Die Epoche des Expressionismus besteht aus einer Künstlergeneration zwischen den Weltkriegen, die sich dem nationalistischen, bürgerlichen und wilhelminischen Denken ihrer Zeit abwandten. In den gesellschaftskritischen Werken der Expressionisten wurden Themen wie Wahnsinn, Tod, Umwelt, Krieg, Verfall der Gesellschaft und die infolge der Industrialisierung entstandenen Großstadtprobleme behandelt.
Der Expressionismus überschnitt sich mit der noch nicht abgeschlossenen Industrialisierung. Dabei warnen die Expressionisten häufig vor den Folgen der Industrialisierung, wie der Degradierung der Menschen zu Maschinen und der Verlust der Individualität durch Automatisierungsprozesse. Zudem gab es noch ein Stände-Denken in der Gesellschaft, bei dem sich Macht und Produktionsmittel bei den Großunternehmen bündelten. Die sozialen Spannungen zwischen Arbeiterschicht und Unternehmer, die durch die Ungleichverteilung von Besitz entstand, wurden Thema einiger expressionistischer Werke.
Die Expressionisten warnten jedoch nicht nur vor den Zeichen ihrer Zeit, sondern wollten die Gesellschaft umwälzen und erneuern. Nicht nur die sozialen Konflikte gaben hierfür Anlass, sondern auch die wirtschaftliche Krise durch den Versailler Vertrag und die erneute Militarisierung zwischen den Großmächten. Der Mensch war aus Sicht der Expressionisten mit seinem bisherigen Denken in eine Sackgasse geraten, das System drohte instabil zu werden. Aus diesem Grund schlossen sich viele Friedrich Nietzsches Idee vom Übermenschen an. Der Übermensch bricht mit der Gesellschaft, überwindet sich selbst und schafft neue Werte.
Der expressionistischen Bewegung wird durch die Konflikte mit den konservativen Familienwerten häufig auch ein Vater-Sohn-Konflikt zugeschrieben.
Gottfried Benn kam als eines von 8 Kindern in Mansfeld (Sachsen-Anhalt) zur Welt und verbrachte seine Jugend in Neumark (polnische Seite der Oder) auf. Er machte 1903 sein Abitur am Friedrichs-Gymnasium in Frankfurt an der Oder und begann im selben Jahr ein Theologiestudium in Marburg. Nur 2 Jahre später brach er das Theologiestudium ab und wechselte in ein Medizinstudium an der Kaiser-Wilhelm-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen in Berlin. Das Medizinstudium beendet Benn 1910 und wird als Unterarzt bei einem Prenzlauer Infanterie-Regiment angestellt.
1912 promoviert Benn schließlich als Arzt in Berlin und wird Assistenzarzt der Pathologie in Berlin-Charlottenburg. Benn macht hier im größeren Umfang Erfahrung mit Obduktionen und Obduktionsbeschreibungen, was sich später in seinen Werken widerspiegelt. Einige seiner Gedichte sind reale Beschreibungen aus seinem Alltag als Pathologe, welche er bis 1914 sammelt und unter dem Gedichtband Morgue und andere Gedichte veröffentlicht. Unter dem Spießbürgertum machte Benn mit seinem Gedichtband großes Aufsehen, die von seinen detaillierten Beschreibungen über Leichensezierungen erschüttert warten und sich provoziert fühlten. Im selben Jahr lernt Benn noch Else Lasker-Schüler kennen, die ebenfalls eine bekannte expressionistische Dichterin ist.
Benn fuhr bis fast ans Lebensende seine Karriere als Arzt unter verschiedenen Anstellungen fort. 1914 unternahm er eine Reise als Schiffsarzt in die USA, 1915 wurde er als Militärarzt in Belgien eingesetzt und durfte Exekutionen beiwohnen. 1917 eröffnete Benn eine Praxis als Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Um diese Zeit herum veröffentlicht er auch seine zweite Gedichtsammlung Fleisch und die Prosasammlung Gehirne. 1922 schließt er seine expressonistische Schaffensphase mit der Veröffentlichung Gesammelte Schriften ab.
Benn war bis 1934 zunächst Anhänger der Nationalsozialisten, wandte sich dann aber von ihnen ab. Ihm wurde ein Schreibverbot aufgelegt.
Nach dem Krieg praktiziert Benn wieder als Arzt und veröffentlicht die Gedichtsammlung Statische Gedichte, die wesentlich zu seiner Bekanntheit beigetragen hat. Daneben rückt er aber auch als Prosa-Schreiber und Essayist wieder in den Mittelpunkt und erfreut sich als bekannter Autor von Nachkriegslyrik großer Beliebtheit.
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Gottfried Benn galt vor dem Zweiten Weltkrieg als der expressionistische Dichter schlechthin. Er erschuf eine Ästhetik der Hässlichkeit und probierte mit Bildern des Extremen, wie zum Beispiel in dem 1912 erschienendem Gedichtband „Morgue”, der nach einem Pariser Leichenschauhaus benannt ist, ein gewisses „Es” freizusetzen, welches selbst noch bei Goethe, Wagner und Nietzsche mit „Nacht und Grauen” bedeckt gewesen sei: ein Sinn im Leben oder eine Erfahrung der „höheren Wahrheit”.
Gottfried Benn bekannte sich 1933 zum Hitler-Regime, weil er sich am Beispiel des italienischen Futuristen Marinetti orientierte, der, von Mussolini wohlgelitten, im italienischen Faschismus als Staatsdichter Karriere machen konnte. Diese Rechnung ging im anders gearteten Deutschland nicht auf und schon im September 1933 durften seine Gedichte nicht mehr veröffentlich werden.
Bis 1948 hatte er Gottfried Benn ein Schreibverbot, doch gelang ihm in Deutschland ein ungeahntes Comeback. Sein Gedichtbandband „Statische Gedichte” von 1948 verhalf ihm zu großem Erfolg. 1951 bekam Benn den Büchner-Preis, der seinen absoluten Karrierehöhepunkt markierte.
Gottfried Benn distanzierte sich von den Dichtern des Expressionismus. In einem Brief ein Jahr vor seinem Tod beschreibt er die Intention der Lyriker als „kreatürliche Entblößung” oder nennt sie „Exzesse eines Individualismus”.
Seine Gedichte sind nun geprägt durch eine allgemeine Wahrheitssuche, die sich in Stil und Form an älteren Epochen orientierte (Romantik, Barock). Er setzte sich nicht mehr mit der Thematik der expressionistischen Literatur auseinander. In seinen Gedichten schrieb er nur noch über existenzielle Probleme, die die ganze Menschheit in aller Zeit gleichermaßen beschäftigten.
So lässt sich auch das 1948 erschienende Gedicht „Berlin” nicht einer Epoche zuordnen. Es muss individuell als Kunstwerk des Künstlers Gottfried Benn betrachtet werden.
Eine wichtige Rolle für das Gedicht spielt der Zweite Weltkrieg: Er schürt die Angst vor der Auslöschung einer Zivilisation, sei es durch die „Endlösung der Judenfrage” oder durch die Entwicklung der Atombombe, die es möglich machte, jede Bevölkerungsgruppe auszulöschen. Benn abstrahiert diese Problematik in dem Gedicht „Berlin”, und bringt es auf eine übergeordnete Ebene, in der das Problem besteht aus: Vergessen oder Vergessenwerden.
Das Gedicht besteht aus zwei Strophen, die jeweils sechs Verse lang sind. Alle 12 Verse weisen einen 4-hebigen Trochäus auf. Paarreim und umarmender Reim wechseln sich durchgehend ab (AABCCB). Dieser umarmende Reim hat eine weibliche Kadenz1 und die Paarreime eine männliche Kadenz. Dadurch entsteht eine formale Zusammengehörigkeit von jeweils drei Versen, die auch inhaltliche Sinnabschnitte bilden. Dabei könnte das erste Sextett in zwei Abschnitte unterteilt werden, die in den Versen 1-3 die Gebäude, die von Menschenhand erbaut wurden und in den Versen 4-6 die Gebäude, die von Menschen bewohnt werden und demnach die Menschen selbst oder den Zustand des Genannten, beschreiben.
Im dritten Sinnabschnitt (Z. 7-9) wird ausgeführt, was bleiben wird, wenn alles andere zerstört ist. Diese Überlegung wird in der vierten Kompositionseinheit (Z. 10-12) wieder aufgenommen. Dort kommt es zur Aussage des Gedichtes. Für die Wiedergabe des Inhalts des Gedichtes würden diese letzten drei Verse reichen. In ihnen ist alles Vorherige auf den Punkt gebracht.
Die Form spiegelt absolute Harmonie wider. Obwohl Gottfried Benn anfänglich Bilder eines Untergangs beschreibt, gibt er in der zweiten Strophe Hoffnung, indem er sagt, was trotz Vertreibung bleiben wird. Die Form vermittelt genau diesen Gedanken. Sie verstärkt die Aussage des Gedichtes und erleichtert das Verständnis.
Eine Besonderheit, die dem Leser sofort ins Auge springt, ist die häufige Verwendung eines Bedingungssatzes, um Bilder des Untergangs darzustellen. Dabei ist sogar der Verwendete Artikel in allen vier Satzkonstruktionen gleich. Es ist vielmehr eine einzige große Satz- konstruktion, die im letzten Vers endet. Dabei werden die Nebensätze aneinandergereiht um die Wirkung zu verstärken. Es entsteht ein Parallelismus von Sätzen, die mit „wenn die” (Z. 1, Z. 4, Z. 5, Z. 10) beginnen. Diese Aneinanderreihung wirkt wie eine riesige Spannungsanhebung. Der lyrische Sprecher zählt erst einmal Bilder auf, die erst in Vers 11 gelöst werden: „wenn die [...], [dann] werden noch die Mauern sprechen” (Z. 1-11). Der Leser gerät in eine Abfolge von Aussagen – es entsteht ein Drang weiterzulesen, um die Antwort zu bekommen.
Diese Abfolge wird im dritten Sinnabschnitt kurz unterbrochen. Mit einer Metapher, die die Kennzeichen der Steine (Z. 8: „Male”) als Löwen beschreibt, die für Stärke und Macht stehen, wird die Wichtigkeit dieser Narben verstärkt. In diesen drei Versen wird noch einmal deutlich, wie wichtig dieses Etwas ist, was bleibt. Der lyrische Sprecher scheint dem Leser Hoffnung machen zu wollen, indem er aufzeigt, wie stark und mächtig (Z. 9: „Löwen”) dieses ist. Gebäude können zerfallen, Häuser leer werden und die Menschen, die dort drin lebten, sterben. Eines bleibt, und das darf man keineswegs unterschätzen.
Denn genau das wird in der ersten Strophe beschrieben. „Brücken” und „Bogen” (Z. 1) werden von der Steppe „aufgesogen” (Z. 2). Das Verb personifiziert die Steppe und sagt aus, dass die Zerstörung von der Natur ausgeht. Es verdeutlicht gleichzeitig die Kurzlebigkeit der Dinge, die von Menschenhand erbaut wurden. Sogar eine Burg hält nicht Stand: Sie „verrinnt im Sand” (Z. 3). Sie wird als etwas Flüssiges oder Flüchtiges dargestellt durch das Verb „verrinnen” (Vgl.: Z. 3). Die Gebäude gehen kaputt und stürzen zusammen.
Im zweiten Sinnabschnitt wechselt die Perspektive zu den Menschen. Diesmal geht die Zerstörung nicht von der Natur in Form der Steppe aus. Es findet nur eine Spaltung statt: die Menschen oben, über der Erde, die als Barbaren oder Kämpfer dargestellt werden, durch die militärisch und kriegerisch geprägten Begriffe „Horden” und „Heere”, welche durch eine Alliteration2 zusammen mit den leergewordenen „Häusern” (Z. 4-5) an Bedeutung gewinnen und verstärkt werden und zwischen „uns”, die wir unter der Erde liegen – tot – in „Gräbern” (Z. 6). Der lyrische Sprecher bezieht die Leser mit diesem reflexiv-gebrauchten Personalpronomen „uns” (Z. 6) in das Geschehen ein und macht ihn so betroffen von der stattgefundenen Vertreibung.
Auf diese Vertreibung stößt der Leser jedoch erst im nächsten Vers. In diesem wird von einem Vorgang des Vertreibens gesprochen: „nicht vertreiben” (Z. 7). Zusammen mit den aufgezählten kämpferischen Gruppen, hat es den Anschein, dass eine gewaltsame Zerstörung stattgefunden hat. Diese geht nicht von der Natur aus, sondern von den Menschen, die noch über „uns” weilen. Man vermutet, dass ein Krieg stattgefunden hat.
In den letzten Versen wird ausgesagt, dass die „Löwen” aus Vers 9 „sprechen werden” (Z. 10). D.h. auch wenn die Menschen tot sind, wird es ein Andenken, ein Zeichen von dem untergegangendem Volk geben. Dieses wird auch sogleich beschrieben: Es ist aus dem „grossen Abendland” (Z. 12). Durch das Adjektiv „groß” wird das Abendland positiv gewertet. Der Leser denkt nun vielleicht an den zweiten Weltkrieg, und an die Ausmaße der Zerstörung, die die komplette Auslöschung einer Zivilisation zur Folge hätten haben können. Die beschriebenen Bilder schüren wahrscheinlich aus eben dieser Angst. Gottfried Benn macht noch einmal aufmerksam auf das Geschehene. Er selber hatte zwei Weltkriege miterlebt. Die Besonderheit, welches das Gedicht zum Beispiel von einem Gedicht von Georg Heym unterscheidet, in dem in einer Schreckensvision die Apokalypse beschrieben wird, ist, dass im Gedicht „Berlin” Hoffnung gemacht wird. Auch wenn eine Vertreibung oder sogar eine Zerstörung stattgefunden hat, es bleiben Reste und Andenken an die Menschen, die dort gelebt haben. Gottfried Benn nimmt die Angst vor dem Verschwinden im Nichts, welche viele Menschen seiner Zeit und in den Jahrhunderten vorher gehabt haben.
Diese Angst vor der Bedeutungslosigkeit der eigenen Existenz kam aber gerade mit der Entstehung der Gesellschaft im Zuge des Verstädterungsprozess seit der Gründung des Deutschen Kaiserreiches 1871 besonders zum Vorschein. Oberflächlich gesagt: in einer Millionenstadt, war der Einzelne nicht mehr für das Überleben der Stadt verantwortlich. Er hätte leben oder sterben können, es hätte nichts an der Stadt verändert. Und auch die Gesellschaft hätte weiter existieren können.
Gerade die Lyriker des Expressionismus (1910-1925) probierten in ihren Gedichten diese Problematik zu verarbeiten. Gottfried Benn greift diese auf und verbindet sie mit klassischer Form und klassischem Stil zu einem Kunstwerk, welches dem Menschen Mut machen soll, in einer Zeit, die von Leid und Zerstörung geprägt worden ist.
| 1 | Männliche (stumpfe) Reime (einsilbig): Not/Tod, Mut/Gut; Weibliche (klingende) Reime (zweisilbig mit Betonung auf der vorletzten Silbe): singen/klingen, sagen/fragen. |
| 2 | Bei der Alliteration beginnen mehrere Worte mit dem gleichen Buchstaben. Beispiel: „Milch macht müde Männer munter.“ |
