Inhaltsangabe, Analyse und Interpretation
Das, der Epoche des Expressionismus zuzuordnende, Gedicht „Im Dämmer“ von Paul Zech würde 1913 verfasst. Das Gedicht beschreibt einen Abend zur Zeit der Industrialisierung, unter besonderer Berücksichtigung des Lebens der Menschen und die Beschreibung der Fabrik.
Das Werk steht in der Sonettform, das heißt, es besteht aus zwei Quartetten und zwei Terzetten. Das Reimschema ist ein umarmender Reim, welcher in den beiden Terzetten leicht abgeändert wird.
In der ersten Strophe findet eine Umgebungsbeschreibung statt. In den dunklen Kanälen spiegeln sich die Lichter der Fabriken (vgl. V. 3f.). Die Straßen sind voller Rauch. Das Aufsteigen des Rauches wird vom Wind verhindert (vgl. V. 3f.).
In der zweiten Strophe werden die Menschen innerhalb des Fabrikgeländes beschrieben. Eine Gruppe von Menschen kehrt nach ihrer auszehrenden und schlecht bezahlten Arbeit zu ihren ärmlichen Schlafkabinen zurück (vgl. V. 5f.). Währenddessen sitzen die anderen Arbeiter, von billigen, alkoholischen Getränken stark alkoholisiert, in der Kantine. Ihr Verhalten wird dabei als laut und wild beschrieben (vgl. V. 7-8).
Im ersten Terzett findet eine weitere Umgebungsbeschreibung statt. Es wird dargestellt, wie ein Kran den Schlackeschutt von dem, im zweiten Terzett beschrieben, Walzwerk auf eine Abraumhalde oder Ähnliches befördert (vgl. V. 9-11).
In der letzten Strophe, in dem zweiten von Weiden Terzett, findet erneut eine Umgebungsbeschreibung statt, jedoch aus einer anderen Perspektive. Zuerst werden die Schornsteine des nahegelegenen Walzwerkes beschrieben. Diese sind sehr hoch und auch schon von weitem aus zu sehen. Die Arbeiter im Walzwerk warten auf einen Befehl, um mit der Produktion zu beginnen.
Das expressionistische Gedicht „Im Dämmer“ beginnt mit einer Beschreibung der Umgebung. Der erste Vers, „Im schwarzen Spiegel der Kanäle zuckt“, lässt sich mit dem zweiten Vers des Gedichtes „Die bunte Lichterketten der Fabrik“, in Verbindung setzen. Der „schwarze Spiegel der Kanäle“ (V. 1) deutet zunächst auf die Tageszeit, den Abend, beziehungsweise die frühe Nacht hin. Dieser Vers beschreibt eine sehr ruhige, fast idyllische Stimmung. Auch der zweite Vers des Quartettes verstärkt diesen Eindruck. Die Farbe schwarz wird hier mit dem bunten Licht der, als Lichterkette beschriebenen Beleuchtung kontrastiert. Im zweiten Teil der ersten Strophe, wird diese idyllische Beschreibung völlig zerstört. Auffällig sind hier Wörter wie „niedren“ (V. 3), „Ersticken“ (V. 3) und „geschwängert“ (V. 4). Diese Wörter schaffen eine Enge und das Gefühl von Beklommenheit. Das Auftreten von Rauch, welcher sich in den Engen Straßen sammelt, da er vom Wind gehindert wird aufzusteigen, schafft eine lebensfeindlich wirkende Umgebung,
In der ersten Strophe fallen mehrere Stilmittel auf. Die Beschreibung der Kanäle als Spiegel verdeutlicht die idyllische Wirkung und verstärkt die im zweiten Teil der Strophe folgende Kontrastierung. Die Metapher2 „Lichterkette der Fabriken“ (V. 2) verdeutlicht die Nähe und Menge der, in einer Reihe liegenden Fabriken. Die Personifikation3 „Die niedrigen Straßen sind bis zum Ersticken“ (V. 3) verdeutlich die Enge und auch die Dichte des Rauches. Die Personifikation „Die [...] Straßen sind [...]/ [m]it Rauch geschwängert“ (V. 3f.) beschreibt und verdeutlicht die Dichte und Omnipräsenz des Rauches.
In der zweiten Strophe werden die Menschen innerhalb des Industriegebietes beschrieben.
Der „Menschentrupp [welcher] vom Frondienst abgehärmt [ist], / schwankt schweigsam durch die [...] Kabinen“ (V. 5f.).
Die Arbeiter der Fabrik werden stark depersonalisiert. Sie werden nur durch den Neologismus4 „Menschentrupp“ (V. 5) beschrieben. Der Wert des einzelnen ist sehr gering, da sie nur als Einheit, Truppe, dargestellt werden. Die Arbeit, die sie leisten, wird als Frondienst beschrieben. Der Begriff Frondienst stammt aus dem Mittelalter und bezeichnet eine Abgabe des Leibeigenen an seinen Lehnsherrn. Für diese Abgabe ist meist keine Gegenleistung zu erwarten. Durch den Vergleich der Arbeit des „Menschentrupps“ mit einem Frondienst kritisiert das lyrische Ich die vermutliche Unmenschlichkeit dieser zu verrichtenden Tätigkeit. Diese Tätigkeit war oder ist vermutlich schlecht bezahlt, sehr schwer zu verrichten und hinterließ Schaden an Menschen, psychisch wie auch physisch. Auf diese Belastung geht das lyrische Ich in den folgenden zwei Versen ein. Im zweiten Quartett dominieren konnotierte Adjektive wie „abgehärmt“ (V. 5), „ärmlichen“ (V. 6), „verqualmt“ (V. 7), „tolle“ (V. 8) und „fuselselig“ (V. 8). Diese Adjektive verdeutlichen die Abneigung des lyrischen Ichs zu der zur Zeit vorherrschenden Industrialisierung und der in diesem Werk zu verrichtenden Arbeit. Die Alliteration5 „schwankt schweigsam“ (V. 6) verdeutlicht die Ausgezehrtheit der Menschen in der Fabrik.
Im zweiten Teil des Quartettes, also im siebten und achten Vers, wird dargestellt wie sich die „tolle Jugend [in den verqualmten Kabinen] fuselselig lärmt“ (V. 8). In diesem Teil des Quartetts werden die psychischen Auswirkungen der Arbeit in diesem Werk deutlich. Durch diese Arbeit geht nicht nur die Individualität de Einzelnen verloren, sondern auch jegliche Emotionen. Dies wird vor allem durch den starken Kontrast zwischen zwischen den beiden Strophen deutlich. Im ersten Teil der Strophe überwiegen Wörter wie „abgehärmt“ (V. 5), „schwankt“ (V. 6), „schweigsam“ (V. 6) und „ärmlich“ (V. 6). Diese erschaffen eine kraftlose, emotionslose Stimmung, während im zweiten Teil des Quartettes Wörter wie „verqualmt“ (V. 7) „tolle“, „fuselselig“ (V. 8) und „lärmt“ überwiegen. Vor allem Wörter wie „fuselselig“ und „lärmt“, stehen im starken Kontrast zur emotionslosen Stimmung, welche im ersten Teil des Gedichtes vorherrscht. Dieser verdeutlicht, dass Emotionen bei den Arbeitern nur durch berauschende Mittel wie Tabak und Alkohol möglich sind, da diese Arbeit sie zermürbt und vollständig depersonalisiert. Durch diesen berauschenden Effekt des Alkohols und des Nikotins können sie ihren Emotionen wieder freien Lauf lassen, was zu einer hohen Lautstärke und wilden ausgelassenen Alkoholexzessen führt.
In der dritten Strophe findet wieder eine Umgebungsbeschreibung statt. „[D]er Drahtseilzug [wirft] mit Kreischen / den Schlackeschutt hinunter in die flachen / Gelände [...]“ (V. 9ff). Auffällig ist hierbei die Personifizierung des Drahtseilzuges. Dies verdeutlicht, dass hinter dem Drahtseilzug zwar ein Mensch steht, dieser aber nicht nennenswert ist. Das lyrische Ich kritisiert hiermit die Mechanisierung innerhalb der Industrialisierung. Das Wort „kreischen“ verdeutlicht den Lärm, der sogar am Abend herrscht.
In der vierten Strophe wird ebenfalls die Umgebung der Fabrik beschrieben. Wörter wie „Fern“, „ragen“ und „umzischt“ (V. 9) verursachen eine mystische, unheimliche Stimmung. Durch das Wort „umzischt“ wirkt die Szenerie sehr bedrohlich. Die Beschreibung der Fabrik als „zwiegespaltne Feuerrachen“ (V. 13) verstärkt zum einen die bedrohliche Stimmung des Gedichts, zum anderen zeigt es, wie die Fabrik die Menschen verschlingt, wie ein Drache Menschen verschlingt. Dies wird vor allem durch die Beschreibung der Fabrikschornsteine als „zwiegespaltne Feuerrachen“ (V. 13) klar. Diese Beschreibung wird durch die Personifikation „und harren des Winks“ (V. 14) deutlich. Die Fabrik, bzw. der Drache, wartet nur darauf, „den Himmel zu zerfleischen“. Diese Metapher steht für den Produktionsbeginn bzw. -ablauf in einem Walzwerk. In einem solchen Werk wird eine extreme Hitze benötigt, diese entweicht durch die Schornsteine und erhellt, „zerfleisch[t]“ (V. 14), den Nachthimmel. Die Fabrik wird vom lyrischen Sprecher als „zwiegespalten“ dargestellt. Diesen Zwiespalt kann man auf die Industrialisierung übertragen. Die Industrialisierung bringt Fortschritt, technische Neuerungen und Reichtum für viele Städte, jedoch fordert sie auch ihren Tribut. Menschen werden depersonalisiert und ausgebeutet, jeder einzelne verliert an Wert für die Gesellschaft. Die Fabrik, hier als Drache beschrieben, wartet auf den „Wink [um] den Himmel zu zerfleischen“. Diese Strophe verdeutlicht die Gefahr, welche durch die Industrialisierung hervorgerufen wird.
Das Gedicht besitzt viele Enjambements6, wie zum Beispiel in Vers 1, 3, 7. Durch diese Enjambements wird eine sehr unruhige und bedrohliche Stimmung verursacht. Zudem wird ein Simultanstil7 erzeugt, welcher durch die vielen Perspektivwechsel und Wörter wie „indessen“ (V. 7) hervorgerufen wird. Auch dieser verstärkt die unruhige Stimmung des Gedichts.
Das Gedicht lässt sich klar der Epoche des Expressionismus zuordnen, die es viele, für den Expressionismus typische Motive beinhaltet. Zum einen die Kritik an Gesellschaft und der zur Zeit vorherrschenden Industrialisierung, zum anderen aber auch das typische Motiv des Ich-Zerfalls. Außerdem wird das typische Motiv des Abends gewählt, ein typisches Motiv der Romantik. Dies soll einen falschen ersten Eindruck beim Leser wecken.