| 1 | 01 | Am Abend tönen die herbstlichen Wälder |
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| 02 | Von tötlichen Waffen, die goldnen Ebenen | |
| 03 | Und blauen Seen, darüber die Sonne | |
| 04 | Düster hinrollt; umfängt die Nacht | |
| 05 | Sterbende Krieger, die wilde Klage | |
| 06 | Ihrer zerbrochenen Münder. | |
| 07 | Doch stille sammelt im Weidengrund | |
| 08 | Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt, | |
| 09 | Das vergossne Blut sich, mondne Kühle; | |
| 10 | Alle Straßen münden in schwarze Verwesung. | |
| 11 | Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen | |
| 12 | Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain, | |
| 13 | Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter; | |
| 14 | Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes. | |
| 15 | O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre, | |
| 16 | Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz, | |
| 17 | Die ungebornen Enkel. |
Die Epoche des Expressionismus besteht aus einer Künstlergeneration zwischen den Weltkriegen, die sich dem nationalistischen, bürgerlichen und wilhelminischen Denken ihrer Zeit abwandten. In den gesellschaftskritischen Werken der Expressionisten wurden Themen wie Wahnsinn, Tod, Umwelt, Krieg, Verfall der Gesellschaft und die infolge der Industrialisierung entstandenen Großstadtprobleme behandelt.
Der Expressionismus überschnitt sich mit der noch nicht abgeschlossenen Industrialisierung. Dabei warnen die Expressionisten häufig vor den Folgen der Industrialisierung, wie der Degradierung der Menschen zu Maschinen und der Verlust der Individualität durch Automatisierungsprozesse. Zudem gab es noch ein Stände-Denken in der Gesellschaft, bei dem sich Macht und Produktionsmittel bei den Großunternehmen bündelten. Die sozialen Spannungen zwischen Arbeiterschicht und Unternehmer, die durch die Ungleichverteilung von Besitz entstand, wurden Thema einiger expressionistischer Werke.
Die Expressionisten warnten jedoch nicht nur vor den Zeichen ihrer Zeit, sondern wollten die Gesellschaft umwälzen und erneuern. Nicht nur die sozialen Konflikte gaben hierfür Anlass, sondern auch die wirtschaftliche Krise durch den Versailler Vertrag und die erneute Militarisierung zwischen den Großmächten. Der Mensch war aus Sicht der Expressionisten mit seinem bisherigen Denken in eine Sackgasse geraten, das System drohte instabil zu werden. Aus diesem Grund schlossen sich viele Friedrich Nietzsches Idee vom Übermenschen an. Der Übermensch bricht mit der Gesellschaft, überwindet sich selbst und schafft neue Werte.
Der expressionistischen Bewegung wird durch die Konflikte mit den konservativen Familienwerten häufig auch ein Vater-Sohn-Konflikt zugeschrieben.
Der österreichische Dichter Georg Trakl wuchs mit seinen 5 Geschwistern in Salzburg auf. Er kam aus einer bürgerlichen Familie, in der der Vater Eisenhändler und die Frau "Bürgersfrau" war.
Durch sein Kindermädchen, dass die Geschwister Trakl 14 Jahre lang betreute, bekam Georg Trakl frühen Kontakt zum strengen Katholizismus und zur französischen Sprache. Er entdecke dadurch sein Interesse an französischer Lyrik. So wurde Trakl auch bereits im Jugendalter von Arthur Rimbaud und Charles Baudelaire beeinflusst.
Der Besuch des Gymnasiums scheiterte für Trakl vorzeitig. So musste er wegen schlechter Leistungen die 7. Klasse wiederholen und verfehlte ein Jahr später erneut das Klassenziel. Trakl brach ohne Matura die Schule ab und begann ein 3-jähriges Praktikum in einer Salzburger Apotheke. Mit dem Scheitern der Schullaufbahn begann Trakl auch eine Drogenlaufbahn. Er konsumierte verschiedene Stoffe wie Choloform, Alkohol und Morphium. Mit dem Beginn seines Apotheker-Praktikums war es Trakl nun noch leichter möglich Drogen zu beziehen.
Nach dem Praktikum absolvierte Trakl trotz des zwischenzeitigen Tods des Vaters 1910 ein Pharmazie-Studium. Als der Vater starb, war Trakl 24 Jahre alt. Die Familie geriet dadurch in finanzielle Schwierigkeiten.
Nach dem Studium meldete sich Trakl freiwillig zum Militärdienst in einer Wiener Sanitätsabteilung. Sein Drogenmissbrauch zeichnete sich immer deutlich ab, er verfiel zunehmend in Depressionen. Seine Stimmung schlug sich in seinen Werken nieder, sie wurden wesentlicher reifer und schwermütiger als seine vorherigen "Experimente" als Dichter.
Als Trakl nach dem Militärdienst mit den Wiedereinsteig ins zivile Berufsleben als Apotheker scheiterte, lernte er 1912 seinen Förderer Ludig von Ficker kennen. Trakls Gedichte wurden von da an regelmäßig in der der Zeitschrift Der Brenner abgedruckt und er fand Kontakt zu weiteren Literaten und Künstlern.
Obwohl Trakls literarische Erfolge wuchsen, führte er weiterhin ein flatterhaftes Gemütsleben aus Depression, Verzweiflung, Nüchternheit und Drogenrausch. 1914 erkrankte Georgs Schwester Margarethe, zu der er eine sehr innige Beziehung pflegte, nach einer Fehlgeburt. Die jüngere Schwester war Georg seit jeher sehr ähnlich, sowohl im Aussehen, als auch imer Wesen. Trakl betrachtete Margarethe als sein Abbild, sie tritt in verschiedenen seiner Werken immer wieder auf. Georg Trakl lernte am Krankenbett die expressionistische Lyrikerin Else Lasker-Schüler kennen, die ebenfalls der kranken Margarethe beiwohnte.
1914 wurde Trakl zum Militärdienst eingezogen. Bei der Schlacht von Grodek (heutiges Ukraine) musste Österreich-Ungarn eine erbitterte Niederlage gegen die russische Armee einstecken. Trakl war als Feldsanitäter mit der Situation völlig überfordert, die Schwerverletzten konnten nicht von ihm versorgt werden. Aufgrund fehlender Mittel musste Trakl die Sterbenden ihren Schicksal überlassen.
Trakl versuchte zu fliehen und Selbstmord zu begehen. Kameraden konnten dies verhindern und er wurde in ein Lazarett eingeliefert. Im selben Jahr des Kriegsausbruches starb Trakl dann im Krakauer Militärhospital an einer Überdosis Kokain.
Trakls Werke zeichnen sich durch eine tiefe Verhaftung mit religiösen Symbolen und Anspielungen aus. Die Stimmung der Werke ist schwermütig, meist untermalt mit herbstlichen und dunklen Farben, abendliches und nächtliches Flair, sowie Tod, Sterben und Verfall. Zudem besitzen die Gedichte häufig eine ausgeprägte Farbsymbolik.
Trakl verwendet häufig den expressionistischen Reihungsstil. Dabei werden Sinneseindrücke in (teils zusammenhanglosen) Metaphern hintereinander gereiht. Trakl setzt meist 4 Metaphern zu einer Strophe zusammen.
Das Gedicht Grodek wurde von Georg Trakl verfasst und erschien anfangs des ersten Weltkrieges, 1914.
Grodek, ein heute existierendes Dorf in der Ukraine, handelt vom Beginn des ersten Weltkrieges, beziehungsweise der Schlacht bei Grodek, wo österreichische und russische Truppen aufeinander stiessen. Der Autor, Georg Trakl, wurde als Reservist eingezogen und diente für das österreichische Heer als Sanitäter.
Aufgrund dieser Kenntnisse kann man schliessen, dass das Gedicht nicht von einem lyrischen Ich, sondern von Trakl selber erzählt wird.
Beim erstmaligen Lesen des Gedichts stellt man fest, dass es um eine Kriegshandlung geht. Mit den nötigen Informationen (wie zum Beispiel Erscheinungsjahr, Angaben zum Autor und so weiter) lässt sich schnell herauslesen, dass es ein Kriegsbericht Trakl’s selbst ist.
Von der Sprache her hat es einige Stellen die komplex sind und ohne Interpretation kaum in den Text passen. Ansonsten ist es in einfachem Deutsch geschrieben und somit leicht zugänglich.
Sprachliche Unterschiede zu heute sind nur wenige zu finden. So wird zum Beispiel das Wort „Hain“ heute nicht mehr verwendet (zumindest in der schweizer Gesellschaft), und verliert wohl durch die Abholzung der Wälder auch an Bedeutung. Ein kleiner Unterschied zu heute ist noch, dass es in unserer Zeit kaum mehr Helden gibt, wie es vor allem auch in früheren Schlachten gab. Ich denke da an Winkelried, der sich für die Schweiz geopfert hat, damit die gegnerischen Heere besiegt werden konnten. Solche Helden gibt es heute in dem Sinne nicht mehr.
Inhaltliche Unterschiede lassen sich ebenfalls nicht allzu viele finden. Der grösste Unterschied besteht darin, dass die Schlachten im ersten Weltkrieg auf den grossen Weiden und Feldern stattfanden, das heisst, man sah dem Gegner in die Augen. Heutige Kriegsführung sieht ganz anders aus. Wenn man den ersten Weltkrieg vergleicht mit beispielsweise dem aktuellen Irakkrieg, sieht man enorme Unterschiede. Die Schlachten im Irak werden in den Strassen gehalten, man erschiesst den Feind von hinten aus irgendeinem Haus. Die Kämpfe werden also praktisch nur noch von geschlossenen Räumen zu geschlossenen abgehalten.
Blutende Häupter wie das Trakl beschreibt sind heute auch nicht mehr an der Tagesordnung in den Kriegen, da man den Kopf mit Helmen geschützt hat. Es kann trotzdem sein, dass man eine Kugel in den Kopf abbekommt, aber das ist im Gegensatz zum ersten Weltkrieg eher selten der Fall. Klar hatten die Soldaten im ersten Weltkrieg auch Helme auf, aber die sind heute zu vergleiche mit Fahrradhelmen.
Das Gedicht ist in 18 Zeilen eingeteilt und umfasst nur eine einzige Strophe. Weder ein Reimschema noch ein Metrum ist auszumachen.
Es ist eine Erzählung eines personalen Erzählers („Oh stolzerne Trauer“ Z.15), was dazu führt, dass man die Gefühlslage von Trakl genau erfassen kann. Man ist beim Lesen des Gedichts durch die personale Schreibweise nahe am Standort dabei und Trakl liefert durch die selber gemachten und dann niedergeschriebenen Erfahrungen eine Sicht in seine Gefühle. Trakl stellt sich selbst als Antiheld dar, da er mit den Kriegsgeschehnissen überfordert wird und den Krieg mit seinem Gedicht verurteilt. Hätte er sich wie ein Wilder auf die Gegner gestürzt könnte er sich als Held bezeichnen, in diesem Fall aber nicht. Da das Gedicht nicht nur an einem Tag stattfindet, kann man sagen, dass es zeitdehnend geschrieben ist.
In den Zeilen zwölf bis 14 findet man eine der wenigen rhetorischen Figuren, nämlich eine Lautmalerei („sch“-Laute).
Vorne Weg muss man sagen, dass man dieses Gedicht als ganzes nicht wirklich deuten muss, da man schon beim erstmaligen Lesen versteht, dass Trakl über den Krieg schreibt. Es gibt jedoch kleinere Abschnitte die einer Deutung bedürfen. Zur Hilfe teile ich das Gedicht in drei Teile ein: Zeilen eins bis fünf, Zeilen sechs bis 14 und Zeilen 14 bis 18.
Im ersten Teil sind die Kriegshandlungen in Grodek noch in vollem Gange. Die tödlichen Waffen sind durch die herbstlichen Wälder noch immer zu hören und es sterben noch immer Soldaten. Die Kriegshandlungen werden durch das „Rollen der Sonne“ arg verstärkt. Wenn immer man einen Kriegsbericht hört oder liest, kommt dieses Wort „Rollen“ vor. Man kann es im ersten Weltkrieg mit dem Rollen der ersten Panzer (sogenannte Tanks) gleichsetzen. Trakl nimmt aber bewusst die Sonne als rollende Gestalt und will damit sagen, dass hier die grösste Macht der Welt am wegrollen ist (Anspielung auf Ende der Kriegshandlungen bei diesem Dorf!).
Während der erste Abschnitt am Abend spielte, nimmt der zweite Teil die Nacht in Anspruch. Herausragend ist das rote Gewölk, welches oft mit Kriegshandlungen in Verbindung gebracht wird. Es kommt oft in Büchern und Filmen vor, dass rote Wolken am Abend bei Sonnenuntergang mit Krieg beziehungsweise vergossenem Blut gedeutet werden. Das wird von Trakl in Zeile neun auch noch explizit ausgedrückt („das vergossene Blut“). Der „zürnende Gott“ könnten zwei Götter sein: Einerseits der römische Kriegsgott Mars, welcher die Farbe rot bestätigen würde (Mars als Planet), andererseits der griechische Gott der Unterwelt, Hades, der mit der „schwarzen Verwesung“ in Zeile zehn in Verbindung gebracht werden könnte.
Um noch mal kurz auf Trakls Biografie zurückzukommen: Trakls Schwester litt 1914, als er sie zum letzten Mal sah, an einer schweren Krankheit. Trakl selber beging noch 1914 Selbstmord in einem Lazarett (Überdosis Kokain, Herzlähmung), wobei seine Schwester weiterlebte und dann 1917 Selbstmord beging.
So könnte man den Ausdruck „der Schwester Schatten“ (Genitiv) als den Geist seiner schon totgeglaubten Schwester deuten, die mit den toten Soldaten in den schweigenden Wäldern herumstrich. In den folgenden Zeilen sieht man die Kameradschaft, die im Krieg herrscht: Trakl beschreibt seine gefallenen Kollegen („blutige Häupter“) als Helden. Die Zeilen 13 und 14 haben meiner Meinung nach keine grosse Bedeutung in diesem Gedicht. Ich kann sie mit dem Ganzen nicht in Verbindung bringen. Es ist aber noch heute so, dass Flöten aus Schilfrohren hergestellt werden.
Im letzten Abschnitt nimmt Gott noch einmal eine Stellung ein. Auch diesmal in einem eher negativen Sinn. Altäre werden oft als Versinnbildlichung von Gottheiten gebraucht, was ich auch in diesem Fall annehme. Den „gewaltigen Schmerz“ den Trakl in Zeile 17 erwähnt, deute ich als menschlichen Zorn auf Gott, der es erlaubt, solche hässlichen Kriege führen zu lassen, in dem so viele Menschen sterben müssen (im ersten Weltkrieg verloren rund zehn Millionen Menschen ihr leben). Der Schmerz wird auch noch in den nächsten Generationen spürbar sein, wie die letzte Zeile sagt. Die ungeborenen Enkel die ohne Väter, Grossväter, Onkeln und so weiter aufwachsen müssen, haben einen Teil ihrer Familie verloren, bevor sie überhaupt auf der Welt waren.
Der Text hat insofern einen Gegenwartsbezug, als dass solche Kriege immer und immer wieder stattfinden. Wohl nicht in diesem Ausmass wie die beiden Weltkriege, aber es sterben in jedem Krieg viel zu viele Menschen.
Das Ende des Gedichtes und von Trakl selbst lässt darauf schliessen, dass er den Krieg gehasst hat. Es ist auch heute noch so, dass die Vielzahl der Menschheit den Krieg verabscheut. Also hat Trakls Gedicht von 1914 auch heute noch einen gewissen Stellenwert.
„Grodek“ an sich hat mich nicht wirklich zum Nachdenken verleitet, da ich mich auch sonst oft über solche Vorgänge nachdenke und mich auch über Kriege in der Welt informiere. Über den ersten Weltkrieg weiss ich inzwischen genug, dass ich darüber nicht mehr nachdenken muss und es ja praktisch immer wieder das Selbe ist. Leid und Not in der Zivilbevölkerung wie bei den Soldaten, Hass gegen den Gegner am Anfang des Krieges und so weiter.
Trakl hat neben „Grodek“ noch zwei weitere Gedichte während der Zeit in der Armee geschrieben: „Im Osten“ und „Klage“. Die Titel lassen annehmen, dass die Gedichte ebenfalls mit Krieg zu tun haben, oder zumindest mit etwas ähnlichem. „Grodek“ ist also keinesfalls ein atypisches Gedicht für Trakl. Neben Trakl haben auch zahlreiche andere zu dieser Zeit über die Kriegsgräuel geschrieben. Es gibt unzählige Gedichte über Krieg, Leiden und Not. Soviel zum Stellenwert des Gedichtes „Grodek“.
