Eine konkrete Definition der Gegenwartslyrik gestaltet sich als schwierig, da wir uns gegenwärtig noch in dieser Epoche befinden. Bei den meisten vorangegangenen Epochen war es den Dichtern nicht bekannt, wie ihre Epoche heißt und wo sie zeitlich einzuordnen ist. Der Name einer Epoche und welche Hauptmerkmale sie besaßen, wurden erst im Nachhinein erforscht und herausgearbeitet.
Im Moment kann man sagen, dass die Werke der Gegenwartslyrik so vielfältig sind, wie das Leben der heutigen Dichter selbst. Während andere Epochen teilweise von nur wenigen herausragenden Dichtern, also einer konzentrierten Künstlergruppe geprägt wurden, sieht man sich heute noch einer undeklarierbaren Menge von Lyrikern aller Herkunft und Stilrichtungen gegenüber. Zudem tauchen immer mal wieder Merkmale und Gedichte des Expressionismus, des Barocks oder anderen Epochen auf, sodass man die Charakteristika heutiger Lyrik schwer filtern und verdichten kann.
Lehrbuchmäßige Definition der Gegenwartslyrik beschreiben unsere heutige Lyrik als relativ formfrei. Der Inhalt ist dabei für den Leser häufig konkreter und es wird mehr auf Alltäglichkeiten eingegangen, als bei der traditionellen Lyrik. Dadurch, dass die Form des Gedichts freier ist, wird weniger Wert auf formale Aspekte wie Reimschema, Metrum, rhetorische Figuren oder der Sprachästhetik gelegt.
Das Gedicht „Bildlich gesprochen“ wurde im Jahre 1981 von Ulla Hahn verfasst. Es handelt sich hierbei um Liebeslyrik, welche den krampfhaften Drang zu Nähe vom lyrischen Ich zum lyrischen Du darstellt.
Das Gedicht besteht aus drei Strophen, die jeweils aus vier Versen bestehen. Das Gedicht weist kein direktes Reimschema auf, jedoch reimt sich in jeder Strophe der zweite und vierte Vers. Es handelt sich hier um ein freies Metrum.
Während das lyrische Ich in der ersten Strophe noch liebevoll seine Zuneigung gegenüber dem lyrischen Du äußert, werden die Aussagen im Verlauf des Gedichtes immer gewalttätiger. Zuerst zeigt das lyrische Ich, dass es dem lyrischen Du vertraut. Es würde, wenn es ein Baum wäre, dem lyrischen Du in der hohlen Hand wachsen, was zeigt, das es sich bei ihm sicher fühlt. (vgl. V. 1f)
In der zweiten Strophe hingegen, zeigt das lyrische Ich, dass es ohne Rücksicht auf das lyrische Du zu nehmen, ihn bei sich haben will. Das zeigt sich durch das Zitat „Wärst du eine Blume ich grübe dich mit allen Wurzeln aus“ (V. 5f), weil das lyrische Ich die Blume bei sich tragen könnte, allerdings kann diese nicht überleben. Allerdings zeigt dies ebenso, dass das lyrische Ich das lyrische Du mit allen seinen Makeln nehmen will, da es sich bei der Blume nicht nur für den schönen, oberen Teil entscheidet sondern auch die Wurzeln mit ausgräbt.
Ab der dritten Strophe nimmt die Rücksichtslosigkeit auf das lyrische Du drastisch zu. Das lyrische Ich braucht krampfhaft die Nähe des lyrischen Du und es ist ihm gleichgültig, ob dieses Schaden davon trägt, oder nicht. Dies kann man an der Textstelle „Wär ich eine Nixe ich saugte dich auf den Grund hinab“ (V. 9f) festmachen, an der man außerdem noch erkennen kann, dass es sich bei dem lyrischen Ich um eine Frau handelt.
In den letzten zwei Versen zeigt das lyrische Ich, dass es das lyrische Du sogar „abknallen“ würde, nur um es bei sich zu haben. An der Textstelle „und wärst du ein Stern ich knallte dich vom Himmel ab“ (V. 11f) erkennt der Leser außerdem noch, dass das lyrische Ich das lyrische Du für sich alleine haben will. Das lyrische Du soll als Stern für niemand anders leuchten.
Die Autorin verwendet bei ihrem Gedicht ein Klimax1, die sich von der ersten bis zur letzten Strophe zieht und schließlich am Ende der dritten Strophe ihren Höhepunkt erreicht. Durch die Anaphern2 „Wär ich (...)“ und „Wärst du (...)“ macht Ulla Hahn dem Leser verständlich, dass es sich hier um bildliche Vergleiche handelt, was auch die Überschrift „Bildlich gesprochen“ erklärt.
Abschließend ist zu sagen, dass das lyrische Ich in dem Gedicht „Bildlich gesprochen“ zunehmend besitzergreifend vom lyrischen Du ist.
091d38fb31| 1 | (Dreigliedrige) Steigerung. |
| 2 | Wiederholung eines oder mehrerer Wörter an Satz-/Versanfängen. Beispiel: „Er schaut nicht die Felsenriffe, er schaut nur hinauf“. |
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