Die Nachkriegslyrik hat vielfältige Ausprägungen und ist nicht eindeutig bestimmbar, man kann aber sagen, dass diese Literaturzeit im besonderen Maße von den Kriegs- und Nachkriegserfahrungen bestimmt war. Es kam zum einen unter den Künstlern und Schriftstellern zu unterschiedlichen Reaktionen, als die Not und die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes sukzessive zu Tage traten. Die Reaktionen waren teils fassungslos, teils kritisch und manchmal auch ausweichend. Genauso prägend war allerdings auch die materielle Knappheit und die unsicheren Aussichten in der Zeit dem Krieg. Künstlerisch tätig zu sein war aufgrund der existenziellen Notlage nur wenigen Menschen möglich. Zudem war die Verbreitung von Literatur aufgrund der Güterknappheit, die auch für das Papier galt, schwierig. Dies mache Literatur allerdings zu einem wertvollen Gut in dieser Zeit. Die Menschen hatten den Wunsch nach Aufklärung und entwickelten aufgrund der neuen Meinungsfreiheit, die trotz des Zensurrechts der Besatzungsmächte eine neue Freiheit darstellte, einen regelrechten Literaturhunger. Auch das Interesse auf die vormals unzugängliche Literatur von Emigranten, der Exilliteratur, stieg deutlich.
Die Schriftsteller distanzierten sich vom NS-Regime und entfernten sich auch stilistisch und sprachlich von der NS-Propaganda. Die Themen sind sozial-politisch, wobei aber nicht nur Not, Elend und Unsicherheit des Krieges und der Kriegsfolgen verarbeitet wurden, sondern auch die Hoffnung auf einen Neubeginn zum Ausdruck gebracht wurden. Viele forderten eine Rückbesinnung auf bürgerliche und christliche Werte.
In der DDR war das künstlerische und literarische Leben bestimmt durch den sozialistischen Realismus. Die Ideologie und Zensur des NS-Regimes wurde ersetzt durch SED-Zensur, kommunistische Ideologie und sowjetische Rahmenverordnungen. Der sozialistische Realismus verlangte von den Künstlern und Schriftstellern eine Hochstilisierung der Arbeiter und Arbeitskultur. Der Held der Arbeiterklasse wurde zum Symbol des sowjetischen Wiederaufbaus. Der Nationalsozialismus wurde auf Schärfste verurteilt und zu einem Sinnbild eines verbrecherischen Kapitalismus geformt.
Interpretation verkaufen?
Weitere Informationen
Das von Günter Eich verfasste Gedicht „Latrine“ (1948) beschreibt die Situation eines Soldaten im (vermutlich) zweiten Weltkrieg. Dieser beschreibt auf tragikomische Art und Weise seine Umgebung und kritisiert den Krieg.
Das Gedicht setzt sich aus vier Strophen zu je vier Versen zusammen. Das nicht streng eingehaltene und durch unreine Reime gekennzeichnete Reimschema ist a, b, a, b (usw.).
Das Metrum wird überwiegend durch einen Daktylus dargestellt.
Die erste Strophe schildert den Ort des Geschehens: ein Plumpsklo (siehe Titel). Das lyrische Ich (vermutlich ein deutscher Soldat während des zweiten Weltkrieges) hockt „über stinkendem Graben“(V.1). Der Erzähler gewährt einen Einblick in das harte Soldatenleben, indem er den Prozess der Absonderung unter unerträglichen Bedingungen beschreibt. Nicht einmal der scheinbar „intime“ Ort (die Latrine) mit dem „Papier voll Blut und Urin“ (V.2) und den „funkelnden Fliegen“ (V.3) ist ertragbar. Die Alliteration1 „funkelnde Fliegen“ ist ironisch zu verstehen, da sie auf die pathetische Nazi-Lyrik abzielt. Trotz der unmenschlichen Zustände versucht das lyrische Ich auf tragikomische Weise der Situation noch etwas Positives abzuringen.
Durch einen Zeilensprung ist die erste mit der zweiten Strophe verbunden. Von seiner Position aus vermag der Sprecher einen Blick auf „bewaldete Ufer / Gärten [und] gestrandetes Boot“ (V.6) zu werfen.
Etwas später erfährt der Leser, dass es sich bei dem beschriebenen Ufer um das der Garonne handelt. Die natürliche Idylle, die in den ersten zwei Versen der zweiten Strophe beschrieben wird, steht im Kontrast zu dem vorher beschriebenen Plumpsklo, dass in den zwei Folgeversen (V7.f.) wieder Erwähnung findet.
Hier „klatscht der versteinte Kot / In den Schlamm der Verwesung“ (V.7f.). Die von Eich verwendete „Fäkalsprache“ wie etwa die Metapher „Schlamm der Verwesung“ erregt bei dem Leser Entsetzen. Der versteinte Kot, der auf Nahrungsmangel zurückzuführen ist, kritisiert den Krieg und seine Folgeerscheinungen.
Sowie der Erzähler auf der Latrine verweilt, klingen ihm die Verse von Hölderlin in den Ohren (V.9f.) Hölderlin, dessen Gedichte von den Nationalsozialisten verwendet wurden um eben jenes nationalsozialistisches Gedankengut zu propagieren, findet hier Erwähnung um abermals Kritik an dem „verlogenen“ Nazi-Regime zu üben.
Abermals ruft Eich einen komischen Effekt hervor, als der Sprecher die sich im Urin spiegelnden Wolken beschreibt (V11.f.). Dabei steht die verwendete Farbsymbolik der „schneeigen Reinheit“ (weiß = rein) im Gegensatz zu dem aus Urin bestehenden Spiegel.
Die letzte Strophe beginnt mit einem Zitat aus einem Hölderlingedicht: „Geh aber nun und grüße die schöne Garonne“ (V.14f.). Eich verdeutlicht hier den Gegensatz zwischen der NS-Propaganda und der Realität, die wahrlich nicht „schön“ ist.
Die zuvor beobachteten Wolken „schwimmen“ unter schwankenden Füßen davon (V.15f.).
Das lyrische Ich erkennt bei genauer Betrachtungsweise das auf Lügen und Fantastereien erbaute Fundament der Nationalsozialisten. Die Wolken, ein Symbol der Reinheit ( oder auch der Ideologie) vergehen. Es bleibt die Realität, dargestellt durch den Schlamm der Verwesung.
In seinem Gedicht „Latrine“ beschreibt Eich die katastrophalen und menschenunwürdigen Zustände während und nach dem zweiten Weltkrieg. Des Weiteren bedient er sich zweier Wortfelder (Beschreibung der Absonderung / Beschreibung der natürlichen Idylle) um nicht zuletzt zwischen „Schein“ und „Sein“ zu unterscheiden, und die NS-Propaganda als Lüge zu entlarven. Hölderlin, dessen Verse, und die Garonne selbst, weichen einer Mischung aus Exkrementen und Verwesung. Nicht einmal die „funkelnden Fliegen“ können zur Erheiterung des lyrischen Ichs beitragen.
Trotz aller Ironie und Tragikomik muss das Gedicht dennoch als scharfe Kritik an dem zweiten Weltkrieg und seinen Verursachern ( dem verlogenen Nazi-Regime) verstanden werden.
| 1 | Bei der Alliteration beginnen mehrere Worte mit dem gleichen Buchstaben. Beispiel: „Milch macht müde Männer munter.“ |
