Die Epoche des Expressionismus besteht aus einer Künstlergeneration zwischen den Weltkriegen, die sich dem nationalistischen, bürgerlichen und wilhelminischen Denken ihrer Zeit abwandten. In den gesellschaftskritischen Werken der Expressionisten wurden Themen wie Wahnsinn, Tod, Umwelt, Krieg, Verfall der Gesellschaft und die infolge der Industrialisierung entstandenen Großstadtprobleme behandelt.
Der Expressionismus überschnitt sich mit der noch nicht abgeschlossenen Industrialisierung. Dabei warnen die Expressionisten häufig vor den Folgen der Industrialisierung, wie der Degradierung der Menschen zu Maschinen und der Verlust der Individualität durch Automatisierungsprozesse. Zudem gab es noch ein Stände-Denken in der Gesellschaft, bei dem sich Macht und Produktionsmittel bei den Großunternehmen bündelten. Die sozialen Spannungen zwischen Arbeiterschicht und Unternehmer, die durch die Ungleichverteilung von Besitz entstand, wurden Thema einiger expressionistischer Werke.
Die Expressionisten warnten jedoch nicht nur vor den Zeichen ihrer Zeit, sondern wollten die Gesellschaft umwälzen und erneuern. Nicht nur die sozialen Konflikte gaben hierfür Anlass, sondern auch die wirtschaftliche Krise durch den Versailler Vertrag und die erneute Militarisierung zwischen den Großmächten. Der Mensch war aus Sicht der Expressionisten mit seinem bisherigen Denken in eine Sackgasse geraten, das System drohte instabil zu werden. Aus diesem Grund schlossen sich viele Friedrich Nietzsches Idee vom Übermenschen an. Der Übermensch bricht mit der Gesellschaft, überwindet sich selbst und schafft neue Werte.
Der expressionistischen Bewegung wird durch die Konflikte mit den konservativen Familienwerten häufig auch ein Vater-Sohn-Konflikt zugeschrieben.
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Das Gedicht „Fabrikstraße tags“ von Paul Zech aus dem Jahre 1911 handelt von einer Fabrikstraße, ihrer Umgebung und deren Eindruck auf die Menschen.
Dieses Gedicht soll die beklemmenden Eindrücke, die in dieser Zeit bei den Menschen vorhanden waren, hervorheben und anklagen.
Auffällig bei diesem Gedicht ist hierbei der Aufbau, der aus zwei Quartetten und zwei Terzetten besteht und somit eine Sonettform ergibt.
Jedoch ziehen sich das Reimschema, das Versmaß und die Kadenzen1 gleichbleibend durch das gesamte Gedicht.
Das Reimschema entspricht dem eines umarmenden Reims, welches sich auch über die zwei Terzette hinwegsetzt. Die letzten zwei sich reimenden Verse in dem Gedicht bilden den Schluss, welche hierdurch hervorgehoben werden. Auch das Versmaß besteht in dem Sonett immer aus einem fünfhebigen Trochäus, der mit einer männlichen Kadenz endet. Auch treten viele Enjambements2 auf (Z. 1; 2; 5; 6; 9; 10; 13), die, durch die männlichen Kadenzen verstärkt, dem Leser den Eindruck vermitteln, einen unvollständigen Satz zu lesen und dazu antreibt, dieses Gedicht schneller zu erfassen.
Inhaltlich fällt es beim Lesen nur scher auf, dass es sich in diesem Gedicht um eine Fabrikstraße handelt; allein die Überschrift gibt Aufschluss darüber. Die ersten zwei Quartette umschreiben diese Straße und ihre Umgebung.
Worte, die eine Leere beschreiben, etwas nicht Vorhandenes, wie „Nichts“, „Ohne“ und „Keine“ (vgl. Strophe 1), sind hierbei besonders auffällig. Dies deutet darauf hin, dass, trotz der dichten und beengenden Fassaden, welche durch „den gescheckten Gurt“ (vgl. Zeile 2) verdeutlicht werden und die Enge betonen, eine gewisse Leere herrscht. Auch die Verlassenheit wird hier hervorgehoben durch die Menschen, die man auf dieser Straße trifft, jedoch keine Verbindung untereinander offensichtlich wird und somit ignoriert oder mit „kalten Blicken“ konfrontiert wird (vgl. Zeile 5-6). „Die harten Schritte“, die von „dem turmhohen steilen Zaun“ eingesperrt werden, implizieren die Bedrückung, welche in jedem hervorgerufen wird (vgl. Zeile 6-7). Die beiden Terzette reflektieren das Denken jenes Menschen, der diese Umgebung auf sich wirken lässt. Dabei wird die bedrückende Enge mit der einer „Zuchthauszelle“ (vgl. Zeile 9) verglichen und verdeutlicht, dass dadurch kein freies Denken mehr möglich ist und dies eingeschränkt wird durch die dichten Mauern. Zudem spiele es keine Rolle, ob man nun in wohlhabenden oder ärmlichen Verhältnissen lebt (Zeile 12: „Trägst du Purpur oder Büßerhemd -:“).
Die letzten zwei Verse spiegeln das gesamte Gedicht wider, indem noch einmal das „riesige Gewicht“, welches auf den Menschen lastet, konkretisiert wird (vgl. Zeile 13). „Gottes Bannfluch: uhrenlose Schicht“ stellt die größte Last dar. Da das Gedicht zur Zeit der Industrialisierung verfasst wurde, lässt sich die „uhrenlose Schicht“ als die ständige und nicht enden wollende Arbeitswut interpretieren. Da man immer weiter versuchte, die Produktion zu erhöhen, musste der gewöhnliche Arbeiter von morgens bis abends arbeiten. Diesen Tag und auch sein ganzes Leben empfand er immer als sehr eintönig und ereignislos, welche kein Ende zu nehmen schienen. Diese Arbeitswut prangert der Verfasser als Bannfluch Gottes an, der den Anschein erweckte, ewiglich auf den Menschen zu liegen.
Abschließend kann man zusammenfassen, dass Paul Zech die Darstellung der Enge und Bedrückung zu jener Zeit gut gelungen ist und als zeitlos bezeichnet werden kann, da diese Arbeitsbedrückung jeden von uns anspricht in einer Gesellschaft, die nach immer mehr strebt. Zechs Gedicht ist somit eine Klage an jene Arbeitswut, die die Menschen in ihren Gedanken bedrückt.
64d9310| 1 | Männliche (stumpfe) Reime (einsilbig): Not/Tod, Mut/Gut; Weibliche (klingende) Reime (zweisilbig mit Betonung auf der vorletzten Silbe): singen/klingen, sagen/fragen. |
| 2 | Zeilensprünge. Ein Satz wird hier häufig gegen die Logik des Lesers mittendrin umgebrochen und auf zwei Verse verteilt. Je nach Kontext und Art der Umbrechung kann der Satz damit abgehackt (da man wegen der Unlogik zu Gedanken- und Sprechpausen gezwungen wird) oder auch temporeich wirken. |
