtern und verdichten kann.
Lehrbuchmäßige Definition der Gegenwartslyrik beschreiben unsere heutige Lyrik als relativ formfrei. Der Inhalt ist dabei für den Leser häufig konkreter und es wird mehr auf Alltäglichkeiten eingegangen, als bei der traditionellen Lyrik. Dadurch, dass die Form des Gedichts freier ist, wird weniger Wert auf formale Aspekte wie Reimschema, Metrum, rhetorische Figuren oder der Sprachästhetik gelegt.
Jürgen Becker kommt gebürtig aus Köln und absolvierte dort 1953 sein Abitur. Nachdem er zunächst ein Germanistik-Studium begann und dies 1954 bereits wieder abbrach, war er in verschiedenen Bereichen tätig. Dazu gehörten Tätigkeiten in der Radio-Branche oder bei Schriftsteller-Verlagen, z.B. als Mitarbeiter beim Westdeutschen Rundfunk oder als Lektor beim Rowohlt-Verlag und später als Leiter beim Suhrkamp-Verlag und ebenfalls als Leiter der Hörspielabteilung des Deutschlandfunks (1974 bis 1993). Durch ein Stipendium kam er in den Genuss eines zweijährigen Rom-Aufenthalts (1965-1967), kurz darauf beginnt seine Karriere als freier Schriftsteller.
Jürgen Becker ist Mitglied verschiedener künstlerischen und wissenschaftlichen Vereinigungen oder Akademien. Zudem ist er Sieger von diversen Literaturpreisen und Auszeichnungen.
Seit 1965 ist er mit der Malerin Rango Bohne verheiratet. Beide haben auch einige Bücher zusammen veröffentlicht und leben weiterhin in der Nähe von Köln.
Das Werk Beckers besteht größtenteils aus Gedichten, jedoch auch aus Erzählungen und Hörspielen. Seine Literatur gilt als experimentell und besitzt im Gegensatz zu traditionellen Literaturströmungen eine freie und offene Form. Die Themen seiner Werke entstammen größtenteils aus dem Alltag von Jürgen Becker oder sind aus Erzählungen anderer Menschen von ihm adaptiert worden. Becker versucht die Wirklichkeit durch eine genaue sprachliche Umsetzung der Wahrnehmung zu beschreiben, d.h. dass scheinbare Belanglosigkeiten und Alltagssituationen durch detaillierte Beschreibungen erfasst werden und Interesse wecken soll. Eine besondere Rolle in Beckers Erzählungen nimmt die Landschaft und die Natur ein.
| 1 | 01 | Auf lauten Linien fallen fette Bahnen |
|---|---|---|
| 02 | Vorbei an Häusern, die wie Särge sind. | |
| 03 | An Ecken kauern Karren mit Bananen. | |
| 04 | Nur wenig Mist erfreut ein hartes Kind. | |
| 2 | 05 | Die Menschenbiester gleiten ganz verloren |
| 06 | Im Bild der Straße, elend grau und grell. | |
| 07 | Arbeiter fließen von verkommnen Toren. | |
| 08 | Ein müder Mensch geht still in ein Rondell. | |
| 3 | 09 | Ein Leichenwagen kriecht, voran zwei Rappen, |
| 10 | Weich wie ein Wurm und schwach die Straße hin. | |
| 11 | Und über allem hängt ein alter Lappen – | |
| 12 | Der Himmel ... heidenhaft und ohne Sinn. |
Die Epoche des Expressionismus besteht aus einer Künstlergeneration zwischen den Weltkriegen, die sich dem nationalistischen, bürgerlichen und wilhelminischen Denken ihrer Zeit abwandten. In den gesellschaftskritischen Werken der Expressionisten wurden Themen wie Wahnsinn, Tod, Umwelt, Krieg, Verfall der Gesellschaft und die infolge der Industrialisierung entstandenen Großstadtprobleme behandelt.
Der Expressionismus überschnitt sich mit der noch nicht abgeschlossenen Industrialisierung. Dabei warnen die Expressionisten häufig vor den Folgen der Industrialisierung, wie der Degradierung der Menschen zu Maschinen und der Verlust der Individualität durch Automatisierungsprozesse. Zudem gab es noch ein Stände-Denken in der Gesellschaft, bei dem sich Macht und Produktionsmittel bei den Großunternehmen bündelten. Die sozialen Spannungen zwischen Arbeiterschicht und Unternehmer, die durch die Ungleichverteilung von Besitz entstand, wurden Thema einiger expressionistischer Werke.
Die Expressionisten warnten jedoch nicht nur vor den Zeichen ihrer Zeit, sondern wollten die Gesellschaft umwälzen und erneuern. Nicht nur die sozialen Konflikte gaben hierfür Anlass, sondern auch die wirtschaftliche Krise durch den Versailler Vertrag und die erneute Militarisierung zwischen den Großmächten. Der Mensch war aus Sicht der Expressionisten mit seinem bisherigen Denken in eine Sackgasse geraten, das System drohte instabil zu werden. Aus diesem Grund schlossen sich viele Friedrich Nietzsches Idee vom Übermenschen an. Der Übermensch bricht mit der Gesellschaft, überwindet sich selbst und schafft neue Werte.
Der expressionistischen Bewegung wird durch die Konflikte mit den konservativen Familienwerten häufig auch ein Vater-Sohn-Konflikt zugeschrieben.
Lichtenstein war Sohn eines Fabrikanten, lebte in Berlin und machte 1909 dort sein Abitur. Nach dem Abitur begann er ein Studium zur Rechtswissenschaft in Berlin, später in Erlangen. Zu Beginn seiner Studienzeit begann Lichtenstein auch mit dem Veröffentlichten von Gedichten in der Berliner Zeitschrift Der Sturm und der politischen Zeitschrift Die Aktion. Als er dann 1913 seine Promotion als Doktor in Rechtswissenschaften abschließt, erscheint auch seine bedeutendste Gedichtsammlung Die Dämmerung.
1913 tritt Alfred Lichtenstein zunächst als Freiwilliger in den bayerischen Militärdienst ein und wurde von Beginn an im 1. Weltkrieg eingesetzt. Bereits 1914 fällt Lichtenstein an der Westfront, dem französischen Vermandovillers.
Lichtenstein ist besonders für seine grotesken Werke mit surrealen Zügen bekannt (z.B. in dem Gedicht Die Dämmerung). Dabei neigte er auch dazu andere zeitgenössische Dichter wie Georg Heym, Gottfried Benn und Jakob van Hoddis zu karikieren und über sie zu spotten, indem er sie in seinen Gedichten als Phantasiefiguren auftreten ließ.
Alfred Lichtenstein verarbeitete in seinen Werken zudem einige seiner Kriegserfahrungen. Es lassen sich Motive von Verzweiflung und Todesvorahnung wiederfinden, z.B. in dem Gedicht Abschied.
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Lebensraum Großstadt
Analysieren und interpretieren Sie vergleichend die Gedichte „Im Schatten der Hochhäuser” von Jürgen Becker und „Die Fahrt nach der Irrenanstalt I” von Alfred Lichtenstein.
Das Gedicht „Im Schatten der Hochhäuser” von Jürgen Becker wurde 1977 veröffentlicht. Es behandelt die Erfahrung der Großstadt aus einer nicht definierten Sicht von „Leuten”, die die Wohnungen „unten” (Vgl. Z. 1) in einem Hochhaus bewohnen. Es bezieht sich direkt auf das Alltagsleben und auf Alltagsgegenstände der Leute und reiht sich damit in die übliche Form der Großstadtlyrik der 1970er Jahre.
Ein weiteres Indiz für die epochale Einordnung des Gedichts ist die Benutzung der Umgangssprache: „Kippen und Hundekacke” (Z. 6-7).
Die Lyriker dieser Zeit versuchten durch die lebensnahe Erfahrung des Alltagslebens Verbindung zu einer empirischen Realität aufzubauen. Gerade deswegen, weil durch den Zweiten Weltkrieg jeglicher Glauben oder jegliches Vertrauen an der Echtheit der Welt verloren gegangen ist.
Im Kontrast dazu steht das expressionistische Gedicht „Die Fahrt nach der Irrenanstalt I” von Alfred Lichtenstein. Denn die Realität wird nicht versucht durch Praxisnähe zu erreichen, sondern durch das innerste Erleben des Individuums. Die Gefühle des Einzelnen sollen Garant sein für eine objektive Realität.
Die Notwendigkeit derartiger Versuche entstand mit der Entzauberung der Welt durch Fortschritt und Wissenschaft. Die rasante Entwicklung der Städte, die in Deutschland erst seit der Reichsgründung 1871 einsetzte, erfolgte simultan zur europaweiten Industrialisierung.
Das Welt- und Menschenbild wird grundlegend auf den Kopf gestellt und neu gestaltet durch ein positivistisches und pragmatistisches Konzept, welches nur noch das Erfassbare oder die Materie anerkennt. Der christliche Gott und allgemein die Transzendenz1 verliert ihre Bedeutung.
Als Folge des Verlusts eines Glaubens entsteht eine Orientierungslosigkeit. Das System Gesellschaft – verselbstständigt und autonom2 – steht im Konflikt mit dem überflüssig gewordenen Individuum. Die Erfahrung der Großstadt steht als Teil für die gesamte Erfahrung der Moderne, mit welchen sich die Dichter des Expressionismus häufig überfordert gefühlt haben.
Trotz unterschiedlicher Verfahrensweisen auf der Suche nach der Realität, ähneln sich beide Gedichte in ihrer Aussage. Jürgen Becker und Alfred Lichtenstein entdecken die Sinnlosigkeit des Lebens in einer Stadt: In Jürgen Beckers Gedicht zeigt sich eine ironische Distanz, während das Gedicht „Die Fahrt nach der Irrenanstalt I” ihr mit einem Schwall von Empfindungen begegnet.
Die Ironie in Beckers Gedicht äußert sich durch eine Kontrastbildung innerhalb jeder einzelnen Strophe.
Das Gedicht besteht aus drei Strophen, jedoch lässt sich die dritte Strophe in zwei Terzette unterteilen. Durch diese Unterteilung entsteht die Form des Sonetts.
Jeder Sinnabschnitt beinhaltet eine Kontrastbildung, um die angesprochene Ironie hervorzurufen. So geht es in der zweiten Strophe um „Wiesen” (Z. 6), die im Leser Bilder an eine schöne und grüne, mit Gras voll bewachsene Wiese hervorrufen. Dieses Bild wird mit einem Relativsatz zerstört. Auf diesen „Wiesen” (Z. 6) lockt keine Erholung, sie sind „bestreut” mit „Kippen und Hundekacke” (Z. 7-8).
Diese Bilder stehen für einen entfremdeten Umgang des Menschen mit der Natur. Die Natur findet in der Stadt keinen Platz mehr. Dort, wo sie sich findet, ist sie bestreut durch Müll und Dreck.
Das gleiche Schema zeigt sich in der dem ersten Terzett (Z. 9-11). Zunächst wird das Bild von „Fertighäuser[n] auf dem Land” (Z. 11) geschaffen, welches erneut durch einen Nebensatz seine Ästhetik verliert, indem es neben „Autobahn”, „Kraft”- und „Klärwerk” (Z. 12-13) gesetzt wird.
Auch auf dem Land sind die Einflüsse des Menschen zu beobachten. Es gibt keinen Ausweg.
Ein wichtiges und oft benutztes Motiv Jürgen Beckers ist der „Fernseh-Empfang” (vgl.: Z. 2). Es taucht am Anfang und am Ende des Gedichts auf und wird zur ironischen Kontrastbildung gebracht. Den Kontrast wurde stets gebildet, indem zunächst ein schönes Bild und danach ein unästhetisches Bild beschrieben wurde. Jürgen Becker benutzt den „schlechteren Fernseh-Empfang” (Z. 1-2) trotzdem in der ersten Hälfte der ersten Strophe sowie in der zweiten der letzten Strophe einen „Fernseh-Empfang”, der „klar” (Z. 14) ist.
So steht weniger fernsehen für etwas Gutes. Vielleicht versinnbildlicht es die Sinnlosigkeit des Lebens der Leute unten. Fernsehen wird zum prägenden Attribut und zum notwendigen Bestandteil des Lebens.
Außer dieser vorhandenen Spiegelung in allen drei Strophen liegt eine weitere Gemeinsamkeit vor. Jede Strophe beginnt mit: „Die Leute unten”, wobei in der ersten und dritten Strophe das besitzanzeigende Verb „haben (Z. 1/Z. 9) gebraucht wird und in der zweiten Strophe das Verb „leben” (Z. 5). So beschreiben erst genannte Strophen Alltagsgegenstände und die letztgenannte im übergeordneten Sinne das Alltagsleben selbst.
In der ersten Strophe wird ironisch dargestellt, was die Kinder der in den Hochhäuser lebenden Leute „schafft”. Die Kinder „schießen den ganzen Tag” (Z. 3) und „die größeren schaffen mehr noch mit ihren Mofas” (Z. 3-4). Deutlich wird, dass damit überhaupt nichts geschaffen wird. Es ist Symbol für die Sinnlosigkeit oder die Langweiligkeit in der Jugend, wenn man in einem solchen Wohnviertel oder in einem Hochhaus lebt.
In der zweiten Strophe geht es um die entfremdete Wiese. Ein Leben verliert an Wert in der Nähe von derartigem Abfall: „Päckchen, Kippen” (Z. 7).
Die dritte Strophe bringt die Ironie mit dem Bild des Fertighauses zum Höhepunkt. So hat nicht einmal das Sparen der Leute einen Sinn, denn auch die Hoffnung umzuziehen aus dem „Schatten der Hochhäuser” trügt. So ist das Land selbst schon besetzt durch allerlei neue Entwicklungen, die für die so weit fortgeschrittene Zivilisation gebraucht werden: „Kraft- und das Klärwerk” (Z. 13). Diese Bauten stehen für die Aberwitzigkeit des Fortschrittes. Viele Dinge sind erst nötig geworden, weil es neue Entwicklungen gab. Ein anderes Beispiel wäre das Telefon. Der Mensch freut sich darüber, dass er seine Mitmenschen jederzeit erreichen kann. Aber gäbe es keine Möglichkeit in kürzester Zeit riesige Strecken zurückzulegen, Z. B. mit dem Flugzeug, könnte man seine Mitmenschen öfter sehen. Es wäre nicht nötig, ständig zu telefonieren. Dies ist aber nur eine mögliche Interpretation.
Die Hoffnung auf ein schöneres Leben wird durch diesen Kontrast zerstört. Es gibt keinen Ausweg aus dem Eingeengtsein, aus dem Lärm und aus der hässlichen Stadt, welche durch den Abfall auf der Wiese dargestellt wird.
Ein Zeichen für diese Ironie und für die Sinnlosigkeit findet sich in der Form wieder. Es gibt kein Reimschema und auch kein klares Rhythmusschema. Nur jeweils der erste Vers der Strophen weist einen 5-hebigen Jambus auf. Geradezu paradox scheint die Form des Sonetts, sie vermittelt aber keine Struktur, da auch sie nicht in klassischer Form umgesetzt wurde durch die Aneinanderreihung der beiden Terzette. Es gibt keine feste Linie, an die man sich halten kann, keinen Ausweg.
Eine mögliche Gemeinsamkeit der Gedichte soll zum Hauptthema des expressionistischen Gedichts werden: die Sinnlosigkeit des Himmels. Der Himmel ist bei Jürgen Becker nur noch etwas, was man besitzen kann – ein Statussymbol für die Leute, die den Himmel schön finden. Was 1912 Alfred Lichtenstein aufgefallen ist: „Der Himmel... heidenhaft und ohne Sinn” (Z. 12), setzt sich fort in den Epochen der Menschheit. So erwähnt Becker diesen Himmel, der einst für das Göttliche stand, nur beiläufig als etwas, was man besitzen kann.
Die Analyse der Form beider Gedichte eröffnet den Blick auf weitere Gegensätze. „Die Fahrt nach der Irrenanstalt I” besteht aus drei Strophen mit jeweils vier Versen.
Männliche und weibliche Kadenzen3 wechseln sich durchgängig ab und auch das Reim- und Rhythmusmaß zeugt von Harmonie. In allen drei Strophen liegt ein Kreuzreim vor und außerdem ein 5-hebiger Jambus, der nur in Zeile 7 und 10 leicht variiert wird.
Das Gedicht von Jürgen Becker ist durchsetzt von Zeilensprüngen. Pro Strophe steht jeweils nur ein Satz, welcher durch Nebensätze erweitert wurde.
Im expressionistischen Gedicht gehören nur die ersten beiden Verse jeder Strophe zusammen. Inhaltliche Zusammengehörigkeit wird durch die Satzstruktur, d.h. durch klare Abtrennung von Haupt und Nebensätzen gekennzeichnet. Die Sprache ist nicht umgangssprachlich, sondern sehr bildhaft. Verben wie „gleiten” (Z. 5), „fließen” (Z. 7) und „kriechen” (Z. 5) bringen Bewegung in die Bilder und sorgen für eine Personifikation4 oder Animalisierung der Dinge.
In der ersten Strophe wird eine düstere Stimmung Atmosphäre geschaffen: „Vorbei an Häusern, die wie Särge sind” (Z. 2). „Fette Bahnen” (Z. 1) fallen vorbei. Diese symbolisieren die Straßen, welche durch einen lyrischen Sprecher auf eben diese Weise empfunden werden. Diese fallen auf „laute Linien” (Z. 1). Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Alliteration5 sowie durch eine erneute Personifikation: „An Ecken kauern Karren” (Z. 3).
Im vierten Vers wechselt die Perspektive von der Stadt mit ihren Straßen auf die Menschen: „ein hartes Kind” (Z. 4). Dieses erfreut sich nur über „wenig Mist” (Z. 4). Vielleicht ist es in dieser morbiden Atmosphäre abgestumpft.
In der zweiten Strophe geht es um die „Menschenbiester”, diese „gleiten ganz verloren” (Z. 5). Ein untypisches Bild wird geschaffen. Wie Ungeheuer oder Geister werden die Menschen dargestellt durch das Bewegungsverb „gleiten”.
Das Motiv des Verlorenseins als typisches im Expressionismus ausgedrücktes Gefühl verbindet sich mit einer Animalisierung der Menschen zum „Menschenbiest”.
Die wiederholte Alliteration des Konsonanten „g” wird im folgenden Vers bei der Beschreibung des Straßenbilds in der Doppelung „grau und grell” (Z. 6) aufgenommen und verstärkt. In diesem Schema des Schildern von subjektiv erlebten Eindrücken fährt der lyrische Sprecher fort, die Stadt und die Menschen negativ und düster zu beschreiben. Die Feststellung „Arbeiter fließen von verkommnen Toren” (Z. 7) greift erneut ein Bewegungsverb auf, welches für Menschen ungewöhnlich ist. Die Arbeiter werden zu einer flüssigen Masse, die in für sie von der Gesellschaft vorgefertigte Bahnen fließen. Dieses Motiv ist erneut ein typisches Motiv des Expressionismus. Das Individuum steht im Konflikt mit der Masse, die droht, alles zu vereinnahmen.
Die dritte Strophe verstärkt die düstere, negative Atmosphäre um ein Vielfaches: „Ein Leichenwagen kriegt, [...], Weich wie ein Wurm” (Z. 9-10). Die Alliteration durch den Konsonanten „w” verstärkt den vermittelten Eindruck.
In den letzten zwei Versen kommt das Gedicht zu seinem vermeintlich wichtigstem Punkt – zu der Aussage: Es stehen nicht wie vorher zwei Sätze in diesen Versen, sondern diesmal wird der dritte Vers der dritten Strophe mit einem Gedankenstrich beendet. In diesem Vers kommt das Stilmittel der Metapher vor, welches für den Himmel benutzt wird. Dieser wird nach dem Gedankenstrich als „alter Lappen” dargestellt (Z. 11-12).
Das schon angesprochene Motiv vom Verlust des Glaubens und der Transzendenz wird durch die Positionierung an das Ende des Gedichts zum wichtigsten Thema und vielleicht zum Auslöser der vorher beschriebenen Probleme. Durch den Pragmatismus hat die Menschheit ihr Wesen verloren. Sie gleicht nun Biestern, die „ganz verloren” durch „elend grau[e] und grell[e]” (Z. 5) Straßen gleiten.
Woran soll der Mensch sich halten in seiner Orientierungslosigkeit? Technischer Fortschritt und der Bau von riesigen Städten mit riesigen Hochhäusern helfen dem Menschen nicht auf der Suche nach Antworten auf existenzielle Fragen.
Im Gegenteil, eine Masse, anonym und doch gelenkt, ist eine Bedrohung für das Individuum selbst. Eine Anpassung an die Gesellschaft kommt keiner eigenen Entwicklung des Menschens gleich. Außerdem führt ein vorbehalterloser Optimismus an eine durchrationalisierte und technisierte Welt zu ungeheuren Problemen, die schon Anfang des 20. Jh. In den Großstädten aufgefallen sind.
Das Ich ist verloren. Der Himmel ist nur noch ein „alter Lappen” (Z. 11) und die Stadt wird zur Irrenanstalt. Die Deutung, dass mit dem Titel die Stadt selber gemeint ist, liegt nach Analyse des Gedichts nahe. Die geschilderte negative Atmosphäre der Stadt kommt dem negativ behafteten Titel gleich. Die Menschen sind die Irren, welche wie die Anstalt selbst, die von vermeintlich Gesunden geführt wird, von der Gesellschaft gelenkt werden.
Diese Themen kommen in beiden Gedichten vor. Nach 65 Jahren, die zwischen beiden Gedichten liegen, herrscht jedoch eine gewisse Abgeklärtheit. Die in Jürgen Beckers Gedicht „Im Schatten der Hochhäuser” übermittelte Ironie ist vielleicht die Folge einer Resignation. Oder eher Folge eines jahrzehntelang andauernden Positivismus. Es wird nicht mehr nach dem Grund oder nach der Wurzel eines Problems gefragt. Es wird nur noch oberflächlich beschrieben, was ohnehin für jeden sichtbar ist. Denn in einer Welt, in der es nicht mehr gibt als das positiv Gegebene, die Materie, denkt man nicht an einen Grund, der im Wesen einer Sache liegen könnte – an Gott oder die Transzendenz überhaupt.
Alfred Lichtenstein reagiert auf die gewaltsamen Veränderungen seiner Zeit durch Mitteilen seiner Empfindungen. Oder wie Gottfried Benn es formulieren würde: „durch Exzesse seines Individualismus”. Jürgen Becker hingegen reagiert auf die Ungereimtheiten der Welt nur mit Ironie und mit der Schilderung von seinen äußerlichen Beobachtungen.
| 1 | transzendental: übernatürlich; die Grenzen des sinnlich Wahrnehmbaren und Erkennbaren überschreitend. |
| 2 | selbstständig |
| 3 | Männliche (stumpfe) Reime (einsilbig): Not/Tod, Mut/Gut; Weibliche (klingende) Reime (zweisilbig mit Betonung auf der vorletzten Silbe): singen/klingen, sagen/fragen. |
| 4 | Bei der Personifikation wird ein lebloser oder ein abstrakter Begriff, oder aber auch ein Tier, „vermenschlicht“. Personifikationen treten z.B. immer in Fabeln auf (da Tiere wie Menschen handeln). Anderes Beispiel: Der Mond schaut zornig drein; der Mond nimmt hier also charakteristische menschliche Züge an. |
| 5 | Bei der Alliteration beginnen mehrere Worte mit dem gleichen Buchstaben. Beispiel: „Milch macht müde Männer munter.“ |
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Helmut Lethen: Der Sound der Väter |
