| 1 | 01 | Bedecke deinen Himmel, Zeus, |
|---|---|---|
| 02 | Mit Wolkendunst! | |
| 03 | Und übe, Knaben gleich, | |
| 04 | Der Disteln köpft, | |
| 05 | An Eichen dich und Bergeshöh'n! | |
| 06 | Mußt mir meine Erde | |
| 07 | Doch lassen steh'n, | |
| 08 | Und meine Hütte, | |
| 09 | Die du nicht gebaut, | |
| 10 | Und meinen Herd, | |
| 11 | Um dessen Glut | |
| 12 | Du mich beneidest. | |
| 2 | 13 | Ich kenne nichts Ärmeres |
| 14 | Unter der Sonn' als euch Götter! | |
| 15 | Ihr nähret kümmerlich | |
| 16 | Von Opfersteuern | |
| 17 | Und Gebetshauch | |
| 18 | Eure Majestät | |
| 19 | Und darbtet, wären | |
| 20 | Nicht Kinder und Bettler | |
| 21 | Hoffnungsvolle Toren. | |
| 3 | 22 | Da ich ein Kind war, |
| 23 | Nicht wußte, wo aus, wo ein, | |
| 24 | Kehrt' ich mein verirrtes Auge | |
| 25 | Zur Sonne, als wenn drüber wär | |
| 26 | Ein Ohr zu hören meine Klage, | |
| 27 | Ein Herz wie meins, | |
| 28 | Sich des Bedrängten zu erbarmen. | |
| 4 | 29 | Wer half mir |
| 30 | Wider der Titanen Übermut? | |
| 31 | Wer rettete vom Tode mich, | |
| 32 | Von Sklaverei? | |
| 33 | Hast du's nicht alles selbst vollendet, | |
| 34 | Heilig glühend Herz? | |
| 35 | Und glühtest, jung und gut, | |
| 36 | Betrogen, Rettungsdank | |
| 37 | Dem Schlafenden dadroben? | |
| 5 | 38 | Ich dich ehren? Wofür? |
| 39 | Hast du die Schmerzen gelindert | |
| 40 | Je des Beladenen? | |
| 41 | Hast du die Tränen gestillet | |
| 42 | Je des Geängsteten? | |
| 43 | Hat nicht mich zum Manne geschmiedet | |
| 44 | Die allmächtige Zeit | |
| 45 | Und das ewige Schicksal, | |
| 46 | Meine Herren und deine? | |
| 6 | 47 | Wähntest du etwa, |
| 48 | Ich sollte das Leben hassen, | |
| 49 | In Wüsten fliehn, | |
| 50 | Weil nicht alle Knabenmorgen- | |
| 51 | Blütenträume reiften? | |
| 7 | 52 | Hier sitz' ich, forme Menschen |
| 53 | Nach meinem Bilde, | |
| 54 | Ein Geschlecht, das mir gleich sei, | |
| 55 | Zu leiden, weinen, | |
| 56 | Genießen und zu freuen sich, | |
| 57 | Und dein nicht zu achten, | |
| 58 | Wie ich! |
Der Sturm und Drang gilt als eine Epoche, bei der das Individuum und seine Gefühle in den Vordergrund gestellt werden. Dadurch widerspricht der Sturm und Drang der Aufklärung, die als zu verstand- und vernunftorientiert empfunden wurden. Diese Epoche, die vorwiegend durch Johann Gottfried von Herder angetrieben wurde, ist aber kein kompletter Gegensatz zu Immanuel Kants Aufklärung, sondern erweitert diese. Die Aufklärer versuchten das Wundersame und Verborgene in der Welt zu eliminieren und rational zu erklären. Dieser kalte Rationalismus war den Stürmern und Drängern verhasst. Sie stellten die Gefühle und Subjektivität an vorderster Stelle (Emotio statt Ratio), nichtsdestotrotz ließ man Platz, damit die Gefühle mit Vernunft und Verstand eine Einheit bilden konnten. Die Absichten beider Epochen-Vertreter waren durchaus ähnlich, da sie die absolutistische Herrschaftsformen und das adelige Leben ablehnten sowie die Gesellschaft, Kunst und Literatur modernisieren wollten.
Die Abwendung von der puren Aufklärung machte sich dadurch deutlich, dass man von den streng durchreglementierten Formen der Literatur absah und stattdessen künstlerische Freiheit gewährte. Zentrale Bedeutung in den Werken bekam meist das "Ich", welches man das Genie nannte und wodurch die Epoche auch als Geniezeit bezeichnet wird. Das Genie wurde zum Mittelpunkt ästhetischer Betrachtung erhoben, es schafft seine eigenen Regeln und Gesetze, strebt nach Freiheit und Selbstverwirklichung, ist kompromisslos und kämpft gegen die Wirklichkeit und Gesellschaft bzw. die Gesellschaftsnormen. Dabei agiert das Genie mit Herz und Gefühl und fühlt sich der schöpferischen Kraft der Natur verbunden. Das Genie, welcher als Held angesehen wurde, scheitert aber in aller Regel mit seinen Freiheitsbestrebungen. Es zerbricht an der Wirklichkeit, an den Normen, Moralvorstellungen und Zwängen der Gesellschaft. Nicht selten führt dieses Scheitern des "Heldes" beim Sturm und Drang zum Tod, denn da er keine Kompromisse schließen kann ist dies der einzige Ausweg an seinen Idealvorstellungen festzuhalten.
Ebenfalls recht wichtig beim Sturm und Drang ist die Natur. Alles Wahre, Gute, Schöne, Elementare und Göttliche wird in der Natur gesehen (Pantheismus). Das einfache Volk wird dabei eine größere Naturverbundenheit und damit eine größere Nähe zur Wahrheit und Echtheit zugesprochen als wohlhabende und adelige Menschen.
Der Sturm und Drang behandelt größtenteils Themen zu Liebe und Natur. Die wichtigste Gattung ist das Drama. Die jungen Dichter waren meist zwischen 20 und 30 Jahren alt und stammten vorwiegend aus dem (Klein-)Bürgertum, d.h. sie kamen nicht aus wohlhabenden Verhältnissen. Zu den wichtigsten Vertretern gehörten Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller. Mit Goethes Italienreise und Schillers Kant-Studien beendeten beide die Epoche des Sturm und Drangs und wendeten sich der (Weimarer) Klassik zu.
Historischer Hintergrund | |||
| Politik und Wirtschaft | Jahr | Links | |
| Absolutismus | 1648-1789 |
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Wolfgang von Goethe wurde als eins von sieben Kindern einer wohlhabenden und gebildeten Familie in Frankfurt geboren. Fünf seiner Geschwister starben. Da der Vater keine beruflichen Pflichten zu erfüllen hatte, unterrichtete er seinen Sohn.
Mit 16 Jahren zog Goethe aufgrund des Jura-Studiums, dass er auf Wunsch seines Vaters aufnahm, nach Leipzig. Nebenbei besuchte er philosophische und literaturgeschichtliche Vorlesungen. Zudem beschäftigte er sich mit der Aufklärung und Empfindsamkeit und nahm Unterricht im Zeichnen. Wegen eines Blutsturzes unterbrach Goethe sein Studium 1768 und kurierte seine langwierige Krankheit in seiner Heimatstadt Frankfurt aus.
Nach der Genesung setzte er das Studium der Rechtswissenschaften in Straßburg fort, interessiert sich aber zunehmend auch für Chemie, Medizin, Theologie und Philosophie. Als er seine Promotion ablegt eröffnet Goethe eine Anwaltskanzlei und beginnt ein Praktikum am Reichskammergericht in Wezlar, zugleich wendet er sich der Dichtkunst zu. Am Reichskammergericht lernt er 1772 Charlotte Buff kennen, verliebt sich unglücklich in sie und wird von der verschmähten Liebe zu Die Leiden des jungen Werthers an inspiriert. Des Weiteren entstehen in der Zeit um 1771 und 1776 weitere Werke, die Goethe berühmt machten, z.B. die Hymnen Ganymed und Prometheus, sowie die Urfassungen von Faust und Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand. Diese Schaffenszeit von Goethe wird oft dem Sturm und Drang zugeordnet.
1775 verlobt sich mit Lili Schönemann, was aber wenige Monate darauf wieder annuliert wird. Im gleichen Jahr wird Goethe von Herzog Karl August nach Weimar eingeladen, wird Beamter der Stadt Weimar und lernt Charlotte von Stein kennen. Die Herzogin Anna Amalia gelingt es viele bedeutende Schriftsteller nach Weimar zu locken und verschafft der Stadt eine literarischen Blütezeit, darunter auch Goethe. Goethe lernt durch das florierende literarische Leben in Weimar viele bedeutende Schriftsteller kennen. Ungefähr 1777 beendet seine Sturm-und-Drang-Zeit und beginnt eine neue Stilrichtung, die man heute als Weimarer Klassik bezeichnet. Diese Stilrichtung zeichnet sich bei Goethe dadurch aus, dass er von der antiken Philosophie des Humanismus geprägt wird. 1777 stirbt seine Schwester, 1782 der Vater. Aufgrund seiner naturwissenschaftlichen Kenntnisse kann Goethe seit 1784 auch als Entdecker des Zwischenkieferknochens beim Menschen gelten.
1786 begibt sich aufgrund der zunehmenden Belastungen durch seine beruflichen Verpflichtungen auf eine Erholungsreise nach Italien, wo er sich als Maler ausgibt und sich mit Malerei und Bildhauerei beschäftigt. 1786 lässt sich Goethe von seinen Verpflichtungen entbinden und kann sich nun mehr der Kunst und Literatur zuwenden. Er lernt seine Lebensgefährtin Christiane Vulpus kennen, mit der er 1789 einen Sohn bekommt. Es kommt zudem zum ersten Kontakt mit Friedrich Schiller, der zu seinem besten Freund wurde und mit dem er im kollegialen literarischen Wettstreit die Weimarer Klassik entscheidend prägte. 1789 bricht die französische Revolution aus, die von Goethe abgelehnt wird. 1792 wird er Augenzeige des 1. Koalitionskrieges zwischen Preußen und Österreich gegen Frankreich, sowie der Belagerung von Mainz 1793.
Die Zeit von 1794 und dem Tod Schillers 1805 ist eine sehr fruchtbare Schaffenszeit zwischen den beiden Schriftstellern. Es werden zahlreiche Balladen veröffentlicht. Beide arbeiten zusammen an den Zeitschriften Die Horen und Propyläen und sie verfassen theoretische Abhandlungen über Dichtung. Schiller drängt Goethe auch die Arbeit an Faust zu beenden. 1806 veröffentlicht Goethe Faust I.
Nach dem Tod von Schiller richtet sich die Aufmerksamkeit Goethes mehr auf die Romantik und sich mit dem Mittelalter und Folklore zu beschäftigen. Seine Inspiratoren sind nun Achim von Arnim und Clemens Brentano. Die Mutter stirbt 1808. Beim Erfurter Fürstenkongress 1809 begegnet Goethe Napoleon I und 1812 Ludwig van Beethoven. Um diese Zeit arbeitet Goethe an Werken wie Farbenlehre und der Autobiografie Dichtung und Wahrheit 1, 2 und 3.
Ab 1816 zieht sich Goethe aus dem gesellschaftlichen Leben von Weimar zurück. Er wendet sich seinen Werken zu und arbeitet an West-östliche Divan, Wilhelm Meisters Wanderjahren und Faust II, Dichtung und Wahrheit 4. 1827 stirbt Charlotte von Stein und 1830 Goethes Sohn. Schließlich stirbt Goethe 1832 an den Folgen einer Lungenentzündung; er wird neben Schiller in der Weimarer Fürstengruft beigesetzt.
| 1 | 01 | Wenn der uralte, |
|---|---|---|
| 02 | Heilige Vater | |
| 03 | Mit gelassener Hand | |
| 04 | Aus rollenden Wolken | |
| 05 | Segnende Blitze | |
| 06 | Über die Erde sät | |
| 07 | Küss ich den letzten | |
| 08 | Saum seines Kleides, | |
| 09 | Kindliche Schauer | |
| 10 | Treu in der Brust. | |
| 2 | 11 | Denn mit Göttern |
| 12 | Soll sich nicht messen | |
| 13 | Irgend ein Mensch. | |
| 14 | Hebt er sich aufwärts | |
| 15 | Und berührt | |
| 16 | Mit dem Scheitel die Sterne, | |
| 17 | Nirgends haften dann | |
| 18 | Die unsichern Sohlen, | |
| 19 | Und mit ihm spielen | |
| 20 | Wolken und Winde. | |
| 3 | 21 | Steht er mit festen, |
| 22 | Markigen Knochen | |
| 23 | Auf der wohlgegründeten | |
| 24 | Dauernden Erde, | |
| 25 | Reicht er nicht auf, | |
| 26 | Nur mit der Eiche | |
| 27 | Oder der Rebe | |
| 28 | Sich zu vergleichen. | |
| 4 | 29 | Was underscheidet |
| 30 | Götter von Menschen? | |
| 31 | Daß viele Wellen | |
| 32 | Vor jenen wandeln, | |
| 33 | Ein ewiger Strom: | |
| 34 | Uns hebt die Welle, | |
| 35 | Verschlingt die Welle, | |
| 36 | Und wir versinken. | |
| 5 | 37 | Ein kleiner Ring |
| 38 | Begrenzt unser Leben, | |
| 39 | Und viele Geschlechter | |
| 40 | Reihen sie dauernd, | |
| 41 | An ihres Daseins | |
| 42 | Unendliche Kette. |
Die Weimarer Klassik ist größtenteils durch Goethe und Schiller geprägt, sodass die Weimarer Klassik häufig auf die gemeinsame Schaffenszeit der beiden berühmten Dichter eingegrenzt wird. Die Epoche endet dementsprechend 1805 mit dem Tod Schillers.
Neben Goethe und Schiller werden aber auch noch Wieland und Herder hinzugerechnet.
Zwischen diesen vier Dichtern, welche auch als Viergestirn bezeichnet werden, gibt es auffällige Ähnlichkeiten. Zwar gab es eine Dichterfreundschaft zwischen Goethe und Schiller, aber es gab keine zeitgleichen besonderen Beziehungen zwischen allen vier Dichtern. Diese Ähnlichkeiten grenzen sich von der sich überlagernden Frühromantik ab, weshalb man diese Dichter zu einer eigenen Epoche zusammengefasst hat. Die Dichter selbst bezeichneten sich nicht als Klassiker. Da die vier Autoren sich in Weimar lebten, zentralisiert sich diese Epoche auch auf Weimar, was natürlich namensgebend war.
Die Weimarer Klassik setzt sich mit den Folgen der Französischen Revolution und der Aufklärung auseinander. Nach der Französischen Revolution wurde die Kultur durch die Massenhinrichtungen durch den Revolutionsführer Robespierre erschüttert und es zeigte sich, dass die Schreckensherrschaft von Robespierre nicht mit den Idealen der Revolution vereinbar sind. Auf der anderen Seite widersetzte man sich einem allzu vernunftorientierten und wissenschaftsgläubigen Lebensstil, wie er von der Aufklärung gefordert wurde. Vernunftorientiertes Handeln kann die Probleme der Menschen nach Ansicht der Klassiker nicht hinreichend beantworten (siehe "Die Leiden des jungen Werthers" von Goethe).
Die Klassiker lehnen sich an ein idealisiertes Bild von der Antike an. Begriffe wie Vollkommenheit, Humanität, Harmonie von Form und Inhalt wurden zu erstrebenswerten Werten hochgehalten.
Historischer Hintergrund | |||
| Erfindungen und Entdeckungen | Jahr | Links | |
| Die Dampflokomotive | 1804 |
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Wolfgang von Goethe wurde als eins von sieben Kindern einer wohlhabenden und gebildeten Familie in Frankfurt geboren. Fünf seiner Geschwister starben. Da der Vater keine beruflichen Pflichten zu erfüllen hatte, unterrichtete er seinen Sohn.
Mit 16 Jahren zog Goethe aufgrund des Jura-Studiums, dass er auf Wunsch seines Vaters aufnahm, nach Leipzig. Nebenbei besuchte er philosophische und literaturgeschichtliche Vorlesungen. Zudem beschäftigte er sich mit der Aufklärung und Empfindsamkeit und nahm Unterricht im Zeichnen. Wegen eines Blutsturzes unterbrach Goethe sein Studium 1768 und kurierte seine langwierige Krankheit in seiner Heimatstadt Frankfurt aus.
Nach der Genesung setzte er das Studium der Rechtswissenschaften in Straßburg fort, interessiert sich aber zunehmend auch für Chemie, Medizin, Theologie und Philosophie. Als er seine Promotion ablegt eröffnet Goethe eine Anwaltskanzlei und beginnt ein Praktikum am Reichskammergericht in Wezlar, zugleich wendet er sich der Dichtkunst zu. Am Reichskammergericht lernt er 1772 Charlotte Buff kennen, verliebt sich unglücklich in sie und wird von der verschmähten Liebe zu Die Leiden des jungen Werthers an inspiriert. Des Weiteren entstehen in der Zeit um 1771 und 1776 weitere Werke, die Goethe berühmt machten, z.B. die Hymnen Ganymed und Prometheus, sowie die Urfassungen von Faust und Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand. Diese Schaffenszeit von Goethe wird oft dem Sturm und Drang zugeordnet.
1775 verlobt sich mit Lili Schönemann, was aber wenige Monate darauf wieder annuliert wird. Im gleichen Jahr wird Goethe von Herzog Karl August nach Weimar eingeladen, wird Beamter der Stadt Weimar und lernt Charlotte von Stein kennen. Die Herzogin Anna Amalia gelingt es viele bedeutende Schriftsteller nach Weimar zu locken und verschafft der Stadt eine literarischen Blütezeit, darunter auch Goethe. Goethe lernt durch das florierende literarische Leben in Weimar viele bedeutende Schriftsteller kennen. Ungefähr 1777 beendet seine Sturm-und-Drang-Zeit und beginnt eine neue Stilrichtung, die man heute als Weimarer Klassik bezeichnet. Diese Stilrichtung zeichnet sich bei Goethe dadurch aus, dass er von der antiken Philosophie des Humanismus geprägt wird. 1777 stirbt seine Schwester, 1782 der Vater. Aufgrund seiner naturwissenschaftlichen Kenntnisse kann Goethe seit 1784 auch als Entdecker des Zwischenkieferknochens beim Menschen gelten.
1786 begibt sich aufgrund der zunehmenden Belastungen durch seine beruflichen Verpflichtungen auf eine Erholungsreise nach Italien, wo er sich als Maler ausgibt und sich mit Malerei und Bildhauerei beschäftigt. 1786 lässt sich Goethe von seinen Verpflichtungen entbinden und kann sich nun mehr der Kunst und Literatur zuwenden. Er lernt seine Lebensgefährtin Christiane Vulpus kennen, mit der er 1789 einen Sohn bekommt. Es kommt zudem zum ersten Kontakt mit Friedrich Schiller, der zu seinem besten Freund wurde und mit dem er im kollegialen literarischen Wettstreit die Weimarer Klassik entscheidend prägte. 1789 bricht die französische Revolution aus, die von Goethe abgelehnt wird. 1792 wird er Augenzeige des 1. Koalitionskrieges zwischen Preußen und Österreich gegen Frankreich, sowie der Belagerung von Mainz 1793.
Die Zeit von 1794 und dem Tod Schillers 1805 ist eine sehr fruchtbare Schaffenszeit zwischen den beiden Schriftstellern. Es werden zahlreiche Balladen veröffentlicht. Beide arbeiten zusammen an den Zeitschriften Die Horen und Propyläen und sie verfassen theoretische Abhandlungen über Dichtung. Schiller drängt Goethe auch die Arbeit an Faust zu beenden. 1806 veröffentlicht Goethe Faust I.
Nach dem Tod von Schiller richtet sich die Aufmerksamkeit Goethes mehr auf die Romantik und sich mit dem Mittelalter und Folklore zu beschäftigen. Seine Inspiratoren sind nun Achim von Arnim und Clemens Brentano. Die Mutter stirbt 1808. Beim Erfurter Fürstenkongress 1809 begegnet Goethe Napoleon I und 1812 Ludwig van Beethoven. Um diese Zeit arbeitet Goethe an Werken wie Farbenlehre und der Autobiografie Dichtung und Wahrheit 1, 2 und 3.
Ab 1816 zieht sich Goethe aus dem gesellschaftlichen Leben von Weimar zurück. Er wendet sich seinen Werken zu und arbeitet an West-östliche Divan, Wilhelm Meisters Wanderjahren und Faust II, Dichtung und Wahrheit 4. 1827 stirbt Charlotte von Stein und 1830 Goethes Sohn. Schließlich stirbt Goethe 1832 an den Folgen einer Lungenentzündung; er wird neben Schiller in der Weimarer Fürstengruft beigesetzt.
Die Gedichte „Prometheus“ und „Grenzen der Menschheit“ wurden von Johann Wolfgang Goethe verfasst. Die Hymne „Prometheus“ spiegelt die Einstellung des „Sturm und Drangs“ wieder, in dem Protestbewegungen und Auflehnung gegen gesellschaftliche Schranken und Normen zum Alltag gehörten. Mit dem Motto „Das Gefühl ist mehr als die Vernunft“ werden die Jugendkultur und die Formlosigkeit des „Sturm und Drangs“ gut charakterisiert. In der Klassik jedoch, in der „Grenzen der Menschheit“ verfasst wurde, steht die Sehnsucht nach moralischen und ästhetischen Werten im Mittelpunkt. Sie nimmt die Antike als Vorbild und versucht, das Gleichgewicht zwischen Verstand und Gefühl zu finden.
Beide Gedichte handeln von Gott, jedoch wird dieses Thema in „Prometheus“ völlig anders dargestellt als in „Grenzen der Menschheit“. Obwohl sowohl „Prometheus“ als auch „Grenzen der Menschheit“ von Goethe sind, findet er einen jeweils anderen Zugang zu diesem Thema.
Goethe hat zwar die Hymne „Prometheus“ zuerst verfasst, ließ es jedoch nicht sofort veröffentlichen. Erst als er „Grenzen der Menschheit“ fertig gestellt hatte, ließ er beide gleichzeitig veröffentlichen, da es sonst zu viele Proteste gegen „Prometheus“ gegeben hätte.
Bei dem Gedicht aus der Zeit des „Sturm und Drangs“ nimmt Goethe des Mythos von Prometheus als Ausgangspunkt. Prometheus hatte gegen den Willen des Zeus Menschenwesen erschaffen, worauf Zeus zuerst ärgerlich reagierte, es dann jedoch akzeptieret. Als Prometheus dem Menschen dann auch noch das Feuer gab, verlor Zeus die Geduld und bestrafte ihn.
Das rebellische Verhalten von Prometheus passt gut in das Bild des „Sturm und Drangs“ hinein und so verfasst Goethe dazu eine Hymne, die in acht Strophen mit unterschiedlicher Länge eingeteilt ist, und sich gegen die Götter, besonders gegen Zeus, richtet. Zeus wird von Prometheus direkt angesprochen und bereits in der ersten Strophe wird er aufgefordert, sich nicht in Angelegenheiten der Erde einzumischen. Mit den Worten „Bedecke deinen Himmel, Zeus,/Mit Wolkendunst! […] Mußt mir meine Erde „/“ Doch lassen stehn […]“ (V.1-7) gibt Prometheus Zeus zu verstehen, dass er nun keinen Einfluss auf die Erde mehr habe und sich um seine eigene Welt, also die der Götter, kümmern sollte. In den Worten „und übe, Knaben gleich/ Der Disteln köpft“ (V. 3) wird Zeus spöttisch als jung und unerfahren bezeichnet. Prometheus teilt der Welt der Menschen Eigenschaften zu, die mit Wärme verbunden werden. Durch die Worte „Hütte“, „Herd“ und „Glut“ (V. 8ff.) will er Zeus eifersüchtig machen, da dieser nur über „Disteln, Eichen und Bergeshöhn“ (V.4f) Macht ausüben könne. Hier taucht in den Bildern, wieder, die im Gegensatz zueinander stehen, die Dreigliedrigkeit auf. In der zweiten Strophe werden die Götter durch die Worte „Ich kenne nichts Ärmeres / Unter der Sonn als euch Götter“ (V. 13f.) direkt angesprochen, und der Hohn ihnen gegenüber wird sehr deutlich. Weiters meint Prometheus, dass die Götter Glück hätten, dass es Kinder und Bettler gebe, denn sonst wären sie diejenigen, die dahinvegetieren und von allen missachtet würden. (vgl. V. 19ff.) In der dritten Strophe erinnert sich Prometheus zurück, wie es war, als er noch ein Kind war. Damals hatte er noch ein „verirrtes Aug“ (V. 24) und glaubte noch an die Macht der Götter. Als Kind war er noch unreif und unwissend, wusste nicht, „wo aus, wo ein“. (V. 23). Mit den Metonymien „ein Ohr zu hören meine Klage, / Ein Herz wie meins (V. 26f.) meint er die Götter, die seinen Wünschen und Träumen nie Aufmerksamkeit geschenkt haben. In der darauffolgenden Szene tut er seine Enttäuschung über die Götter kund und bezeichnet Zeus als „Schlafenden“ (V. 37), der ihn nur betrogen habe und nie für ihn dagewesen sei. In der sechsten Strophe befindet sich wieder ein Vorwurf, der durch die rhetorische Frage „Ich dich ehren? Wofür“ (V. 38) deutlich wird. Weiters wird in der Hymne deutlich, dass es zwei Mächte gibt, die über den Göttern stehen: „Die allmächtige Zeit / Und das ewige Schicksal“ (V. 44f.), beide personifiziert und mit einem Epitheton versehen, die diesen zwei Mächten noch mehr Ausdruck verleihen. Mit den Worten „Hier sitz ich, forme Menschen / Nach meinem Bilde, / Ein Geschlecht, das mir gleich sei, […] Und dein nicht zu achten, / Wie ich“ (V. 52- 58) schließt er die Hymne ab und gibt klar zu erkennen, dass Prometheus nichts von Göttern hält, sie nicht achtet und respektiert und ihnen keinen Glauben schenkt.
Das zweite Gedicht, welches in der Klassik verfasst worden ist, ist in fünf Strophen aufgebaut und besteht ebenfalls aus freien Rhythmen. Hier wird ein völlig anderes Bild von den Göttern gezeigt. Gott wird als „uralte“ (V. 59) Gestalt und als der „Heilige Vater“ (V. 60) bezeichnet, der mit „gelassener Hand“ (V. 61) erzieherisch auf jeden Einzelnen wirkt. Er bietet Schutz und Sicherheit und jeder hat Erfurcht vor ihm. Vor allem durch das Oxymoron1 „Segnende Blitze“ (V. 63) wird die erzieherische Ader Gottes deutlich. Im zweiten Teil der ersten Strophe spricht das Lyrische Ich, das durch die Worte „Küss’ ich den letzten Saum seines Kleides“ (V. 65f.) seine Unterwürfigkeit zur Geltung bringt.
Weiters gibt das lyrische Ich den Ratschlag, es solle sich keiner mit den Göttern messen, denn sonst würden „mit ihm spielen / Wolken und Winde“ (V. 77f.), als ob er ein Spielzeug wäre. In der vierten Strophe stellt das lyrische Ich sich die Frage, was die Götter von Menschen unterscheide. (vgl. V.87f.). Diese Frage beantwortet es sich mit einer Metapher, die Gott als ewigen Strom mit vielen Wellen darstellt. Diese Wellen heben uns, sobald sie uns jedoch verschlingen, versinken wir. (Vgl. V. 91ff.). In der letzten Strophe wird das Leben der Menschen mit einem kleinen Ring verglichen. Es ist begrenzt, jedoch wird es nach einer Generation weiterhin viele andere Geschlechter geben (vgl. V. 95ff.), die „sich dauernd / An ihres Daseins / Unendliche Kette [reihen] (V.98ff.)
Der größte Unterschied zwischen den beiden Gedichten stellt die Einstellung zu Gott dar. In „Prometheus“ überwiegt die Hybris, sich mit den Göttern zu vergleichen. Den Göttern, besonders Zeus, wird Übermut unterstellt und sie werden mit „Schlafenden“ (V. 37) verglichen. In „Grenzen der Menschheit“ bekommt Gott jedoch beschützende Eigenschaften zugeteilt. Man muss sich ihm gegenüber unterwürfig verhalten und Demut zeigen. Wer es wagt, sich mit ihm zu vergleichen, dem wird zu verstehen gegeben, dass Gott auf unser aller Leben Einfluss nehmen kann. In diesem Gedicht wird Gott als treu und erzieherisch bezeichnet und es wird deutlich gemacht, dass Gott jedem Menschen hilft.
Weiters wird in diesen beiden Gedichten der Mensch unterschiedlich gezeigt. In „Prometheus“ wird der Mensch als rebellisch dargestellt. Die Götter dürfen keinen Einfluss auf den Menschen nehmen, da der Mensch als eigenständig gilt und tun kann, was er will. In „Grenzen der Menschheit“ wird, wie im Titel schon erwähnt, der Mensch als nicht perfekt und vollkommen dargestellt, da er auch Grenzen hat, an die er sich halten muss. Er ist Gott gegenüber unterwürfig und von seinem Schutz abhängig, kann sich jedoch sicher sein, Schutz und Sicherheit von Gott zu bekommen.
Auch das Kind bekommt in beiden Gedichten eine andere Bedeutung. Im Gedicht des „Sturm und Drangs“ wird das Kind als dumm und naiv dargestellt. Kinder glauben das, was sie von anderen hören, brauchen jedoch keine Bestätigung, um irgendetwas Glauben schenken zu können. Im zweiten Gedicht jedoch wird das Kind positiv dargestellt und gezeigt, dass es immer bei Gott Schutz findet.
Die Rolle der Natur kommt sowohl in „Prometheus“ als auch in „Grenzen der Menschheit“ zu tragen. In der Hymne „Prometheus“ ist die Natur Teil des Göttlichen und sie ist der Bereich, in dem die Götter Einfluss nehmen dürfen. In „Grenzen der Menschheit“ spielt die Natur jedoch eine ganz andere Rolle. Hier ist der Mensch eingeschränkt, mit der Natur mitzuhalten, da diese auch über sich hinauswachsen kann, wie die „Eiche / oder […] [die] Rebe“ (V. 84f.) und sie auch ihren eigenen Gesetzen unterliegt. So unterliegt der Mensch anderen Gesetzen und ist in seinem Handeln eingeschränkt.
Kurz zusammengefasst sind die beiden Gedichte „Prometheus“ und „Grenzen der Menschheit“ sehr unterschiedlich. Jedes der beiden Gedichte weist epochentypische Merkmale auf, die sich durch das gesamte Gedicht ziehen. Im Gedicht aus dem „Sturm und Drang“ spiegeln sich die Rebellion und die Formlosigkeit wider, in „Grenzen der Menschheit“ wirkt sich die Liebe zur Schönheit und zur Ordnung stark aus. Alles hat seine Richtigkeit und die Sehnsucht nach den moralischen Werten ist groß.
1e5cf1| 1 | Verbindung zweier Vorstellungen, die sich ausschließen. Beispiel: „beredtes Schweigen“, „geliebter Feind“. |
