| 1 | 01 | Es ist ein Licht, das der Wind ausgelöscht hat. |
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| 02 | Es ist ein Heidekrug, den am Nachmittag ein Betrunkener verläßt. | |
| 03 | Es ist ein Weinberg, verbrannt und schwarz mit Löchern voll Spinnen. | |
| 04 | Es ist ein Raum, den sie mit Milch getüncht haben. | |
| 05 | Der Wahnsinnige ist gestorben. Es ist eine Insel der Südsee, | |
| 06 | Den Sonnengott zu empfangen. Man rührt die Trommeln. | |
| 07 | Die Männer führen kriegerische Tänze auf. | |
| 08 | Die Frauen wiegen die Hüften in Schlinggewächsen und Feuerblumen, | |
| 09 | Wenn das Meer singt. O unser verlorenes Paradies. | |
| 2 | 10 | Die Nymphen haben die goldenen Wälder verlassen. |
| 11 | Man begräbt den Fremden. Dann hebt ein Flimmerregen an. | |
| 12 | Der Sohn des Pan erscheint in Gestalt eines Erdarbeiters, | |
| 13 | Der den Mittag am glühenden Asphalt verschläft. | |
| 14 | Es sind kleine Mädchen in einem Hof in Kleidchen voll herzzerreißender Armut. | |
| 15 | Es sind Zimmer, erfüllt von Akkorden und Sonaten. | |
| 16 | Es sind Schatten, die sich vor einem erblindeten Spiegel umarmen. | |
| 17 | An den Fenstern des Spitals wärmen sich Genesende. | |
| 18 | Ein weißer Dampfer am Kanal trägt blutige Seuchen herauf. | |
| 3 | 19 | Die fremde Schwester erscheint wieder in jemands bösen Träumen. |
| 20 | Ruhend im Haselgebüsch spielt sie mit seinen Schatten. | |
| 21 | Der Student, vielleicht ein Doppelgänger, schaut ihr lange vom Fenster nach. | |
| 22 | Hinter ihm steht sein toter Bruder, oder er geht die alte Wendeltreppe herab. | |
| 23 | Im Dunkel brauner Kastanien verblaßt die Gestalt des jungen Novizen. | |
| 24 | Der Garten ist im Abend. Im Kreuzgang flattern die Fledermäuse umher. | |
| 25 | Die Kinder des Hausmeisters hören zu spielen auf und suchen das Gold des Himmels. | |
| 26 | Endakkorde eines Quartetts. Die kleine Blinde läuft zitternd durch die Allee, | |
| 27 | Und später tastet ihr Schatten an kalten Mauern hin, umgeben vom Märchen und heiligen Legenden. | |
| 4 | 28 | Es ist ein leeres Boot, das am Abend den schwarzen Kanal heruntertreibt. |
| 29 | In der Düsternis des alten Asyls verfallen menschliche Ruinen. | |
| 30 | Die toten Waisen liegen an der Gartenmauer. | |
| 31 | Aus grauen Zimmern treten Engel mit kotgefleckten Flügeln. | |
| 32 | Würmer tropfen von ihren vergilbten Lidern. | |
| 33 | Der Platz vor der Kirche ist finster und schweigsam, wie in den Tagen der Kindheit. | |
| 34 | Auf silbernen Sohlen gleiten frühere Leben vorbei | |
| 35 | Und die Schatten der Verdammten steigen zu den seufzenden Wassern nieder. | |
| 36 | In seinem Grab spielt der weiße Magier mit seinen Schlangen. | |
| 5 | 37 | Schweigsam über der Schädelstätte öffnen sich Gottes goldene Augen. |
Die Epoche des Expressionismus besteht aus einer Künstlergeneration zwischen den Weltkriegen, die sich dem nationalistischen, bürgerlichen und wilhelminischen Denken ihrer Zeit abwandten. In den gesellschaftskritischen Werken der Expressionisten wurden Themen wie Wahnsinn, Tod, Umwelt, Krieg, Verfall der Gesellschaft und die infolge der Industrialisierung entstandenen Großstadtprobleme behandelt.
Der Expressionismus überschnitt sich mit der noch nicht abgeschlossenen Industrialisierung. Dabei warnen die Expressionisten häufig vor den Folgen der Industrialisierung, wie der Degradierung der Menschen zu Maschinen und der Verlust der Individualität durch Automatisierungsprozesse. Zudem gab es noch ein Stände-Denken in der Gesellschaft, bei dem sich Macht und Produktionsmittel bei den Großunternehmen bündelten. Die sozialen Spannungen zwischen Arbeiterschicht und Unternehmer, die durch die Ungleichverteilung von Besitz entstand, wurden Thema einiger expressionistischer Werke.
Die Expressionisten warnten jedoch nicht nur vor den Zeichen ihrer Zeit, sondern wollten die Gesellschaft umwälzen und erneuern. Nicht nur die sozialen Konflikte gaben hierfür Anlass, sondern auch die wirtschaftliche Krise durch den Versailler Vertrag und die erneute Militarisierung zwischen den Großmächten. Der Mensch war aus Sicht der Expressionisten mit seinem bisherigen Denken in eine Sackgasse geraten, das System drohte instabil zu werden. Aus diesem Grund schlossen sich viele Friedrich Nietzsches Idee vom Übermenschen an. Der Übermensch bricht mit der Gesellschaft, überwindet sich selbst und schafft neue Werte.
Der expressionistischen Bewegung wird durch die Konflikte mit den konservativen Familienwerten häufig auch ein Vater-Sohn-Konflikt zugeschrieben.
Der österreichische Dichter Georg Trakl wuchs mit seinen 5 Geschwistern in Salzburg auf. Er kam aus einer bürgerlichen Familie, in der der Vater Eisenhändler und die Frau "Bürgersfrau" war.
Durch sein Kindermädchen, dass die Geschwister Trakl 14 Jahre lang betreute, bekam Georg Trakl frühen Kontakt zum strengen Katholizismus und zur französischen Sprache. Er entdecke dadurch sein Interesse an französischer Lyrik. So wurde Trakl auch bereits im Jugendalter von Arthur Rimbaud und Charles Baudelaire beeinflusst.
Der Besuch des Gymnasiums scheiterte für Trakl vorzeitig. So musste er wegen schlechter Leistungen die 7. Klasse wiederholen und verfehlte ein Jahr später erneut das Klassenziel. Trakl brach ohne Matura die Schule ab und begann ein 3-jähriges Praktikum in einer Salzburger Apotheke. Mit dem Scheitern der Schullaufbahn begann Trakl auch eine Drogenlaufbahn. Er konsumierte verschiedene Stoffe wie Choloform, Alkohol und Morphium. Mit dem Beginn seines Apotheker-Praktikums war es Trakl nun noch leichter möglich Drogen zu beziehen.
Nach dem Praktikum absolvierte Trakl trotz des zwischenzeitigen Tods des Vaters 1910 ein Pharmazie-Studium. Als der Vater starb, war Trakl 24 Jahre alt. Die Familie geriet dadurch in finanzielle Schwierigkeiten.
Nach dem Studium meldete sich Trakl freiwillig zum Militärdienst in einer Wiener Sanitätsabteilung. Sein Drogenmissbrauch zeichnete sich immer deutlich ab, er verfiel zunehmend in Depressionen. Seine Stimmung schlug sich in seinen Werken nieder, sie wurden wesentlicher reifer und schwermütiger als seine vorherigen "Experimente" als Dichter.
Als Trakl nach dem Militärdienst mit den Wiedereinsteig ins zivile Berufsleben als Apotheker scheiterte, lernte er 1912 seinen Förderer Ludig von Ficker kennen. Trakls Gedichte wurden von da an regelmäßig in der der Zeitschrift Der Brenner abgedruckt und er fand Kontakt zu weiteren Literaten und Künstlern.
Obwohl Trakls literarische Erfolge wuchsen, führte er weiterhin ein flatterhaftes Gemütsleben aus Depression, Verzweiflung, Nüchternheit und Drogenrausch. 1914 erkrankte Georgs Schwester Margarethe, zu der er eine sehr innige Beziehung pflegte, nach einer Fehlgeburt. Die jüngere Schwester war Georg seit jeher sehr ähnlich, sowohl im Aussehen, als auch imer Wesen. Trakl betrachtete Margarethe als sein Abbild, sie tritt in verschiedenen seiner Werken immer wieder auf. Georg Trakl lernte am Krankenbett die expressionistische Lyrikerin Else Lasker-Schüler kennen, die ebenfalls der kranken Margarethe beiwohnte.
1914 wurde Trakl zum Militärdienst eingezogen. Bei der Schlacht von Grodek (heutiges Ukraine) musste Österreich-Ungarn eine erbitterte Niederlage gegen die russische Armee einstecken. Trakl war als Feldsanitäter mit der Situation völlig überfordert, die Schwerverletzten konnten nicht von ihm versorgt werden. Aufgrund fehlender Mittel musste Trakl die Sterbenden ihren Schicksal überlassen.
Trakl versuchte zu fliehen und Selbstmord zu begehen. Kameraden konnten dies verhindern und er wurde in ein Lazarett eingeliefert. Im selben Jahr des Kriegsausbruches starb Trakl dann im Krakauer Militärhospital an einer Überdosis Kokain.
Trakls Werke zeichnen sich durch eine tiefe Verhaftung mit religiösen Symbolen und Anspielungen aus. Die Stimmung der Werke ist schwermütig, meist untermalt mit herbstlichen und dunklen Farben, abendliches und nächtliches Flair, sowie Tod, Sterben und Verfall. Zudem besitzen die Gedichte häufig eine ausgeprägte Farbsymbolik.
Trakl verwendet häufig den expressionistischen Reihungsstil. Dabei werden Sinneseindrücke in (teils zusammenhanglosen) Metaphern hintereinander gereiht. Trakl setzt meist 4 Metaphern zu einer Strophe zusammen.
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(Karl Kraus zugeeignet)
Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um ein im Prosa Stil verfasstes Gedicht von Georg Trakl. Das Gedicht „ Psalm „ erschien 1912 und behandelt als Thema die aufkommende apokalyptische Stimmung.
Das expressionistische Gedicht gliedert sich in vier Strophen mit jeweils neun Versen und einem optischen, sowie auch inhaltlich abgetrennten Endvers.
Die einzelnen Verse sind zusammenhanglos und lassen weder ein Reimschema noch eine Zentralaussage erkennen. Fast jeder Vers beinhaltet eine Negation. So beispielsweise auch im ersten Vers „ Es ist ein Licht, das der Wind ausgelöscht hat“. Hier lässt sich die Negation wie auch der Gedanke des Zerfalls belegen. Die Negation ist in diesem Fall „ das Licht“, welches „der Wind ausgelöscht hat“. Der Gedanke des Verfalls wird ebenfalls an dem Licht verdeutlicht, denn durch das auslöschen des Lichts wird symbolisch die Vergänglichkeit beschrieben, welche eng mit dem Verfall einhergeht. Weiterhin ist in den wirren Versen der Zerfall des Ichs zu erkennen. Er tritt nur bruchstückhaft zum Vorschein und lässt das lyrische Ich nur undeutlich erkennen. Das lyrische Ich tritt in Erscheinung bei den Aussagen „ Es ist ein…“. Hier wird ein lyrisches Ich durch eine Beobachtung deutlich.
Die Zusammenhanglosigkeit der Verse lässt die Orientierungslosigkeit des lyrischen Ichs noch deutlicher hervortreten und unterstreicht somit die Empfindung des Ich – Zerfalls.
Des Weiteren beschreibt das Gedicht durch seine zumeist apokalyptischen, zum Teil aber auch märchenhaften Bilder das Streben nach Hoffnung zur Errettung des menschlichen Seelenheils. „Die Kinder des Hausmeisters hören zu spielen auf und suchen das Gold des Himmels“
( Z. 25 ) verdeutlicht die Suche, wobei hierauf nicht zuviel Wert gelegt werden sollte, da ein „Sucher“ nur bruchstückhaft zu erkennen ist. Die deutlich zu erkennenden Motive der Disparatheit und der Dissoziation unterstützen, zusammen mit der Negation der einzelnen Verse, die Orientierungslosigkeit(Z. 1-4). Auch die vereinzelten, in den Versen zu findenden Widersprüche unterstreichen die Orientierungslosigkeit, welche das Gedicht aufweißt.
Wichtige Widersprüche sind hierbei „ fremde Schwester“( Z.19) sowie „ steht sein toter Bruder“( Z.22). Ebenfalls im Widerspruch miteinander stehen die Strukturmerkmale syntaktischer und thematischer Art. Wie bereits erwähnt folgen die Verse einer willkürlichen Reihenfolge, was im Gegensatz zu den klar gegliederten Strophen steht. Hierbei ist außerdem erwähnenswert, dass der Titel des Gedichtes „Psalm“ im Widerspruch mit dem Endvers steht, was dem Gedicht einen Rahmen des Widerspruchs auferlegt. Der Psalm steht in dem christlichen Glauben für den Klage beziehungsweise den Lobgesang der an Gott gerichtet ist. Der Psalm verspricht ein Gespräch mit Gott jedweder Art. Der Endvers ( Z. 37 ) widerspricht der Erwartung des Psalms denn hier heißt es „ Schweigsam über der Schädelstätte öffnen sich Gottes goldene Augen“. Das heißt „schweigsam“, nicht für ein Gespräch bereit, öffnet Gott über der „Schädelstätte“, das heißt dem apokalyptischen, toten Schlachtfeld, seine Augen. Gott hat also die Klage der Welt nicht erhört. Weiterhin befasst sich das Gedicht mit zahlreichen Legenden beispielsweise den Nymphen, dem Hirtengott Pan und weißen Magiern (Z. 10,12,36).
Der erste Hoffnungsschimmer bei der Nennung der mystischen Geschöpfe wird durch die Negation gleich entkräftet und erweckt den Eindruck der Gleichgültigkeit seitens der Götter. Die Anspielung durch die Verwendung des Begriffs „Psalm“ auf die christliche Kirche bestätigt sich in den Zeilen 23-24, denn hier ist von einem Novizen, einem Priesterlehrling, die rede und ebenfalls von flatternden Fledermäusen, als böse verschrien, im Kreuzgang umher.
Weitere Anspielungen sind die Engel mit den kotbefleckten Flügeln (Z.31). Durch das beschmutzen von dergleichen reinem und schönen wird die Wirkung der Hoffnungslosigkeit aufgezeigt. Ebenfalls Hoffnungs verachtend wirkt Vers 35. Hier fahren die Toten nicht in den Himmel auf, sondern gleiten in seufzende Wasser. Durch diese Verse wird die Hoffnung der Errettung der Seele zerstört. Dies ist typisch für ein expressionistisches Gedicht.
