| 1 | 01 | O Täler weit, o Höhen, |
|---|---|---|
| 02 | O schöner, grüner Wald, | |
| 03 | Du meiner Lust und Wehen | |
| 04 | Andächt'ger Aufenthalt! | |
| 05 | Da draußen, stets betrogen, | |
| 06 | Saust die geschäft'ge Welt, | |
| 07 | Schlag noch einmal die Bogen | |
| 08 | Um mich, du grünes Zelt! | |
| 2 | 09 | Wenn es beginnt zu tagen, |
| 10 | Die Erde dampft und blinkt, | |
| 11 | Die Vögel lustig schlagen, | |
| 12 | Daß dir dein Herz erklingt: | |
| 13 | Da mag vergehn, verwehen | |
| 14 | Das trübe Erdenleid, | |
| 15 | Da sollst du auferstehen | |
| 16 | In junger Herrlichkeit! | |
| 3 | 17 | Da steht im Wald geschrieben |
| 18 | Ein stilles, ernstes Wort | |
| 19 | Von rechtem Tun und Lieben, | |
| 20 | Und was des Menschen Hort. | |
| 21 | Ich habe treu gelesen | |
| 22 | Die Worte, schlicht und wahr, | |
| 23 | Und durch mein ganzes Wesen | |
| 24 | Wards unaussprechlich klar. | |
| 4 | 25 | Bald werd ich dich verlassen, |
| 26 | Fremd in der Fremde gehn, | |
| 27 | Auf buntbewegten Gassen | |
| 28 | Des Lebens Schauspiel sehn; | |
| 29 | Und mitten in dem Leben | |
| 30 | Wird deines Ernsts Gewalt | |
| 31 | Mich Einsamen erheben, | |
| 32 | So wird mein Herz nicht alt. |
Die Romantik ist die Fortsetzung des Klassizismus und stellte sich gegen die vernunftbegabte Philosophie der Aufklärung.
Häufig hat sich die Romantik der Vergangenheit in Form eines idealisierten Mittelalters bedient. Auch das Motiv Fernweh und das Reisen in exotische Länder wurde gern verwandt. Dabei stellen die Romantiker ihre Werke in den Kontext irrationaler Gefühle, Sehnsucht, Heilung der Welt und Mystik.
Die Romantiker selbst sahen sich in einem geschichtlichen Bruch. Die Aufklärung drohte - nach Darstellung der Romantiker - den Menschen von sich selbst zu entfremden, zu vereinsamen und hilflos dieser Entwicklung gegenüber zu stehen. Die Gesellschaft war ihrer Empfindung nach gespalten in eine Welt von "Zahlen und Figuren" (Novalis) und in die Welt der Gefühle und des Wunderbaren. Die Romantiker hatten eine Sehnsucht die Welt von diesem Zwiespalt zu heilen, sie versuchten diese Spaltung aufzuheben, die Welt zu vereinen und die Gegensätze zusammenzuführen.
Deutlich wurde diese Sehnsucht in den Werken, die sich den Szenerien von nebelverhangenen Tälern, mittelalterlichen Ruinen, der Natur, Märchen, Mythen und derlei Geheimnisse bedienten.
Besonderen Ausdruck nach Einheit, Heilung und Sehnsucht fand die romantische Bewegung in der blauen Blume. Sie gilt heute als zentrales Motiv der romantischen Epoche.
Freiherr Joseph von Eichendorff war Kind einer kleinen katholischen Adelsfamilie im oberschlesischen Grenzgebiet. Joseph von Eichendorff wurde als zweites Kind geboren, er besaß einen älteren Brüder und eine sechzehn Jahre jüngere Schwester.
Das recht ansehnliche schlesische Landgut, dass im Besitz der Familie war, musste wegen ökonomischer Missgeschicke des Vaters verkauft werden. Ab 1801 geriet das Gut immer mehr in wirtschaftliche Schieflage und musste mit dem Tod des Vaters 1818 bzw. der Tod der Mutter 1822 vollständig aufgegeben werden.
Eichendorff besuchte 1801 zusammen mit seinem Bruder ein katholischen Gymnasium, danach waren sie eine Zeit lang Gasthörer an der Universität Breslau. 1805 nahmen beide ein Jura-Studium in Halle auf, welches sie 1807 in Heidelberg fortführten.
In Heidelberg am Joseph-Görres-Kolleg lernte Eichendorff mit Clemens Brentano, Heinrich von Kleist und Achim von Arnim wichtige Vertreter der Heidelberger Romantik kennen.
Dieses Jahr prägte Eichendorff entscheidend, er vertiefte sich in die Schriften von Görres, Novalis und Göthe. Eichendorff erkannte, dass die Offenbarung der Dinge und der Natur durch den Dichter selbst zum Leben erweckt werden müssen, was in seinem Gedicht "Wünschelrute" zum Ausdruck kommt.
Eichendorff war einer der bedeutendsten deutschen Lyriker und Prosaautoren. Er verstarb 1857 in Neisse (Schlesien).
Das Gedicht „Abschied“ von Eichendorff aus dem Jahr 1810 ist der Epoche der Romantik zuzuordnen, da es von Naturverbundenheit, Sehnsucht, Erkenntnissuche und Einsamkeit handelt. Des Weiteren ist es eher volkstümlich und liedhaft geschrieben. Es wird der schwere Abschied von der Natur zur Wiederkehr in die inszenierte Welt dargestellt.
Es ist in 4 Strophen à 8 Verse unterteilt. Die Kadenzen1 sind abwechselnd männlich und weiblich und das Metrum ist ein dreihebiger Jambus. Die Strophen bestehen aus zwei Kreuzreimen (ababcdcd). Daraus folgt, dass es sich bei der Strophenform um doppelte Liedstrophen handelt.
In der ersten Strophe wird die harmonische Atmosphäre in der Natur als „schön“, „grün“ und „andächtig“, geprägt von Landschaften, beschrieben. Die Anapher2 „O Täler weit, o Höhen, o schöner, grüner Wald“ verherrlicht die Natur. Enthusiasmus und Freude werden in den ersten 4 Versen durch die Ellipse3 verstärkt. Auffällig sind auch die vielen Umlaute, die die wahrgenommene Ästhetik verdeutlichen.
Im 5. und 6. Vers wird die „Welt“ negativ gegenüber gestellt und die Stimmung scheint in ihr hektisch. Die personifizierte Welt wird betrogen, bzw. lügnerisch dargestellt.
In den letzten beiden Versen ruft das lyrische Ich dann die Natur, ebenfalls personifiziert, an, es noch einmal zu umarmen. Folglich wünscht das lyrische Ich noch einmal eins mit mit ihr zu sein, bevor es von ihr „Abschied“ nehmen muss. Die gewünschte Vereinigung wird durch das Enjambement hervorgehoben.
Die zweite Strophe beschreibt einen Tagesanbruch in der Natur. Es findet ein Pronomenwechsel statt und der Leser wird direkt angesprochen, verdeutlicht wird dies durch die Alliteration4 „dass dir dein“. Dies bringt das beschriebene Glück durch das Erwachen zwischen Flora und Fauna näher. Alle Pein der „Welt“ soll verschwinden, was durch die Alliteration „vergehen, verwehen“ hervorgehoben wird. Die Verse 10 bis 15 fangen alle mit „D“ an, was ihre Zusammengehörigkeit verstärkt, da sie alle den Vorgang des Erwachens schildern. In den Versen 15 und 16 wird bereits das Göttliche und die Erhaltung der Jugend durch die Natur angedeutet, da „du in junger Herrlichkeit“ auferstehen sollst, gestützt wird dies durch das Enjambement, was die Zusammengehörigkeit von Auferstehung, Jugend und Herrlichkeit verdeutlicht.
Aus der dritten Strophe geht dann sehr klar hervor, dass sich Gott in der Natur offenbart. Er weist den Weg für richtiges Handeln und wahre Liebe. Der Wald wird als ein ruhiger Rückzugsort für den Menschen bezeichnet. Dies wird bildlich dargestellt durch ein in im Wald festgeschriebenes „stilles, ernstes Wort“. In den letzten 4 Versen findet das lyrische Ich die Erkenntnis des Rechten in Gottes natureller Schöpfung. Alles scheint ihm wahr und klar, was konträr zur inszenierten Welt ist.
Intensiviert wird dies durch die Wortwahl, wichtige Wörte bzgl. der Natur und der Erkenntnis beginnen überwiegend mit „w“ (Wald, Wort, wahr, Wesen, etc.). Die Naturverbundenheit und auch die Bindung zwischen Gott und der Natur wird durch drei Enjambements5 deutlich.
Die letzte Strophe wird dann genutzt, um „Abschied“ zu nehmen und noch einmal den Fokus auf die Welt zu richten. Die Natur wird noch einmal direkt angesprochen, was wieder auf die Nähe zu ihr hindeutet. Die Welt hingegen wird als „buntbewegt“, was gegensätzlich zum ruhigen, grünen Wald ist, charakterisiert und scheint dem lyrischen Ich fremd. Außerdem wird das Leben als Schauspiel bezeichnet, was im Kontrast zu der beschriebenen Wahrheit der Natur steht und fern von der Realität scheint.
Im letzten Kreuzreim bezieht sich das lyrische Ich dann noch einmal auf die gefundene Erkenntnis, die es in der bevorstehenden Welt jung halten wird. Doch wird es auch einsam unter all den unwissenden, unruhigen Anderen sein, was nicht zwingend negativ gedeutet werden muss.
Die wechselnden Kadenzen und die Kreuzreime verstärken die Gegenüberstellung der Natur und der Welt, das lyrische Ich scheint sich in einem Zwiespalt zu befinden, da es einerseits vollkommen verbunden mit der Natur glücklich ist und in ihr Energie schöpft, aber sich andererseits gezwungen fühlt, in die alte, geschäftige „Welt“ zurück zu kehren.
Der beständige Rhythmus weist ebenfalls auf die Zuneigung zur ruhigen Natur hin und ist konträr zur unbeständigen „Welt“.
Alles in Allem denke ich, dass in diesem lyrischen Werk ausgedrückt werden soll, dass der Abschied von der Natur schwer ist, da sich in ihr die Schöpfung Gottes voller Wahrheit und Ruhe zeigt und sie zur Erkenntnis führt. Der Schritt zurück in die unruhige, teils verfälschte Welt ist nur durch die Stütze dieser Erkenntnis möglich.
Doch steckt in der zweiten Strophe auch eine Aufforderung an den Leser, die Erkenntnis in der Natur zu suchen und die Schönheit in ihr wahrzunehmen. Schließlich gehört auch der Mensch zur Schöpfung Gottes. Es ist anzunehmen, dass der Leser in gewisser Weise bekehrt werden soll, sich auch wie ein Teil der Schöpfung zu verhalten und nicht in einer Inszenierung das Leben an sich vorbeirennen zu lassen.
| 1 | Männliche (stumpfe) Reime (einsilbig): Not/Tod, Mut/Gut; Weibliche (klingende) Reime (zweisilbig mit Betonung auf der vorletzten Silbe): singen/klingen, sagen/fragen. |
| 2 | Wiederholung eines oder mehrerer Wörter an Satz-/Versanfängen. Beispiel: „Er schaut nicht die Felsenriffe, er schaut nur hinauf“. |
| 3 | Auslassung von Wörtern. |
| 4 | Bei der Alliteration beginnen mehrere Worte mit dem gleichen Buchstaben. Beispiel: „Milch macht müde Männer munter.“ |
| 5 | Zeilensprünge. Ein Satz wird hier häufig gegen die Logik des Lesers mittendrin umgebrochen und auf zwei Verse verteilt. Je nach Kontext und Art der Umbrechung kann der Satz damit abgehackt (da man wegen der Unlogik zu Gedanken- und Sprechpausen gezwungen wird) oder auch temporeich wirken. |
