| 1 | 01 | Am grauen Strand, am grauen Meer |
|---|---|---|
| 02 | Und seitab liegt die Stadt; | |
| 03 | Der Nebel drückt die Dächer schwer, | |
| 04 | Und durch die Stille braust das Meer | |
| 05 | Eintönig um die Stadt. | |
| 2 | 06 | Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai |
| 07 | Kein Vogel ohn Unterlaß; | |
| 08 | Die Wandergans mit hartem Schrei | |
| 09 | Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei, | |
| 10 | Am Strande weht das Gras. | |
| 3 | 11 | Doch hängt mein ganzes Herz an dir, |
| 12 | Du graue Stadt am Meer; | |
| 13 | Der Jugend Zauber für und für | |
| 14 | Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir, | |
| 15 | Du graue Stadt am Meer. |
Der europäische Realismus versucht die Welt objektiv und sachgetreu zu beschreiben, zudem übt er auch Sozialkritik. Diese Beschreibung trifft insbesondere auf den britischen und französischen Realismus zu. In Deutschland allerdings weicht der Realismus von der eigentlichen Bedeutung des Wortes Realismus ab und distanziert sich etwas von der rein objektiven Betrachtungsweise (was als poetischer oder bürgerlicher Realismus bezeichnet wird). Die Ursache dafür ist, dass die Schriftsteller stark durch Vorbilder der Weimarer Klassik geprägt wurden (z.B. Goethe) und dass durch die verspätete Industrialisierung in Deutschland noch viele Landstriche ländlich idyllisch geprägt waren. Beim deutschen Realismus war es ebenfalls unüblich sozialkritische oder andere negative Dinge zu schildern; der deutsche Realismus hatte keine politischen Absichten.
Allen nationalen Realismus-Strömungen gemein war hingegen, dass man wissenschaftlichen Methoden und Erkenntnissen wie den Positivismus oder die Abstammungslehre von Charles Darwin zur Grundlage machte. Die verträumte Welt der Romantik lehnte man ab.
Der Erzähler tritt in realistischen Werken meist in den Hintergrund und taucht nur noch als illusionsloser Beobachter auf. Dabei versucht der Beobachter recht genau alltägliche Situationen zu schildern, die auf ländlichen und dörflichen Orten stattfinden. Die Alltagsbeschreibungen werden von einer ebenso einfachen Sprachen begleitet, die auf ausschmückende Stilmittel wie Metaphern gerne verzichtet. Da negative Darstellungen vermieden werden und dafür die "Schönheit der Wirklichkeit" beschrieben wird, ist dem deutschen Realismus - entgegen dem eigentlichen Wortsinn - durchaus ein gewisser Grad von Verklärung zuzuschreiben.
Die handelnden Figuren entstammen in der Regel dem einfachen Bürgertum (Bauern, Handwerker, Kaufleute). Das arbeitende Bürgertum wird gelegentlich verherrlicht, bei dem Moral und Tüchtigkeit zu Wohlstand führen. Nicht die große Politik bildet den Handlungsrahmen, sondern das Privatleben.
Aus dem Realismus sind vorwiegend epische Werke in Erinnerung geblieben. Realistische Gedichte hingegen spielen heute kaum noch eine Rolle.
Das vorliegende Gedicht „Die Stadt“ wurde 1851 von Theodor Strom verfasst und ist der Epoche des Realismus zuzuordnen. In einer düsteren Grundstimmung beschreibt der Dichter eine am Meer gelegene Stadt und wie das lyrische Ich, trotz des trostlosen Erscheinungsbildes, emotional mit der Stadt verbunden ist.
Formal lässt sich das Gedicht in drei Strophen mit jeweils fünf Versen einteilen. Weiterhin ist ein Wechsel zwischen 4-hebigem und 3-hebigem Jambus zu finden, sowie durchgehend männliche Kadenzen1. Der fließende Rhythmus wird durch einige Enjambements2 verstärkt. Neben den Endreimen lässt sich das dem Kreuzreim ähnliche Reimschema „abaab“ aufzeigen. Auffällig ist außerdem die Großschreibung am Anfang eines jeden Verses und die Verwendung einiger identischer Reime, wie „Meer – Meer“ und „Stadt – Stadt“, zuzüglich zu den vorhandenen reinen und unreinen Reimen.
Der Inhalt lässt sich aufgrund von nur drei Strophen kurz zusammenfassen: Die erste Strophe beginnt mit einer bedrückenden Beschreibung der Lage und Stimmung in der Küstenstadt. Anschließend folgt eine Darstellung der umliegenden, monotonen und naturlosen Umgebung, gefolgt von positiveren Wendung in der dritten Strophen, als das lyrische Ich seine Jugend mit dieser Stadt assoziiert.
Das Motiv der Eintönigkeit zieht sich wie ein Leitfaden durch das Gedicht, so auch gleich zu Beginn der ersten Strophe mit der negativ konnotierten Repetitio „[…]Am grauen Strand, am grauen Meer […]“ (V. 1), welche das düstere Erscheinungsbild der Küstenstadt hervorheben soll, da die Farbe grau meist mit etwas monotonem, langweiligen verbunden wird. Um dies noch zu bekräftigen beschreibt das lyrische Ich zusätzlich mit dem Adjektiv „[…] schwer […]“ (V. 3), auf welch bedrückende Weise der Nebel die Dächer umgibt. Obwohl für gewöhnlich mit Nebel etwas leichtes, schleierhaftes verbunden wird, erhält der Leser durch die eben genannte Emphase einen deutlichen Eindruck der bedrückenden Optik der Stadt. Verstärkt wird dies ein weiteres Mal durch die Anapher3 „[…] und […]“ (V. 2 und 4), welche wiederum auf die Gleichförmigkeit anspielt. Um auch die Leblosigkeit der Stadt darzustellen verwendet das lyrische Ich noch die antithetischen Onomatopoesie
„[…] Und durch die Stille braust das Meer […]“ (V. 4).
Das lyrische Ichs setzt sein Augenmerk in der zweiten Strophe auf die Umgebung der Stadt, welche aufgrund der fehlenden Lebhaftigkeit der Natur ebenfalls freudlos ist. Daher beschreibt es mit Hilfe der emphatische Repetitio, dass es „[…] kein[en] Wald […]“ (V. 6) und […] kein[en] Vogel […]“ gibt (V. 8). Auch aus dem Tierreich ist kein Lebewesen anzutreffen, weshalb die Wandergans „[...] mit hartem Schrei […]“ (V. 9) nur vorbei fliegt, anstatt in dieser Küstenregion zu leben. Selbst für Flora und Fauna ist diese Küstenstadt zu trostlos und keineswegs ansprechend.
Erst in der dritten und letzten Strophe erfolgt ein inhaltlich überraschend positiver Wechsel, welcher schon durch die eingeschränkte Konjunktion „[…] Doch […]“ (V11) eingeleitet wird und den Leser aufmerksam werden lässt. Nun schildert das lyrische Ich mit zwei Metaphern, wie es durch den „[…] Jugend Zauber […]“ (V. 13) auf unerklärliche Weise doch mit der „[…] grauen Stadt am Meer […]“ (V. 15) verbunden ist und sein ganzes Herz an ihr hängt (vgl. V. 11). Diese positive Weise setzt sich auch durch das Verb „[…] Ruht […] (V. 14) in Verbindung mit dem freudigen Adjektiv „[…] lächelnd […]“ (V. 14.) fort, womit noch einmal der Gegensatz zu den beiden vorhergehenden Strophen dargestellt werden soll.
Da ihm diese Stadt, trotz der vielen negativen Aspekte, soviel bedeutet, wird sie mit der Personifikation4 „[…] Du […]“ (V. 15) noch einmal hervorgehoben und es kommt ihr eine besondere Bedeutung zu.
Abschließend lässt sich sagen, dass Theodor Storm mit „die Stadt“ ein sehr kritisches und in Bezug auf die dritte Strophe antithetisches Gedicht verfasst hat, welches sowohl die negativen Aspekte, als auch die emotionale Verbundenheit zum Heimatort eines jeden Menschen, zum Ausdruck bringt. Schon die sachliche Überschrift „Die Stadt“ weist genau auf den Inhalt des Gedichtes hin und ist als objektive Beschreibung des Inhaltes typisch für den Realismus. Alles in Allem ist dieses Gedicht – trotz einiger untypischen, subjektiven Empfindungen - für diese Epoche passend.
770bfa| 1 | Männliche (stumpfe) Reime (einsilbig): Not/Tod, Mut/Gut; Weibliche (klingende) Reime (zweisilbig mit Betonung auf der vorletzten Silbe): singen/klingen, sagen/fragen. |
| 2 | Zeilensprünge. Ein Satz wird hier häufig gegen die Logik des Lesers mittendrin umgebrochen und auf zwei Verse verteilt. Je nach Kontext und Art der Umbrechung kann der Satz damit abgehackt (da man wegen der Unlogik zu Gedanken- und Sprechpausen gezwungen wird) oder auch temporeich wirken. |
| 3 | Wiederholung eines oder mehrerer Wörter an Satz-/Versanfängen. Beispiel: „Er schaut nicht die Felsenriffe, er schaut nur hinauf“. |
| 4 | Bei der Personifikation wird ein lebloser oder ein abstrakter Begriff, oder aber auch ein Tier, „vermenschlicht“. Personifikationen treten z.B. immer in Fabeln auf (da Tiere wie Menschen handeln). Anderes Beispiel: Der Mond schaut zornig drein; der Mond nimmt hier also charakteristische menschliche Züge an. |
