| 1 | 1 | Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut, |
|---|---|---|
| 2 | In allen Lüften hallt es wie Geschrei. | |
| 3 | Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei | |
| 4 | Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut. | |
| 2 | 5 | Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen |
| 6 | An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken. | |
| 7 | Die meisten Menschen haben einen Schnupfen. | |
| 8 | Die Eisenbahnen fallen von den Brücken. |
Die Epoche des Expressionismus besteht aus einer Künstlergeneration zwischen den Weltkriegen, die sich dem nationalistischen, bürgerlichen und wilhelminischen Denken ihrer Zeit abwandten. In den gesellschaftskritischen Werken der Expressionisten wurden Themen wie Wahnsinn, Tod, Umwelt, Krieg, Verfall der Gesellschaft und die infolge der Industrialisierung entstandenen Großstadtprobleme behandelt.
Der Expressionismus überschnitt sich mit der noch nicht abgeschlossenen Industrialisierung. Dabei warnen die Expressionisten häufig vor den Folgen der Industrialisierung, wie der Degradierung der Menschen zu Maschinen und der Verlust der Individualität durch Automatisierungsprozesse. Zudem gab es noch ein Stände-Denken in der Gesellschaft, bei dem sich Macht und Produktionsmittel bei den Großunternehmen bündelten. Die sozialen Spannungen zwischen Arbeiterschicht und Unternehmer, die durch die Ungleichverteilung von Besitz entstand, wurden Thema einiger expressionistischer Werke.
Die Expressionisten warnten jedoch nicht nur vor den Zeichen ihrer Zeit, sondern wollten die Gesellschaft umwälzen und erneuern. Nicht nur die sozialen Konflikte gaben hierfür Anlass, sondern auch die wirtschaftliche Krise durch den Versailler Vertrag und die erneute Militarisierung zwischen den Großmächten. Der Mensch war aus Sicht der Expressionisten mit seinem bisherigen Denken in eine Sackgasse geraten, das System drohte instabil zu werden. Aus diesem Grund schlossen sich viele Friedrich Nietzsches Idee vom Übermenschen an. Der Übermensch bricht mit der Gesellschaft, überwindet sich selbst und schafft neue Werte.
Der expressionistischen Bewegung wird durch die Konflikte mit den konservativen Familienwerten häufig auch ein Vater-Sohn-Konflikt zugeschrieben.
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Das Gedicht „Weltende“, welches 1911 erschien, ist das Bekannteste von Jakob van Hoddis. In ihm werden, wie sich schon aus dem Titel ableiten lässt, die Anzeichen für eine nahe Katastrophe, dem Weltuntergang, thematisiert.
Das expressionistische Werk besteht aus zwei Strophen mit, wie für diese Epoche sehr typisch, je vier Versen. Insgesamt sind also acht Verse vorhanden. In der ersten Strophe findet sich ein umarmender Reim, in der zweiten Strophe ein Kreuzreim. Dennoch besteht Gedicht aus fünf Sinneinheiten (Vers 1 bis 2; Vers 3 bis 4; Vers 5 bis 6; Vers 7; Vers 8), die nicht unmittelbar im Zusammenhang zu stehen scheinen. Auch das kommt häufig in Werken dieser Epoche vor. Doch alle einzelnen Katastrophen fügen sich zu einer Einzigen zusammen. Sie sind Anzeichen dafür, dass die Welt bald unterzugehen droht.
Das Gedicht beginnt sehr harmlos. Mit dem ersten Vers, zieht ein Unwetter heran. Einem Bürger weht es den Hut vom Kopf. Die Metapher des „spitzen Kopfes“ könnte die Kritik am deutschen Kaiserreich andeuten. In diesem Zusammenhang verweist das Spitze auf die Pickelhaube. Der Hut erinnert an das Wort „behütet“ und deutet darauf hin, dass die Katastrophe den nun nicht mehr behüteten Bürger auch betreffen wird.
Der Vergleich der „Lüfte“ mit „Geschrei“ im zweiten Vers verdeutlicht, dass die Menschen vor dem Wind, der Katastrophe, fliehen wollen. Die Hyperbel1 (s. V. 2 „in allen […]“) verstärkt die Macht des herannahenden Unwetters.
Im dritten Vers spricht der lyrische Sprecher davon, Dachdecker würden von Häusern stürzen und sterben. Das stellt er allerdings mit Hilfe einer Depersonifizierung (s. V. 3 „[…] und gehn entzwei“) sehr emotionslos und verharmlost dar- ganz so, als wäre es nichts Ungewöhnliches.
Die Parenthese (s. V. 4 „[…] liest man […]“) vermittelt den Eindruck, dass lyrische Ich fühle sich überhaupt nicht betroffen von dieser Katastrophe. Das steigende Meer an den Küsten wirkt so sehr fern und unwichtig.
Mit Beginn der zweiten Strophe ist aus dem Unwetter ein richtiger Sturm geworden. Erneut sehr harmlos wird das Tosen der Meere dargestellt (s. V. 5 „[…] Meere hupfen“).
Die Alliteration2 in Vers sechs („ […] dicke Dämme zu zerdrücken“) verstärkt die Macht der Natur.
Der siebente Vers ist für mich sehr überraschend. Während der Sturm und die Meere drohen, die Welt zu zerstören, entschärft die Banalität, dass „die meisten Menschen […] einen Schnupfen“ haben, die gesamte Situation. Im letzten Vers des Gedichtes wird eine Kritik an Maschinen deutlich.
Auch in diesem Gedicht finden sich Enjambements3 (zum Beispiel Vers 1 und 2).
Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass die Erwartungen, die der Leser mit dem Titel des Gedichtes „Weltende“ verbindet, nicht erfüllt werden. Im Gegenteil- die Furcht vor dem Weltuntergang wird mit scheinbar banalen Ereignissen ins Lächerliche gezogen. Das ist kennzeichnend für diese Epoche. Alle diese Ereignisse laufen auf eine drohende Katastrophe hinaus, die in dem Werk aber, außer im Titel, nicht erwähnt wird.
Van Hoddis thematisiert in diesem Gedicht ein mögliches Weltende, eines der wichtigsten Themen des Expressionismus. Zu der Zeit herrschte besonders durch die Wiederentdeckung des Halleyschen Kometen eine Weltuntergangsstimmung. Die Industrialisierung spielt hier auch eine Rolle (s. V. 8 „Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.“). Viele Menschen standen den Erfindungen dieser Zeit sehr ängstlich und kritisch gegenüber.
Auch bei diesem dritten Beispielgedicht erkennt man also sehr gut, wie sich die Besonderheiten in geistiger und gesellschaftlicher Lage in der expressionistischen Lyrik widerspiegeln.
844bc| 1 | Übertreibung |
| 2 | Bei der Alliteration beginnen mehrere Worte mit dem gleichen Buchstaben. Beispiel: „Milch macht müde Männer munter.“ |
| 3 | Zeilensprünge. Ein Satz wird hier häufig gegen die Logik des Lesers mittendrin umgebrochen und auf zwei Verse verteilt. Je nach Kontext und Art der Umbrechung kann der Satz damit abgehackt (da man wegen der Unlogik zu Gedanken- und Sprechpausen gezwungen wird) oder auch temporeich wirken. |
