| 1 | 01 | Im düstern Auge keine Träne |
|---|---|---|
| 02 | Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne: | |
| 03 | Deutschland, wir weben dein Leichentuch, | |
| 04 | Wir weben hinein den dreifachen Fluch - | |
| 05 | Wir weben, wir weben! | |
| 2 | 06 | Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten |
| 07 | In Winterskälte und Hungersnöten; | |
| 08 | Wir haben vergebens gehofft und geharrt, | |
| 09 | Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt - | |
| 10 | Wir weben, wir weben! | |
| 3 | 11 | Ein Fluch dem König, dem König der Reichen, |
| 12 | Den unser Elend nicht konnte erweichen | |
| 13 | Der den letzten Groschen von uns erpreßt | |
| 14 | Und uns wie Hunde erschiessen läßt - | |
| 15 | Wir weben, wir weben! | |
| 4 | 16 | Ein Fluch dem falschen Vaterlande, |
| 17 | Wir nur gedeihen Schmach und Schande, | |
| 18 | Wo jede Blume früh geknickt, | |
| 19 | Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt - | |
| 20 | Wir weben, wir weben! | |
| 5 | 21 | Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht, |
| 22 | Wir weben emsig Tag und Nacht - | |
| 23 | Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch, | |
| 24 | Wir weben hinein den dreifachen Fluch, | |
| 25 | Wir weben, wir weben! |
Die Epoche, die man heute gemeinhin als Vormärz/Biedermeier bezeichnet, ist eigentlich eine Zeit von unterschiedlichen Strömungen, wobei die Anhänger des Vormärzes und die des Biedermeiers am deutlichsten herausstechen. Den Beginn dieser Epoche markiert der Wiener Kongress 1815, als die europäischen Mächte unter Führung von Fürst Metternich versuchten die politischen Umwälzungen durch die französische Revolution und Napoléon Bonaparte wieder rückgängig zu machen. Diese Restauration diente nicht nur der Herstellung von Frieden, sondern auch der Wiederherstellung der Monarchie und der Wiedereinsetzung der alten Dynastien wie zu Beginn der französischen Revolution 1789. Als Ende der Epoche wird meist die Märzrevolution 1848 gesehen, bei denen in vielen europäischen Staaten bürgerlich-demokratische Bewegungen gegen die herrschenden Mächte der Restauration aufbegehrten. In Deutschland wurde diese Revolution durch eine vorangegangene Missernte, Inflation und Hungersnöte angeheizt.
In der Restaurationszeit haben die Künstler verschiedene Strategien entwickelt, mit der Restauration der alten Ordnung fertig zu werden. Einige zogen sich ins Private und Idyllische zurück - der Biedermeier. Dem Biedermeier werden dabei häufig auch konservative Werte zugerechnet. Der Name "Biedermeier" geht auf eine fiktive Figur von Ludwig Eichrodt und der Adolf Kussmaul zurück, die den Biedermann als treuherzigen, aber spießigen Dorflehrer aus dem Schwabenland karikierten.
Weniger resignativ gegenüber der Restauration waren die Anhänger des Vormärzes, die auf politische Veränderung drängten. Die wichtigste Gruppe von Autoren war das Junge Deutschland, deren Veröffentlichungen zusammen mit denen von Heinrich Heine verboten wurde. Die Vormärz-Literaten wandten sich dabei den klassischen Formen ab und versuchten durch Darstellung der gesellschaftlichen Realität das politische Bewusstsein der Bürger zu wecken. Als bedeutendste Autoren der Epoche gelten neben Heinrich Heine auch weitere wie August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Ludwig Börne, Ferdinand Freiligrath oder Georg Weerth.
Heine wurde 1797 in Düsseldorf geboren und war Sohn eines Kaufmanns. 1807 besucht er das Düsseldorfer Lyzeum und lernt dort, da Deutschland unter französischer Herrschaft steht, die französische Sprache und Literatur kennen. Heine wird an der Schule mit den Ideen der Aufklärung konfrontiert.
1811 erobert Napoleon Düsseldorf, Heine verehrt Napoleon da er den Vorläufer des bürgerlichen Gesetzbuch einführte (Code Zivil).
Heine verlässt das Lyzeum 1814 ohne Abschluss, um auf die Handelsschule zu wechseln. Er soll wie sein Vater Kaufmann werden, bricht die Lehre zum Bankkaufmann allerdings ab und beschäftigt sich lieber mit Gedichten.
Auch wenn das Interesse an der Rechtswissenschaft nicht viel größer als an der Kaufmannslehre ist, nimmt Heine 1819 ein Jurastudium in Bonn auf, welches von seinem wohlhabenden Onkel finanziert wird. Statt zu juristischen Vorlesungen zu gehen, wohnt er den Vorträgen der Literaturhistoriker und Philosophen Schlegel und Hegel bei. Er wechselt später auf die Universitäten Göttingen und Berlin. Durch das Studium kommt Heine mit den freiheitlich-revolutionären Ideen der Studentenverbindungen in Berührung.
1822 schreibt er sein erstes Buch namens Gedichte und lässt dem von ihm verehrten Goethe ein Exemplar zukommen, er erhält aber keine Reaktion. In Berlin erscheinen 1823 seine ersten Tragödien, die aber erfolglos blieben.
Da Heine Jude ist und er deswegen diskriminiert wird und ihm der Staatsdienst als Jurist verwehrt bleibt, konvertiert er 1825 zum evangelischen Glauben. Er promoviert zum Dr. jur.
Den ersten Erfolg hatte Heine mit dem Reisebericht Harzreise 1826. Ein Jahr darauf erscheint der Lyrikband mit romantischen Liebesgedichten Buch der Lieder.
1831 geht Heine ins Pariser Exil, nachdem er wegen seiner politischen Ansichten in Deutschland zunehmend angefeindet wird und seine Schriften in Preußen verboten werden.
1833 bricht bei Heine vermutl. Syphilis oder Multiple Sklerose aus, er hat mit Lähmungserscheinungen, Kopfschmerzattacken und Sehschwäche zu kämpfen. Heine reist nochmal nach Hamburg und verfasst Deutschland ein Wintermärchen und lernt Karl Marx kennen, bevor er 1856 in Paris stirbt.
Heine gilt als Romantiker, der aber gleichzeitig über die Romantik spottet und sie überwindet. Durch ihn wurde der Reisebericht und das Feuilleton bekannt. Er selbst machte sich einen Namen als politischer kritischer Journalist, Satiriker und Polemiker.
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In der Zeit, in der Heinrich Heine sein bekanntes Gedicht „Die Schlesischen Weber“ schreibt, beginnt die erste Phase der Industrialisierung in Deutschland. Neue Industriezentren und Fabriken entstehen. Durch die Einführung der Bauern- und Gewerbefreiheit kommt es zur Landflucht in die Städte, wo sich die Landflüchtigen ein besseres Leben und Arbeit erhoffen. Dort werden sie jedoch ausgebeutet und bilden eine neue Bevölkerungsschicht, die die der Arbeiter, das Proletariat. Diese Menschen leben am Existenzminimum, eine Reaktion auf ihre Not ist der Weberaufstand im Winter 1844 in Schlesien. Heinrich Heine beschreibt in seinem Werk nicht nur die Wut der Weber, sondern auch ihre Situation in Preußen zu dieser Zeit.
Das Gedicht selbst besteht aus fünf Strophen. Auffällig ist, dass Heine die einfache A-A-B- Form des Volksliedes gewählt hat. Jede Strophe besteht aus zwei Paarreimen (A-A) und einem wiederkehrenden „Refrainteil“ (B). Diese erste formale Besonderheit weist darauf hin, dass das „Weberlied“ an die breite Masse gerichtet ist. Die erste der fünf Strophen leitet in das Geschehen ein.
Im ersten Paarreim tragen die Worte „düstern“, „Träne“ und „fletschen die Zähne“ zu einer dunklen Grundstimmung bei. Sie beschreiben den Zustand der Weber, die „keine Tränen“, mehr haben, da keiner ihnen in ihrer Hoffnungslosigkeit hilft. Vielmehr „fletschen“ sie als Reaktion hierauf „die Zähne“. Sie sind bereit gegen ihre Ohnmacht gegenüber ihren Ausbeutern zu kämpfen. Die Hoffnungslosigkeit wird zur Wut. In dem folgendem Paarreim kommen die Weber selbst zu Wort. So drohen sie „Deutschland, wir weben dein Leichentuch/ wir weben hinein den dreifachen Fluch“. Die Verwendung des Wortes „Leichentuch“ weist auf den Willen die herrschende Ordnung zu Fall bringen. Der „dreifache Fluch“ bestärkt dieses. Er ist symbolhaft zu sehen, man findet ihn normalerweise in gängigen Volkssagen- oder Märchen. Der „dreifache Fluch“ zeigt also wie die Volksliedstrophe erneut die Verbindung zum Volk an sich.
In den folgenden drei Strophen werden die drei Flüche explizit ausgesprochen und begründet. Zunächst richtet sich die Wut gegen „de[n] Gotte, zu dem wir, [die Weber], gebeten“. Heine greift also zuerst die geistliche Instanz an. In den nächsten zwei Zeilen der Strophe begründet er dies mit dem „vergeblichen Hoffen“ auf himmlischen Beistand. „Winterskälte und Hungersnöte“ sind hierbei, neben dem Hinweis auf das Elend der Weber, als eine Anspielung auf die Ernteausfälle wegen der Kartoffelfäule 1844 und der Preissteigerung des Grundnahrungsmittels um 50% zu sehen. Neben diesem Zeitbezug deutet der Stabreim „vergebens gehofft und geharrt“ auf eine weitere Kritik hin: Der Terminus „Gott“ und die Vertröstung auf das Leben im Jenseits wurden von den Obrigkeiten als Rechtfertigung für die herrschenden Zustände genommen. Indem man das Hoffen auf eine Besserung durch eine höhere Gewalt propagiert, hält man die Ausgebeuteten ruhig- nicht umsonst beschrieb Marx einige Zeit später, dass die Religion das Opium des Volkes ist. Der Weberaufstand gleicht also einem Erwachen, das aus der Erkenntnis erwächst, dass „Gott“ die Weber „geäfft, gefoppt und genarrt“ hat. Diese Akkumulation lässt die Wut der Arbeiter deutlich werden. Der Zorn erfährt in der dritten Strophe eine Steigerung. Hier wird die weltliche Macht verflucht. Der König wird als „König der Reichen“ bezeichnet, er nimmt nur, „[presst] den letzten Groschen“, und gibt nicht. Er fördert die, die von der Industrialisierung profitiert haben- Unternehmer, die Oberschicht des Bürgertums, den Adel. Aber das Elend derer, die diesen Reichtum möglich gemacht haben, vergrößert er. Er, der eigentlich eine Instanz der Gerechtigkeit sein sollte, wendet sich gegen einen Großteil seines Volkes, das er nicht achtet und „wie Hunde erschießen lässt“. Dieser Vergleich verdeutlicht zu einem die Geringachtung mit der man den Arbeitern begegnete und ist zum anderen auch ein erneuter Ausdruck des Zorns. Heine spielt mit diesem Vergleich auf das blutige Niederschlagen des schlesischen Weberaufstandes 1844 an. Den Befehl hierzu gab „der König der Reichen“, Friedrich Wilhelm IV von Preußen.
In der vierten Strophe wird das Vaterland verflucht. Der Begriff „Vaterland“, den man eigentlich in dieser Zeit mit Patriotismus verbindet, wird als „falsch“ beschrieben. In den folgenden drei Versen findet man eine Anapher1, Heine verwendete dreimal das Wort „Wo“, um das Vaterland als einen Ort des Verderbens zu beschreiben. Der Stabreim „(gedeihen nur) Schmach und Schande“ so wie die Metapher der „Blume“, die „zu früh geknickt“, und das Wortpaar „Fäulnis und Moder“, verdeutlichen, dass das beschriebene Deutschland unmenschlich ist und die Herrschaft des Königs (aus der dritten Strophe) Unterdrückung bedeutet. Die „Blume wird zu früh geknickt- und jede Entwicklung zum Besseren für das Volk verläuft im Sand. „Fäulnis und Moder“ erquicken den „Wurm“, von dem Elend der Weber bzw. Arbeiter profitieren nämlich nur die Herrschenden und die Unternehmer.
Betrachtet man nun alle drei Flüche, so fällt auf, dass Heines Weber Gott, König und Vaterland verfluchen, also die Säulen der damaligen Ordnung. Interessant ist auch Folgendes: „Gott, König, Vaterland“ war die Losung des preußischen Militärs, also das Motto des Instrumentes, mit dem Friedrich Wilhelm IV den Weberaufstand 1844 niederschlagen ließ.
In der letzten Strophe sitzen die Weber wieder am Webstuhl, wie in der ersten wird ein Zustand beschrieben. Der „Webstuhl“ kracht, sie „weben emsig Tag und Nacht“ an dem Leichentuch Altdeutschlands. Bezeichnend ist, dass nicht mehr von Deutschland, sondern nur noch von Altdeutschland, also dem „schlechten, altern“ Deutschland, das verflucht wird, die Rede ist. Also lässt sich das Leichentuch für „Altdeutschland“ als eine Anspielung deuten, dass an dem Untergang der alten, herrschenden Ordnung gewebt wird.
Diese letzte Erkenntnis verdeutlicht, dass das Weberlied etwas „Neues“ ist, es zählt zu den sog. politischen Gedichten, deren Gattung während der Epoche des Vormärzes entstand. Der Vormärz bezeichnet die Zeit vom Wiener Kongress bis zur Märzrevolution 1848. Das politische Gedicht entstand, weil es sich leicht auf Flugschriften verteilen ließ und die Zensur Gedichte nicht begutachtete. Das „Leichentuch Altdeutschlands“, von dem Heine schreibt, sollte allerdings erst viel später fertig gewebt sein. Auch wenn das Gedicht seinerzeit anprangerte und zum Widerstand aufrief, so endeten die Bemühungen der Arbeiter und sozialistischen Vereinigungen dieser Zeit mit der Einführung der Sozialistengesetzte, die jede Art des „Aufstandes“ im Keim erstickten. Nicht zu vergessen ist aber auch, dass es 40 Jahre später die ersten staatlichen Versicherungen gab, die die Arbeiter ein wenig vor der Ausbeutung schützten.
| 1 | Wiederholung eines oder mehrerer Wörter an Satz-/Versanfängen. Beispiel: „Er schaut nicht die Felsenriffe, er schaut nur hinauf“. |
