| 1 | 01 | Und frische Nahrung, neues Blut |
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| 02 | Saug’ ich aus freyer Welt; | |
| 03 | Wie ist Natur so hold und gut, | |
| 04 | Die mich am Busen hält! | |
| 05 | Die Welle wieget unsern Kahn | |
| 06 | Im Rudertakt hinauf, | |
| 07 | Und Berge, wolkig himmelan, | |
| 08 | Begegnen unserm Lauf. | |
| 2 | 09 | Aug’, mein Aug’, was sinkst du nieder? |
| 10 | Goldne Träume kommt ihr wieder? | |
| 11 | Weg, du Traum! so Gold du bist; | |
| 12 | Hier auch Lieb’ und Leben ist. | |
| 3 | 13 | Auf der Welle blinken |
| 14 | Tausend schwebende Sterne, | |
| 15 | Weiche Nebel trinken | |
| 16 | Rings die thürmende Ferne; | |
| 17 | Morgenwind umflügelt | |
| 18 | Die beschattete Bucht, | |
| 19 | Und im See bespiegelt | |
| 20 | Sich die reifende Frucht. |
Der Sturm und Drang gilt als eine Epoche, bei der das Individuum und seine Gefühle in den Vordergrund gestellt werden. Dadurch widerspricht der Sturm und Drang der Aufklärung, die als zu verstand- und vernunftorientiert empfunden wurden. Diese Epoche, die vorwiegend durch Johann Gottfried von Herder angetrieben wurde, ist aber kein kompletter Gegensatz zu Immanuel Kants Aufklärung, sondern erweitert diese. Die Aufklärer versuchten das Wundersame und Verborgene in der Welt zu eliminieren und rational zu erklären. Dieser kalte Rationalismus war den Stürmern und Drängern verhasst. Sie stellten die Gefühle und Subjektivität an vorderster Stelle (Emotio statt Ratio), nichtsdestotrotz ließ man Platz, damit die Gefühle mit Vernunft und Verstand eine Einheit bilden konnten. Die Absichten beider Epochen-Vertreter waren durchaus ähnlich, da sie die absolutistische Herrschaftsformen und das adelige Leben ablehnten sowie die Gesellschaft, Kunst und Literatur modernisieren wollten.
Die Abwendung von der puren Aufklärung machte sich dadurch deutlich, dass man von den streng durchreglementierten Formen der Literatur absah und stattdessen künstlerische Freiheit gewährte. Zentrale Bedeutung in den Werken bekam meist das "Ich", welches man das Genie nannte und wodurch die Epoche auch als Geniezeit bezeichnet wird. Das Genie wurde zum Mittelpunkt ästhetischer Betrachtung erhoben, es schafft seine eigenen Regeln und Gesetze, strebt nach Freiheit und Selbstverwirklichung, ist kompromisslos und kämpft gegen die Wirklichkeit und Gesellschaft bzw. die Gesellschaftsnormen. Dabei agiert das Genie mit Herz und Gefühl und fühlt sich der schöpferischen Kraft der Natur verbunden. Das Genie, welcher als Held angesehen wurde, scheitert aber in aller Regel mit seinen Freiheitsbestrebungen. Es zerbricht an der Wirklichkeit, an den Normen, Moralvorstellungen und Zwängen der Gesellschaft. Nicht selten führt dieses Scheitern des "Heldes" beim Sturm und Drang zum Tod, denn da er keine Kompromisse schließen kann ist dies der einzige Ausweg an seinen Idealvorstellungen festzuhalten.
Ebenfalls recht wichtig beim Sturm und Drang ist die Natur. Alles Wahre, Gute, Schöne, Elementare und Göttliche wird in der Natur gesehen (Pantheismus). Das einfache Volk wird dabei eine größere Naturverbundenheit und damit eine größere Nähe zur Wahrheit und Echtheit zugesprochen als wohlhabende und adelige Menschen.
Der Sturm und Drang behandelt größtenteils Themen zu Liebe und Natur. Die wichtigste Gattung ist das Drama. Die jungen Dichter waren meist zwischen 20 und 30 Jahren alt und stammten vorwiegend aus dem (Klein-)Bürgertum, d.h. sie kamen nicht aus wohlhabenden Verhältnissen. Zu den wichtigsten Vertretern gehörten Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller. Mit Goethes Italienreise und Schillers Kant-Studien beendeten beide die Epoche des Sturm und Drangs und wendeten sich der (Weimarer) Klassik zu.
Historischer Hintergrund | |||
| Politik und Wirtschaft | Jahr | Links | |
| Absolutismus | 1648-1789 |
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Wolfgang von Goethe wurde als eins von sieben Kindern einer wohlhabenden und gebildeten Familie in Frankfurt geboren. Fünf seiner Geschwister starben. Da der Vater keine beruflichen Pflichten zu erfüllen hatte, unterrichtete er seinen Sohn.
Mit 16 Jahren zog Goethe aufgrund des Jura-Studiums, dass er auf Wunsch seines Vaters aufnahm, nach Leipzig. Nebenbei besuchte er philosophische und literaturgeschichtliche Vorlesungen. Zudem beschäftigte er sich mit der Aufklärung und Empfindsamkeit und nahm Unterricht im Zeichnen. Wegen eines Blutsturzes unterbrach Goethe sein Studium 1768 und kurierte seine langwierige Krankheit in seiner Heimatstadt Frankfurt aus.
Nach der Genesung setzte er das Studium der Rechtswissenschaften in Straßburg fort, interessiert sich aber zunehmend auch für Chemie, Medizin, Theologie und Philosophie. Als er seine Promotion ablegt eröffnet Goethe eine Anwaltskanzlei und beginnt ein Praktikum am Reichskammergericht in Wezlar, zugleich wendet er sich der Dichtkunst zu. Am Reichskammergericht lernt er 1772 Charlotte Buff kennen, verliebt sich unglücklich in sie und wird von der verschmähten Liebe zu Die Leiden des jungen Werthers an inspiriert. Des Weiteren entstehen in der Zeit um 1771 und 1776 weitere Werke, die Goethe berühmt machten, z.B. die Hymnen Ganymed und Prometheus, sowie die Urfassungen von Faust und Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand. Diese Schaffenszeit von Goethe wird oft dem Sturm und Drang zugeordnet.
1775 verlobt sich mit Lili Schönemann, was aber wenige Monate darauf wieder annuliert wird. Im gleichen Jahr wird Goethe von Herzog Karl August nach Weimar eingeladen, wird Beamter der Stadt Weimar und lernt Charlotte von Stein kennen. Die Herzogin Anna Amalia gelingt es viele bedeutende Schriftsteller nach Weimar zu locken und verschafft der Stadt eine literarischen Blütezeit, darunter auch Goethe. Goethe lernt durch das florierende literarische Leben in Weimar viele bedeutende Schriftsteller kennen. Ungefähr 1777 beendet seine Sturm-und-Drang-Zeit und beginnt eine neue Stilrichtung, die man heute als Weimarer Klassik bezeichnet. Diese Stilrichtung zeichnet sich bei Goethe dadurch aus, dass er von der antiken Philosophie des Humanismus geprägt wird. 1777 stirbt seine Schwester, 1782 der Vater. Aufgrund seiner naturwissenschaftlichen Kenntnisse kann Goethe seit 1784 auch als Entdecker des Zwischenkieferknochens beim Menschen gelten.
1786 begibt sich aufgrund der zunehmenden Belastungen durch seine beruflichen Verpflichtungen auf eine Erholungsreise nach Italien, wo er sich als Maler ausgibt und sich mit Malerei und Bildhauerei beschäftigt. 1786 lässt sich Goethe von seinen Verpflichtungen entbinden und kann sich nun mehr der Kunst und Literatur zuwenden. Er lernt seine Lebensgefährtin Christiane Vulpus kennen, mit der er 1789 einen Sohn bekommt. Es kommt zudem zum ersten Kontakt mit Friedrich Schiller, der zu seinem besten Freund wurde und mit dem er im kollegialen literarischen Wettstreit die Weimarer Klassik entscheidend prägte. 1789 bricht die französische Revolution aus, die von Goethe abgelehnt wird. 1792 wird er Augenzeige des 1. Koalitionskrieges zwischen Preußen und Österreich gegen Frankreich, sowie der Belagerung von Mainz 1793.
Die Zeit von 1794 und dem Tod Schillers 1805 ist eine sehr fruchtbare Schaffenszeit zwischen den beiden Schriftstellern. Es werden zahlreiche Balladen veröffentlicht. Beide arbeiten zusammen an den Zeitschriften Die Horen und Propyläen und sie verfassen theoretische Abhandlungen über Dichtung. Schiller drängt Goethe auch die Arbeit an Faust zu beenden. 1806 veröffentlicht Goethe Faust I.
Nach dem Tod von Schiller richtet sich die Aufmerksamkeit Goethes mehr auf die Romantik und sich mit dem Mittelalter und Folklore zu beschäftigen. Seine Inspiratoren sind nun Achim von Arnim und Clemens Brentano. Die Mutter stirbt 1808. Beim Erfurter Fürstenkongress 1809 begegnet Goethe Napoleon I und 1812 Ludwig van Beethoven. Um diese Zeit arbeitet Goethe an Werken wie Farbenlehre und der Autobiografie Dichtung und Wahrheit 1, 2 und 3.
Ab 1816 zieht sich Goethe aus dem gesellschaftlichen Leben von Weimar zurück. Er wendet sich seinen Werken zu und arbeitet an West-östliche Divan, Wilhelm Meisters Wanderjahren und Faust II, Dichtung und Wahrheit 4. 1827 stirbt Charlotte von Stein und 1830 Goethes Sohn. Schließlich stirbt Goethe 1832 an den Folgen einer Lungenentzündung; er wird neben Schiller in der Weimarer Fürstengruft beigesetzt.
Das Gedicht stammt aus einem Tagebuch, dass Goethe bei seiner Reise in die Schweiz schrieb. Konkreter Anlass war eine Bootsfahrt auf dem Zürichsee, weswegen das Gedicht auch unter dem Titel aufm Zürichersee auftaucht. Unter diesem Titel schrieb Goethe am 15. Juni 1775 seinen Tagebucheintrag.
Das Gedicht aus dem Tagebuch wurde von Goethe später noch einmal geändert und veröffentlicht. Im Nachfolgenden wird auf die spätere Fassung des Gedichts eingegangen.
Im Mai 1775 trat der junge Goethe mit Freunden seine erste Schweizer Reise an, dabei schrieb er das Gedicht „Auf dem See“, ganz im Zeichen der Zeit wird dabei die Reise als „Geniereise“ bezeichnet. Die erste Fassung schrieb Goethe in sein Tagebuch, die zweite, Überarbeitete, zum Druck 1789. Hier wird die Überarbeitete interpretiert, da sie verbreiteter ist.
Obwohl das Gedicht am Züricher See entstand, nennt die Überschrift keinen bestimmten See, Goethes Erlebnis ist als allgemein gültig zu verstehen.
Das Gedicht beschreibt die Wiedergeburt eines lyrischen Ich durch Kraftschöpfungen aus der Natur. Erinnerungen an vergangene Zeiten versucht das lyrische Ich durch Zuwendungen zu der Natur, welche „hold und gut“ ist, zu verdrängen.
Die Entwicklung durch das sich ändernde Verhältnis zu Natur und Welt des lyrischen Ich ist prägend für den Aufbau des Gedichts. Die erste Strophe beschreibt die fürsorgliche, mütterliche Natur in der Gegenwart und dessen positive Wirkung auf das lyrische Ich. Sie besteht aus acht Versen, im Kreuzreim geschrieben. Bestimmt wird die Strophe dabei, was zu dem beschriebenen Wellengang passt, durch das sich abwechselnde vier- und dreihebige jambische Versmaß. Der Eindruck von Eintönigkeit entsteht durch die immer männlich endenden Verse.
Die zweite Strophe stellt inhaltlich einen Einschnitt dar, das lyrische Ich wird in Gedanken zur selbst erlebten Vergangenheit gebracht. Diese Veränderung lässt sich im Versmaß ebenfalls erkennen, so findet man anstatt der wie in dem ersten Abschnitt verwendeten Jamben nun vierhebige Trochäen. Das Reimschema wird auch verändert, Paarreime sind bestimmend. Der Rhythmus ändert sich ebenfalls durch die veränderten Kadenzen1, der erste Kreuzreim ist weiblich, der zweite männlich. Allerdings soll dem zweiten Abschnitt keine allzu große Gewichtung zukommen, da dieser nur aus 4 Versen besteht (8/4/8).
In der dritten Strophe ist die Betrachtung der Natur allumfassend. Das lyrische Ich scheint in den Erweiterungen der Natur (Sterne, Morgenwind,...) aufgegangen zu sein. Auch dieser Abschnitt hebt sich dabei von den übrigen beiden im Versmaß ab, er kehrt zurück zu dem in der ersten Strophe verwendeten Kreuzreim mit den 8 Versen. Wie schon in der zweiten Strophe weist dieser Abschnitt zuerst weibliche, dann männliche Kadenzen auf. Außerdem lassen sich dreihebige Trochäen sowie einige Daktylen erkennen.
Der zentrale Aspekt des ersten Abschnittes ist die mütterliche, nährende Natur. Die Vorstellung eines saugenden Embryos der ersten Fassung verdeutlicht die gefühlsbetonte und innige Verbindung zur Natur, so werden intensiv wirkende Formulierungen wie „frische Nahrung, neues Blut“ verwendet. Da der saugende Embryo den Vorgang des Nährens voraussetzt, offenbart sich die Abhängigkeit des lyrischen Ich von der Mutter-Natur. Außerdem scheint Freiheit eine grundsätzliche Voraussetzung für die durch die Natur erhaltene Kraft zu sein: „aus freier Kraft“. Das Bild der Geborgenheit in der Natur wird durch die Formulierung „hält am Busen“ vermittelt, welcher als Sitz des Herzens gilt, sowie durch die Betonung des Wiegens in den Wellen. Außerdem wird die Natur personifiziert, vermenschlicht, durch den Vers: „Wie ist Natur so hold und gut“. Gleichzeitig scheint es in der Natur etwas göttliches zu geben, die Präpositionen „hinauf“ und „himmelan“ im Bezug auf die Berge verweisen auf Überirdisches im Irdischen, auf eine Erhöhung, vielleicht sogar auf das Göttliche im Menschen, da dieser sich als Teil der Natur empfindet. Zu der ersten Strophe ist noch hinzuzufügen, dass sich dessen zweite Hälfte um den Gedanken an die Gemeinschaft ausdehnt („unsern“, „unserm“).
Die zweite Strophe weist wie schon beschrieben einen Rhythmuswechsel auf. Zugleich wandelt sich auch die Stimmung des lyrischen Ich. Die Strophe wird eingeleitet durch eine Art Selbstbefragung: „Aug´, mein Aug´, was sinkst du nieder?“ und im zweiten Vers: „Goldene Träume, kommt ihr wieder?“ Das sinkende Auge verweist auf Erinnerungen, das lyrische Ich scheint in Träumen zu versinken. Der Blick ist dabei in eine für das lyrische Ich unangenehme Zeit gerichtet, die Begegnung mit der gegenwärtigen Natur scheint gestört: „Weg, du Traum“. Das angesprochene Gold könnte auf gesellschaftliche Zwänge verweisen, die beispielsweise durch Geschäfte entstehen, wohingegen die Natur Freiheit bedeutet. Das Gold könnte jedoch genauso eine vergangene Verlockung bedeuten, dann würde damit die Schwierigkeit sich von der Vergangenheit zu lösen ausgedrückt. In Auseinandersetzung mit seinen Gefühlen bekennt sich das lyrische Ich jedoch zum Gegenwärtigen. Die Vergangenheit besteht also aus etwas „goldenem“, allerdings auch aus etwas naturfremden.
In der dritten, letzten Strophe wendet sich das lyrische Ich wieder der Gegenwart zu. Dinge wie „Lieb´und Leben“ werden in der Natur wiedergefunden. Allerdings nennt sich das lyrische Ich erstmals in einer Strophe nicht. Dieser Aspekt könnte auf eine Art Verschmelzung mit der Natur hindeuten. Erstmals werden auch die Sterne erwähnt, welche auf göttliches sowie auf Erkenntnis hindeuten. Durch die Spiegelung der Sterne im Wasser scheint etwas göttliches auf der Erde zu sein, es wird eine Einheit von oben und unten geschaffen. Der Einheitsaspekt wird verstärkt durch fehlende Konturen wie Nebel („trinken“) und „Ferne“ und „rings“, welches keine genaue Ortsbestimmung zulässt. Die zweite Strophe kann so auch aufgrund des Rhythmus als Steigerung oder Bestätigung der ersten und als Antwort auf die zweite Strophe gesehen werden. Zusätzlich lässt sich eine Art Reifungsprozess erkennen. Die „reifende Frucht“ kann als abschließende Entwicklungsphase im Kreislauf der Natur gesehen werden. Erst die Betrachtung der Gesamtheit der Wirklichkeit führt also zu dem ausgereiften Menschen, vielleicht auch eine Anspielung auf das Genie. Das Wasser erscheint letztendlich als lebensspendendes Element, als Quelle des Lebens, was auf eine Auffassung Goethes hindeutet, welcher Anhänger des Neptunismus war.
| 1 | Männliche (stumpfe) Reime (einsilbig): Not/Tod, Mut/Gut; Weibliche (klingende) Reime (zweisilbig mit Betonung auf der vorletzten Silbe): singen/klingen, sagen/fragen. |
