| 1 | 01 | Zehntausend starre Blöcke sind im Tal errichtet, |
|---|---|---|
| 02 | Aus: Stein auf Stein um Holz- und Eisenroste hochgeschichtet; | |
| 03 | Und Block an Block zu einem Berg gedrückt, | |
| 04 | Von Dampfrohr, Turm und Bahn noch überbrückt, | |
| 05 | Von Draht, der Netz an Netze spinnt. | |
| 06 | Der Berg, von vielen Furchen tief durchwühlt: | |
| 07 | Das ist das große Labyrinth, | |
| 08 | Dadurch das Schicksal Mensch um Menschen spült. | |
| 2 | 09 | Fünfhunderttausend rollt im Kreis das große Leben |
| 10 | Durch alle Rinnen fort und fort in ungeheurem Streben: | |
| 11 | In Kaufhaus, Werkstatt, Saal und Bahnhofshalle, | |
| 12 | In Schule, Park, am Promenadenwalle, | |
| 13 | Im Fahrstuhlschacht, im Bau am Krahn, | |
| 14 | Treppauf und ab, durch Straßen über Plätze, | |
| 15 | Auf Wagen, Rad und Straßenbahn: | |
| 16 | Da schäumt des Menschenstrudels wirre Hetze. | |
| 3 | 17 | Fünfhunderttausend Menschen rollt das große Leben |
| 18 | Durch alle Rinnen fort und fort in ungeheurem Streben. | |
| 19 | Und karrt der Tod auch Hundert täglich fort, | |
| 20 | Es braust der Lärm wie sonst an jedem Ort. | |
| 21 | Schleppt er vom Hammer-Block den Schmied, | |
| 22 | Schleppt er vom Kurven-Gleis den Wagenleiter: | |
| 23 | Noch stärker brüllt das Straßenlied: | |
| 24 | Der Wagen fährt - der Hammer dröhnt weiter. |
Der Frühexpressionismus akzentuiert verstärkt die Arbeiterschicht. Mehr noch als im Naturalismus wird jedoch nicht allein das Leid und die Verelendung der Arbeiterklasse gezeigt, sondern es wird besonders der Stolz und das Selbstbewusstsein der Arbeiter in den Vordergrund gestellt. Die Gewerkschaften bündelten ihre ehemals bedeutungslos und ausgebeuteten Anhänger zu einer mächtigen klassenbewussten Arbeiterbewegung.
Arbeiterdichter waren in dieser Bewegung das Sprachrohr, sie fanden Worte um die Probleme und Ziele der Arbeiter zu beschreiben.
Die Arbeiterdichtung verhalf der Arbeiterschaft ein Bewusstsein zu bilden und ihre gesellschaftliche Rolle zu finden. Die Arbeiter wurden zu Vorboten des technischen Fortschritts stilisiert, sie sahen sich selbst als Pioniere ihrer Zeit und verhalfen der Gesellschaft auf ihren Weg in die Zukunft.
Historischer Hintergrund | |||
| Politik und Wirtschaft | Jahr | Links | |
| Imperialismus/Kolonialisierung | 1870-1914 |
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| 1. Weltkrieg | 1914-1918 |
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| Erfindungen und Entdeckungen | Jahr | Links | |
| Die Fließbandfertigung | 1913 |
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Gerrit Engelke war einer der expressionistischen Dichter, die aus proletarischen Verhältnissen stammen. Der Vater war Textilwarenhändler, während die Mutter sein Talent für Kunst und Musik weckte.
Obwohl Engelke lieber Künstler geworden wäre, hat er zunächst eine Lehre als Maler absolviert und hielt sich danach in verschiedenen Unternehmen über Wasser. Neben seinem Berufsleben besuchte Engelke die hannoversche Kunstgewerbeschule, wo er zwei Preise erhielt. Einige seiner Arbeiten konnte er auch das Kestner-Museum verkaufen.
1913 wandte sich Engelke an sein Vorbild, den Künstler und Schriftsteller Richard Drehmel. Die Gedichte von Engelke fanden bei Drehmel Anklang und so verhalf Drehmel Engelke seine Arbeiten im größeren Umfang der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Engelke knüpfte Kontakt zu Paul Zech, der Engelkes Gedichte in der Zeitschrift Der neue Pathos veröffentlichte.
1916 schrieb Engelke mit Heinrich Lersch und Karl Zielke den Kriegslyrikband "Schulter an Schulter. Gedichte von drei Arbeitern".
1915 bot Lersch Engelke an, in seiner Kesselschmiede zu arbeiten, um so den Kriegsdienst zu umgehen. Engelke lehnte ab, er wurde 1918 eingezogen und bei Cambrai (Niederlande) stationiert. Engelke wurde verwundet und starb 2 Tage später kurz nach einem Waffenstillstand in einem englischen Lazarett.
Gerrit Engelke wird der Arbeiterdichtung zugeordnet und beschäftigte sich vorwiegend mit der Großstadt und Technik. Dabei bricht Engelke häufig mit dem bekannten Gedichtstil und schafft neue Formen. Sozial anklagende und politische Töne fehlen in Engelkes Werken.
Als Gedächtnis an Engelke wird alle 2 Jahre der Gerrit-Engelke-Preis für Literatur vergeben.
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Die Stadt: der Ausgangspunkt und Ort des Untergangs einer jeden Hochkultur. In ihr entwickelt, sammelt und stapelt sich das Größte und das Niederste, was die Menschheit hervorbrachte und hervor bringen wird; ein unentwirrbares und unkontrollierbares Geflecht an Schicksalen, die sich minütlich schneiden, damit das jeweils andere auf immer beeinflussen und doch nie mehr voneinander erfahren. Mit dem vorliegenden Gedicht „Stadt“ von Gerrit Engelke, welches im Jahre 1921 veröffentlicht wurde, erhalten wir ein Abbild dessen, was die Natur der Stadt seit ihren ersten Erscheinungsformen in Mesopotamien ausmacht, in unseren Händen: wilde Formen und Ansammlungen von Klötzen; wirr aneinander gereiht „zu einem Berg gedrückt“ [Z. 3]; Anonymität; Drängen und Isolation.
Die erste Strophe des Gedichtes erschafft ein Bild des Erscheinungsbildes der Stadt. Wir finden folgendes Reimschema: aabbcdcd. „Zehntausend starre Blöcke [...] Stein auf Stein um Holz und Eisenroste hochgeschichtet;“ [Z. 1-2]. Schon mit dem Lesen dieser Zeilen erwächst im Betrachter augenblicklich der Eindruck und die Vorstellung des Gebildes, welches er selbst schon so viele Male vor sich sah. Bauten, die wie große Blöcke mit Kammern die Menschenmasse in sich bergen - ein Zellenblock. In jeder dieser Kammern leben die Menschen ihr einsames Leben und bilden sich ein, es wäre eins. „Und Block an Block zu einem Berg gedrückt“ [Z. 3]. Die Stadt wird vom Autor in den Vergleich gezogen. Ein Berg sei sie; Häuser so dicht gedrängt und aufgetürmt, dass sie (durch das lyrische Ich) ihre Beschreibung und einen Ausdruck im Bilde eines Berges erhält. Straßen, Türen und Fenster durchziehen diesen Berg wie Tunnel, durch die der menschliche Strom fließt und sich drängt - ihre Schicksale reiben aneinander in kalter Abscheu und so verfolgen sie Ziele, die nichts weiter sind als Schatten vergangener Träume.
Die erste Strophe ist geprägt von Metaphern („das große Labyrinth“ [Z. 7]), aber auch Personifikationen1 („Vom Draht, der Netz an Netze spinnt“ [Z. 5]) lassen sich aus dem Gefüge des Jambus entreißen.
Die zweite Strophe beschreibt den Lauf der Menschen. In unbändigem Wahn hetzen sie durch das Furchen-Netz des Berges, in ihrem jeweiligen „großen“ Streben. Doch sie alle bewegen sich immer nur im Kreis („[...] rollt im Kreis das große Leben Durch alle Rinnen und fort in ungeheurem Streben“ [Z. 9-10]). Dabei lässt sich auch erkennen, dass die letzte Zeile der ersten Strophe sozusagen eine Brücke bildet, zwischen dem Entwurf der Stadt und dem Lauf der Leben („Das ist das große Labyrinth, Dadurch das Schicksal Mensch um Menschen spült.“ [Z. 7-8]). Beschrieben werden - in dieser Mitte des Gedichtes - auch die Schauplätze, an denen sich der tägliche Untergang und Irrsinn abspielt. Als Reimschema lässt sich wieder folgendes Muster erkennen: eeffghgh. Und spätestens jetzt sollte dem Leser auffallen, dass jede erste Zeile der Strophen mit einem aus der Grammatik gerissenen Zahlwort beginnt. Die Intention des Autors wird wahrscheinlich die Verdeutlichung von Größenverhältnissen und damit auch die Unterstreichung der „Verlorenheit innerhalb der Anonymität“ gewesen sein. Sprachliche Bilder treiben den Blick des Betrachters in die dritte Strophe; durch die Aufzählung gehetzt, wie eben auch die Menschen („Da schäumt des Menschenstrudels wirre Hetze.“ [Z. 16]).
In der dritten Strophe findet man vertrautes: eeiijkjk. Nun dreht sich alles um das stille Kommen und Gehen innerhalb der Maschinerie der Stadt. („Und karrt der Tod auch Hundert täglich fort, Es braust der Lärm wie sonst an jedem Ort.“ [Z. 19-20]. Engelke kommt von dem „Kreislauf“ der Menschen ab und widmet sich nun dem Vergehen der Zeit und damit auch des Lebens. Während es in der zweiten Strophe um diesen kleinen individuellen Ausschnitt ging, wird nun das allgemeine, unumstößliche innerhalb der ersten beiden Zeilen deutlich („[...] rollt das große Leben“ [Z. 17]). Die Anonymität und Wertlosigkeit (Ersetzbarkeit) des Einzelnen wird in dieser Strophe umfänglich klar gemacht.
(„Schleppt er vom Hammer-Block den Schmied, Schleppt er vom Kurven-Gleis den Wagenleiter: [...] Der Wagen fährt - der Hammer dröhnt weiter.“ [Z. 21-24])
Der Tod mit dem Karren (als Personifikation) holt die Todgeweihten, doch der Lärm und die Betriebsamkeit verlieren nicht an Intensität. „Der Wagen fährt“ bezieht sich also auf Zeile 19; auf den Karren des Todes, doch „der Hammer dröhnt weiter“.
Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die erste Strophe das Bild der Stadt entwirft und als Berg veranschaulicht, die zweite Strophe den hetzenden Kreislauf der Menschen beschreibt und die dritte Strophe mit Anonymität, Unmenschlichkeit und der Ersetzbarkeit arbeitet; es handelt sich also um Expressionismus in seiner reinsten Form.
Die Vorstellung von Utopia mag den Menschen gefallen, doch es sind selten die Dinge, die uns vorschweben, zu denen wir uns entwickeln. Und so kann „Stadt“, wie die meisten Expressionistischen Stadt-Gedichte, auch heute noch seinen Anspruch auf Gültigkeit erheben; in Zeiten, da sich so manche Geschichten wiederholen mögen.
5d1fcc| 1 | Bei der Personifikation wird ein lebloser oder ein abstrakter Begriff, oder aber auch ein Tier, „vermenschlicht“. Personifikationen treten z.B. immer in Fabeln auf (da Tiere wie Menschen handeln). Anderes Beispiel: Der Mond schaut zornig drein; der Mond nimmt hier also charakteristische menschliche Züge an. |
