| 1 | 01 | Pralle Wolken jagen sich in Pfützen |
|---|---|---|
| 02 | Aus frischen Leibesbrüchen schreien Halme Ströme | |
| 03 | Die Schatten stehn erschöpft. | |
| 04 | Auf kreischt die Luft | |
| 05 | Im Kreisen, weht und heult und wälzt sich | |
| 06 | Und Risse schlitzen jählings sich | |
| 07 | und narben | |
| 08 | Am grauen Leib. | |
| 09 | Das Schweigen tappet schwer herab | |
| 10 | Und lastet! | |
| 11 | Da rollt das Licht sich auf | |
| 12 | Jäh gelb und springt | |
| 13 | Und Flecken spritzen - | |
| 14 | Verbleicht | |
| 15 | Und | |
| 16 | Pralle Wolken tummeln sich in Pfützen. |
Die Epoche des Expressionismus besteht aus einer Künstlergeneration zwischen den Weltkriegen, die sich dem nationalistischen, bürgerlichen und wilhelminischen Denken ihrer Zeit abwandten. In den gesellschaftskritischen Werken der Expressionisten wurden Themen wie Wahnsinn, Tod, Umwelt, Krieg, Verfall der Gesellschaft und die infolge der Industrialisierung entstandenen Großstadtprobleme behandelt.
Der Expressionismus überschnitt sich mit der noch nicht abgeschlossenen Industrialisierung. Dabei warnen die Expressionisten häufig vor den Folgen der Industrialisierung, wie der Degradierung der Menschen zu Maschinen und der Verlust der Individualität durch Automatisierungsprozesse. Zudem gab es noch ein Stände-Denken in der Gesellschaft, bei dem sich Macht und Produktionsmittel bei den Großunternehmen bündelten. Die sozialen Spannungen zwischen Arbeiterschicht und Unternehmer, die durch die Ungleichverteilung von Besitz entstand, wurden Thema einiger expressionistischer Werke.
Die Expressionisten warnten jedoch nicht nur vor den Zeichen ihrer Zeit, sondern wollten die Gesellschaft umwälzen und erneuern. Nicht nur die sozialen Konflikte gaben hierfür Anlass, sondern auch die wirtschaftliche Krise durch den Versailler Vertrag und die erneute Militarisierung zwischen den Großmächten. Der Mensch war aus Sicht der Expressionisten mit seinem bisherigen Denken in eine Sackgasse geraten, das System drohte instabil zu werden. Aus diesem Grund schlossen sich viele Friedrich Nietzsches Idee vom Übermenschen an. Der Übermensch bricht mit der Gesellschaft, überwindet sich selbst und schafft neue Werte.
Der expressionistischen Bewegung wird durch die Konflikte mit den konservativen Familienwerten häufig auch ein Vater-Sohn-Konflikt zugeschrieben.
August Stramm begann nach seiner Schulzeit am ehem. Kaiser-Wilhelms-Gymnasium in Aachen eine Laufbahn als Postbediensteter ein. Er wurde schnell Postsekretär, wurde zum Seepostdienst versetzt und absolvierte die Verwaltungsprüfung für Post und Telegrafie. 1909 promovierte Stramm an der Universität Halle-Wittenberg und schrieb eine Dissertation zum Welteinheitsporto. Er wurde danach zum Postinspektor befördert.
1902 heiratete er Else Krafft, mit welcher er 1903 und 1904 eine Tochter und einen Sohn bekam. 1905 zog er nach Berlin.
Bis 1912 hat sich Stramm immer wieder an literarischen Arbeiten versucht, konnte aber erst in Werken wie Rudimentär und Die Haidelbraut zu seinem eigenen Stil finden. Seine Werke zeichnen sich besonders durch Zerstörung von Syntax und Wortform aus, er ordnet einzelne Sprachelemente in ungewohnten Kombinationen an. Seine Texte wirken zerhackt, knapp, hart. Der Stil von Stramm hob sich entscheidend von früheren Expressionisten wie Georg Heym ab und wurde wegweisend. Die ungewohnten Sprachmontagen aus schrägen Rhythmen, Satz- und Wortfetzen machen überzeugend das Grauen des ersten Maschinenkriegs deutlich.
Nach der Post-Karriere absolvierte Stramm 1896/97 den preußischen Militärdienst. Auch hier errang er verschiedene Dienstgrade. Er wurde 1902 zum Leutnant und 1913 zum Hauptmann der Reserve ernannt. Als Hauptmann hatte August Stramm den höchsten militärischen Grad als Zivilist erreicht. Während des Krieges im Elsaß und an der Ostfront wurde Stramm Kompanieführer und Bataillonskommandeur.
1915 fiel Stramm beim Angriff auf die russischen Stellungen bei Grodek.
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Das vorliegende Werk „Vorfrühling” von August Stramm aus den Jahren 1914/15 ist der Epoche des Expressionismus zuzuordnen. Es handelt sich um eine Strophe mit 16 Versen und vier Sätzen.
Dabei bilden jeweils die Verse 1-3, 4-8, 9/10 sowie 11-16 einen durch Interpunktion gekennzeichneten Satz.
Der Titel „Vorfrühling” deutet auf eine zu erwartende Besserung der aktuellen – nicht explizit genannten - Situation hin, denn Frühling steht generell für neues Leben und eine aufblühende Zeit nach dem kalten Winter.
Demnach ist der Vorfrühling eine Art Hoffnung auf Hoffnung, wenn der eigentliche Frühling bereits die Hoffung auf Neues ist. In dieser doppelten Form, zeigt sich jedoch eher Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit auf Besserung.
Zunächst scheinen die Begriffe wahllos Tätigkeiten zugeordnet zu sein, die nicht zusammen passen. Bei genauerer Analyse erkennt man jedoch, dass es sich um eine verzerrte Wahrnehmung handelt, die zwar unrealistisch, aber dennoch auf eine gewisse Art und Weise nachvollziehbar ist. Auffällig ist ebenfalls die ständige Personifizierung der Natur.
Stramm verwendet Satzzeichen nur sehr unregelmäßig und unzureichend, sodass eine zusätzliche Verständniserschwernis vorliegt. Das Fehlen der Kommata wird durch die zahlreiche Verwendung des Wortes „und” jedoch relativiert.
In Vers 1 spricht das lyrische Ich von sich in Pfützen jagenden Wolken. Hierbei handelt es sich um eine Spiegelung schnell vorbeiziehender (Regen-)Wolken im Wasser. Durch das Wort „jagen” wird bereits deutlich, dass dieser Sachverhalt eher als negativ und bedrohlich wahrgenommen wird, obwohl es sich um ein harmloses Naturschauspiel handelt.
Der gleiche Satz wird im letzten Vers wiederholt, sodass eine Art Rahmen entsteht.
Der nächste Vers wirft die Frage beim Leser auf, woher die „frischen Leibesbrüche” stammen. Handelt es sich hier – passend zum Entstehungszeitraum - um ein Kriegsgeschehen?
Auch die erschöpften Schatten (V.3) deuten auf ein vorangegangenes, anstrengendes und als schrecklich empfundenes Geschehnis hin.
Bei der aufkreischenden Luft handelt es sich vermutlich um kreischende Vögel am Himmel oder aber um das Pfeifen des Windes (V.4/5). Eindeutig ist jedoch, dass auch dieses Geräusch unheimlich zu sein scheint, was durch die Worte „heult” und „weht” verstärkt wird.
Im Folgenden wird vermutlich ein Verwunderter oder aber bereits gestorbener Mensch beschrieben (V.6-8), was wiederum auf ein Kriegsgeschehnis hindeutet. Das Adjektiv „grau” (V.8) steht in Verbindung mit Leib für alt. Wer älter wird, bekommt graue Haare und wird sprichwörtlich „alt und grau”.
Die herrschende Stille wird hier nicht als beschaulich und angenehm dargestellt, sondern belastet den Sprecher, der sich vermutlich eine lebendigere Szenerie wünscht (V.9/10).
Eine Veränderung tritt ein, wenn die Sonne aufgeht (V.11). Jedoch wird auch an dieser Stelle nicht von Sonnenstrahlen oder positiven Wirkungen des Lichtes gesprochen, sondern von Flecken und Verbleichungen (V.12/14). Dies zeigt erneut die Unkonventionalität der Metaphern, denn die Sonne symbolisiert normalerweise – wie bereits der Frühling - Hoffnung
Der letzte Vers greift – wie bereits erwähnt - den ersten noch mal auf, sodass eine Art Einrahmung des Geschehens bewirkt wird. Gleichzeitig wird deutlich, dass im Vergleich zum Beginn der Beschreibung all dieser Wahrnehmungen keine wirkliche Veränderung eingetreten ist und im Grunde genommen alles gleich geblieben ist.
Das Werk ist während des ersten Weltkrieges entstanden, also eines gesellschaftlich unruhigen Zeit. Zeitgleich fand eine deutliche und weitreichende Industrialisierung und Technisierung statt, die mit Urbanisierung und Anonymität der Individuen einherging, d.h. man kannte seine städtischen Nachbarn nicht mehr so, wie man es vom Landleben her gewohnt war.
So müsste man eigentlich Annehmen, dass die Natur als Zufluchtsort vor diesen negativen Folgen diente. Doch das Gedicht verdeutlicht eine gegenteilige Tendenz. Die Natur ist kein Refugium, sondern Ort des Schreckens. Dies geht mit der verzerrten Wahrnehmung des Sprechers einher.
Abschließend lässt sich also feststellen, dass das Gedicht von Widersprüchen und Unklarheiten geprägt ist, was vermutlich auf eine deutliche Verwirrung des Autors zurückzuführen ist, der zu dieser Zeit bereits am Kriegsgeschehen teilgenommen hatte und von dessen Folgen geprägt war.
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