Eine konkrete Definition der Gegenwartslyrik gestaltet sich als schwierig, da wir uns gegenwärtig noch in dieser Epoche befinden. Bei den meisten vorangegangenen Epochen war es den Dichtern nicht bekannt, wie ihre Epoche heißt und wo sie zeitlich einzuordnen ist. Der Name einer Epoche und welche Hauptmerkmale sie besaßen, wurden erst im Nachhinein erforscht und herausgearbeitet.
Im Moment kann man sagen, dass die Werke der Gegenwartslyrik so vielfältig sind, wie das Leben der heutigen Dichter selbst. Während andere Epochen teilweise von nur wenigen herausragenden Dichtern, also einer konzentrierten Künstlergruppe geprägt wurden, sieht man sich heute noch einer undeklarierbaren Menge von Lyrikern aller Herkunft und Stilrichtungen gegenüber. Zudem tauchen immer mal wieder Merkmale und Gedichte des Expressionismus, des Barocks oder anderen Epochen auf, sodass man die Charakteristika heutiger Lyrik schwer filtern und verdichten kann.
Lehrbuchmäßige Definition der Gegenwartslyrik beschreiben unsere heutige Lyrik als relativ formfrei. Der Inhalt ist dabei für den Leser häufig konkreter und es wird mehr auf Alltäglichkeiten eingegangen, als bei der traditionellen Lyrik. Dadurch, dass die Form des Gedichts freier ist, wird weniger Wert auf formale Aspekte wie Reimschema, Metrum, rhetorische Figuren oder der Sprachästhetik gelegt.
Das vorliegende Gedicht „Eine Leichenrede“ wurde von Kurt Marti 1969 verfasst und ist der Moderne zuzuordnen. Dies zeigt sich schon deutlich durch das nicht vorhandenen Reimschema, was für diese jüngste aller Epochen kennzeichnend ist. Inhaltlich thematisiert das Gedicht die gesellschaftlichen Erwartungen, die einem jeden Menschen während seines Lebens von der Öffentlichkeit aufgezwungen werden, was der Dichter in Form eines kurzen biographischen Lebenslaufes einer Frau anlässlich ihrer Beerdigung auf eine kritische Weise darstellt.
Formal lässt sich lediglich sagen, dass das Gedicht aus 6 Strophen mit je 4 Versen besteht, da wie oben bereits erwähnt, keinerlei Reimschemata vorhanden sind. Auffallend sind jedoch die durchgehende Kleinschreibung und das Nichtvorhandensein von Satzzeichen. Außerdem muss thematisch bedingt über das Zeilenende hinaus gelesen werden.
Die erste Strophe beginnt damit, dass die 20-jährige Frau aufgrund einer Schwangerschaft zur Hochzeit gedrängt wurde, weshalb ihr aus familiärer und gesellschaftlicher Sicht das Studium verboten wurde. Anschließend wird ihr mit dreißig das Hausfrauendasein aufgezwungenen, gefolgt von einer Ermahnung an den gebührenden Anstand und Tugend mit vierzig, bis hin zu dem Moment,. als sie dann letztendlich mit fünfzig Jahren infolge ihrer frustrierten Persönlichkeit von ihrem Mann verlassen wird. In der sechsten und letzten Strophe zieht das lyrische Ich, in diesem Fall der Pfarrer, der die Leichenrede spricht, die Konsequenzen aus dem tragischen Leben der Frau und fordert die Gemeinde zu mehr Offenheit und weniger gesellschaftlichen Zwängen und Erwartungen auf.
Schon das immer wieder gewählte Wort „befohlen“, als jeweils Letztes der ersten vier Strophen, deutet auf die vom Autor gewollte Darstellung und Verdeutlichung des vorhandenen Gesellschaftszwanges hin. Mit dieser Repetitio will er ganz bewusst den eigenen Willen der Frau außer Kraft setzten, die nahezu genötigt wird, die ihr aufgezwängten gesellschaftlichen Erwartungen zu erfüllen. Der jeweils wortgleiche Beginn der ersten fünf Strophen mit „[…]als sie […]“ zeigt auch eine gewisse Hoffnungslosigkeit auf und somit weist diese Anapher1 auf eine Monotonie hin, die im Einklang mit dem eintönigen Leben der Frau steht. Auch die sich wiederholende Satzkonstruktion „[…]wurde ihr […] befohlen [...]“ (Z. 3f, 7f, 11f, 14f), welche im Passiv steht, verdeutlicht, wie der Name schon sagt, die passive Haltung der Frau, also das nicht an ihrem Leben mitwirken Können. Jeder aktiven Handlung, zum Beispiel „[…] als sie […] noch Unternehmenslust zeigte […]“ (
Z. 9f), folgt somit eine passive „Berichtigung“ der Gesellschaft. Sie wird somit gezwungen ihre ganzes Leben nach den Werten und Moralvorstellungen der Andren auszurichten und hat somit selbst traurigerweise keinerlei Gestaltungsspielraum für ihre eigenes Leben. Erst in der letzten Strophe zeigt sich etwas Mut und eine neue Tendenz innerhalb des Gedichts. Das lyrische Wir fordert mit der Antithese2 „[…] wir befehlen zuviel wir gehorchen zu viel wir leben zu wenig [..]“ (Z. 22 – 24) zu einer Verhaltensänderung der Gemeinde und somit im übertragenen Sinne der Gesellschaft auf. Er fordert mehr Mut zur Selbstverwirklichung und die Toleranz und Akzeptanz der Wünsche und Bedürfnisse anderer.
Die emotionslosen und sachlichen Feststellungen über das Leben der Frau stellen einen groben Widerspruch zu den vom Leser erwarteten gefühlvollen Inhalten bezüglich des Titels „Eine Leichenrede“ dar. Lediglich die Anrede „[…] liebe Gemeinde […]“ (Z. 21) deutet auf einen im Normalfall üblichen Nachruf hin.
Abschließend lässt sich sagen, dass Kurt Marti mit seiner „Leichenrede“ ein sehr gesellschaftskritisches Gedicht verfasst hat, welches zum Ausdruck bringt, dass das Individuum zwar von Natur aus frei ist, aber es jedoch, sobald eine Gemeinschaft entsteht, einen festen Platz zugewiesen bekommt und somit an gesellschaftliche Erwartungen gebunden wird.
34493| 1 | Wiederholung eines oder mehrerer Wörter an Satz-/Versanfängen. Beispiel: „Er schaut nicht die Felsenriffe, er schaut nur hinauf“. |
| 2 | Gegenüberstellung von Gegensätzen; Behauptungen die sich zu widersprechen scheinen. |
