| 1 | 01 | Aufgestanden ist er, welcher lange schlief, |
|---|---|---|
| 02 | Aufgestanden unten aus Gewölben tief. | |
| 03 | In der Dämmrung steht er, groß und unerkannt, | |
| 04 | Und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand. | |
| 2 | 05 | In den Abendlärm der Städte fällt es weit, |
| 06 | Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit, | |
| 07 | Und der Märkte runder Wirbel stockt zu Eis. | |
| 08 | Es wird still. Sie sehn sich um. Und keiner weiß. | |
| 3 | 09 | In den Gassen faßt es ihre Schulter leicht. |
| 10 | Eine Frage. Keine Antwort. Ein Gesicht erbleicht. | |
| 11 | In der Ferne wimmert ein Geläute dünn | |
| 12 | Und die Bärte zittern um ihr spitzes Kinn. | |
| 4 | 13 | Auf den Bergen hebt er schon zu tanzen an |
| 14 | Und er schreit: Ihr Krieger alle, auf und an. | |
| 15 | Und es schallet, wenn das schwarze Haupt er schwenkt, | |
| 16 | Drum von tausend Schädeln laute Kette hängt. | |
| 5 | 17 | Einem Turm gleich tritt er aus die letzte Glut, |
| 18 | Wo der Tag flieht, sind die Ströme schon voll Blut. | |
| 19 | Zahllos sind die Leichen schon im Schilf gestreckt, | |
| 20 | Von des Todes starken Vögeln weiß bedeckt. | |
| 6 | 21 | Über runder Mauern blauem Flammenschwall |
| 22 | Steht er, über schwarzer Gassen Waffenschall. | |
| 23 | Über Toren, wo die Wächter liegen quer, | |
| 24 | Über Brücken, die von Bergen Toter schwer. | |
| 7 | 25 | In der Nacht er jagt das Feuer querfeldein |
| 26 | einen roten Hund mit wilder Mäuler Schrein. | |
| 27 | Aus dem Dunkel springt der Nächte schwarze Welt, | |
| 28 | Von Vulkanen furchtbar ist ihr Rand erhellt. | |
| 8 | 29 | Und mit tausend roten Zipfelmützen weit |
| 30 | Sind die finstren Ebnen flackend überstreut, | |
| 31 | Und was unten auf den Straßen wimmelt hin und her, | |
| 32 | Fegt er in die Feuerhaufen, daß die Flamme brenne mehr. | |
| 9 | 33 | Und die Flammen fressen brennend Wald um Wald, |
| 34 | Gelbe Fledermäuse zackig in das Laub gekrallt. | |
| 35 | Seine Stange haut er wie ein Köhlerknecht | |
| 36 | In die Bäume, daß das Feuer brause recht. |
Die Epoche des Expressionismus besteht aus einer Künstlergeneration zwischen den Weltkriegen, die sich dem nationalistischen, bürgerlichen und wilhelminischen Denken ihrer Zeit abwandten. In den gesellschaftskritischen Werken der Expressionisten wurden Themen wie Wahnsinn, Tod, Umwelt, Krieg, Verfall der Gesellschaft und die infolge der Industrialisierung entstandenen Großstadtprobleme behandelt.
Der Expressionismus überschnitt sich mit der noch nicht abgeschlossenen Industrialisierung. Dabei warnen die Expressionisten häufig vor den Folgen der Industrialisierung, wie der Degradierung der Menschen zu Maschinen und der Verlust der Individualität durch Automatisierungsprozesse. Zudem gab es noch ein Stände-Denken in der Gesellschaft, bei dem sich Macht und Produktionsmittel bei den Großunternehmen bündelten. Die sozialen Spannungen zwischen Arbeiterschicht und Unternehmer, die durch die Ungleichverteilung von Besitz entstand, wurden Thema einiger expressionistischer Werke.
Die Expressionisten warnten jedoch nicht nur vor den Zeichen ihrer Zeit, sondern wollten die Gesellschaft umwälzen und erneuern. Nicht nur die sozialen Konflikte gaben hierfür Anlass, sondern auch die wirtschaftliche Krise durch den Versailler Vertrag und die erneute Militarisierung zwischen den Großmächten. Der Mensch war aus Sicht der Expressionisten mit seinem bisherigen Denken in eine Sackgasse geraten, das System drohte instabil zu werden. Aus diesem Grund schlossen sich viele Friedrich Nietzsches Idee vom Übermenschen an. Der Übermensch bricht mit der Gesellschaft, überwindet sich selbst und schafft neue Werte.
Der expressionistischen Bewegung wird durch die Konflikte mit den konservativen Familienwerten häufig auch ein Vater-Sohn-Konflikt zugeschrieben.
Heym wuchs zusammen mit seiner jüngeren Schwester als Kind eines Staats- und Militäranwalts auf. Heym stieß in seiner schwermütigen und sehr religiös geprägten Familie immer wieder auf Konflikte. Seine Ablehnung gegenüber bürgerlich-konservativen Werten verarbeitete er in seinen Gedichten.
Die Kindheit- und Jugendzeit Heyms war geprägt durch mehrfache Ortswechsel. Durch die Umzüge bedingt besuchte Heym vier verschiedene Gymnasium und scheitert zwei mal an der Zulassung zum Abitur. 1906 macht er schließlich doch noch seinen Abschluss und kann damit ein Jahr später ein Jurastudium in Würzburg beginnen.
Auch seine Studentenzeit ist durch einige Wechsel gekennzeichnet. So wechselt Heym bereits 1908 zur Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin, studierte danach für kurze Zeit in Jena und kommt dann doch wieder nach Berlin zurück.
Später sagt Heym, dass er sich zum Jurastudium wegen des Berufs seines Vaters als Militäranwalt gedrängt fühlte. Das Studium der Rechtswissenschaften liegt ihm nicht besonders, dennoch besteht er seine erste Staatsprüfung und bekommt eine Stellung zum Vorbereitungsdienst am Amtsgericht Berlin-Lichterfelde. Im weiteren Verlauf seiner Jura-Karriere wird Heym jedoch wegen eines fahrlässigen Fehlers entlassen und hat Schwierigkeiten seinen Vorbereitungsdienst woanders fortzuführen. Nachdem er keine neue Stelle findet, lenkt Heym schließlich ein und will eine Offizierslaufbahn beginnen.
Der Bewilligung Heyms für die Aufnahme ins Militär wird stattgegeben. Heym ertrink jedoch vorher beim Schlittschuhlaufen auf der Havel, als er seinem Freund Ernst Balcke das Leben retten wollte.
Trotz seines kurzen Lebens wurde Heym der wichtigste Vertreter des Expressionismus.
Das Gedicht Der Krieg von Georg Heym stammt aus dem Jahr 1911 und setzt sich drei Jahre vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges mit dem Thema des Krieges auseinander. Der Krieg lag seit der Marokkokrise (1905/06 und 1911) atmosphärisch in der Luft. Heym, der schon 1912 im Alter von 24 Jahren bei einem Unfall ums Leben kam, hat die Schrecken des Krieges im Gegensatz zu seinen Altersgenossen nicht mehr erlebt. Das Gedicht gehört in die Epoche des Expressionismus (ca. 1910-1920). Der Begriff ,Expressionismus‘ stammt vom lateinischen Wort expressio (Ausdruck) und bedeutet 'Ausdruckskunst'. Die Expressionisten lehnten sich gegen die Tradition des 19. Jahrhunderts auf, das schon lange kritisiert wurde, aber bisher nicht in einer solchen Schärfe. Sie kritisierten aktuelle Erscheinungen und Entwicklungen wie die Industrialisierung, Urbanisierung, die Zivilisation und das wilhelminische Bürgertum. Expressionistische Themen waren die Großstadt, der Ich-Zerfall, der Weltuntergang, Tod, Krankheit und der Krieg.
Die Annahme in einer apokalyptischen Zeit zu stehen verband sich oft mit der Vorstellung und der Hoffnung, dass ein kommender Krieg die kritisierte Gesellschaft vernichtet, damit sie erneuert werden könnte. In Heyms Der Krieg wird deutlich, dass die Expressionisten den Krieg visionär geschaut haben, ihn herbeiredeten oder vor ihm warnten. Der Krieg ist dabei keine Voraussehung der Katastrophe, sondern eine Metapher, die für Veränderung und Aufbruch zu Neuem steht.
1914 wurde der Kriegsausbruch nicht nur in Deutschland begeistert gefeiert. Einige Dichter betrachteten ihn als die einzige Möglichkeit zur Veränderung der Welt und des Menschen. In den Gedichten vor 1914 findet man dementsprechend teils eine Kriegsfaszination. Der Krieg wurde auf zwei Arten beschrieben: als Purgatorium1, wie in Heyms Der Krieg oder in Georg Trakls Grodek und als Aufbruchsmetapher wie in Ernst Stadlers Der Aufbruch. Viele Expressionisten, die teils begeistert in den Krieg gezogen waren, fielen bereits in den ersten Monaten, wie Alfred Lichtenstein, Ernst Stadler, Ernst Wilhelm Lotz und August Stramm, während sich Georg Trakl nach der Schlacht bei Grodek das Leben nahm. Durch die grausame Realität schlug die Begeisterung schnell in Schrecken um, was in eine Orientierungslosigkeit mündete.
Heym stellt in diesem Gedicht den Krieg als personifiziertes schwarzes Monster dar und schildert die Situation vor dem Krieg, die Kriegsbegeisterung der Menschen, die beim Ausbruch des Krieges in Ungewissheit und Angst umschlägt. Anschließend geht er auf die grausamen Folgen eines Krieges ein, die in der totalen Vernichtung enden. Man kann drei Sinnabschnitte ausmachen: Die ersten 4 Strophen stellen die Kriegsvorbereitungen dar, Strophe 5 bis 9 schildern Zerstörungsvorgänge des Kriegs und die letzten beiden Strophen zeigen ein Bild der Verwüstung.
Die 11 Strophen des Gedichts bestehen jeweils aus vier Zeilen, die zwei Paarreime enthalten. Durch diese Reimart und den sechsfüßigen Trochäus wirkt der Rhythmus schwer und gleichförmig, was zum großen Kriegsmonster und seinem Kriegstanz passt. Heym verwendet stets männliche Kadenzen1 und fast durchgehend den im Expressionismus häufig vorkommenden Zeilenstil. Es gibt kein lyrisches Ich, sondern einen eher distanzierten Beobachter, was man auch in Heyms Der Gott der Stadt beobachten kann.
Das Gedicht beginnt in Form einer Anapher2, indem Heym die ersten beiden Zeilen mit dem Wort ,aufgestanden‘ einleitet, wodurch er anfangs den Rhythmus etwas erschwert. Dem Wort kommt durch die Inversion3 zusätzlich Bedeutung zu. Damit soll auch formal betont werden, dass sich etwas Großes und Schreckliches erhebt und heraufkommt, was sich vorher untätig oder abwartend verhielt. Die Anapher erweckt in jedem Fall die Aufmerksamkeit des Lesers, der aufhorcht und sich fragt, was kommen wird. Das was kommt, wird zunächst nur durch das Personalpronomen ,er‘ bezeichnet und ist noch „unerkannt“ (1, 3), was einen bedrohlichen Eindruck schafft. Diesem Etwas wird in der 3. und 4. Zeile der ersten Strophe hyperbolisch Größe und Macht zugesprochen, indem es mit der schwarzen Hand den Mond zerdrückt (1, 4). Das Geschehen spielt sich also am Abend ab. Die Gestalt löscht das Licht und scheint damit die folgende Welle der Zerstörung einzuleiten. Die schwarze Gestalt entpuppt sich als eine Personifizierung bzw. eine Allegorie4 des Krieges. Dies wird in der ersten Strophe nicht gesagt, man kann es aber aus dem Titel des Gedichts erschließen. Der Krieg ist groß und unerkannt und es heißt, dass er „lange schlief“ (1, 1). Der Krieg ist also stets präsent, aber er wird von den Bürgern nicht als Gefahr erkannt. Heym könnte hier die Kriegsbereitschaft der Menschen verdeutlichen. Durch die Allegorie wird der Krieg in gewisser Hinsicht vermenschlicht und als etwas dargestellt, was zu den Menschen gehört und in Abständen wiederkommt.
In der zweiten und dritten Strophen wird die beängstigende Wirkung beschrieben, die von der namenlosen Figur ausgeht, wobei ein Wechsel vom „er“ zum „es“ zu beobachten ist. Der Urheber der Angst und Bedrohung ist nach wie vor unbekannt. Hier wird am Abschalten des Mondes angeknüpft, was sich noch steigert: Kälte, Dunkelheit und Stille breiten sich unheimlich aus. Den Menschen wird die Bedrohung nun bewusst und sie bekommen Angst, was Heym formal durch kurze abgehakte Sätze unterstreicht: „Es wird still. Sie sehn sich um. Und keiner weiß.“ (2, 4). Die Form des Gesagten entspricht dem Inhalt. Gerade der unvollendete Satz verdeutlicht die Unsicherheit der Menschen, die nach und nach zu realisieren scheinen, dass Krieg herrscht.
Die Reaktion der Menschen auf die Bedrohung ist von Passivität und Machtlosigkeit geprägt, während dem Umfeld der aktive Part zukommt: „In den Gassen faßt es ihre Schulter leicht.“ (3, 1). Im Expressionismus stehen die Menschen einer Bedrohung häufig passiv und hilflos gegenüber, wie beispielsweise in Jakob van Hoddis‘ Weltende oder in Alfred Lichtensteins Punkt. Heym spricht von Geläute, das dünn wimmert (3, 3). Damit sind einerseits Kirchenglocken gemeint, die vor der drohenden Gefahr warnen sollen. Das Glockengeläut wird zugleich personifiziert und spielt auf klagende Menschen an. Durch das Wort ,dünn‘ wird klar, dass die Menschen recht machtlos erscheinen. Die vierte Zeile entwirft ein Bild von Bärten, die um das spitze Kinn der Menschen zittern, was expressiv ihre Angst verdeutlicht. Die personifizierten Bärte erhalten ein gewisses Eigenleben. Die Menschen werden in Form eines Pars pro toto2 auf die Bärte bzw. auf ihre Angst reduziert. Sie erbleichen, wimmern, zittern und wirken völlig machtlos, wodurch sich ein scharfer Kontrast zwischen den Menschen und dem überdimensionalen Kriegsgott ergibt.
Die vierte Strophe unterstreicht diesen Gegensatz, indem den schwachen Menschen die Stärke und das mächtige Schreien des Kriegsgottes entgegen gestellt wird. Er vollführt eine Art Kriegstanz, der zu seiner Kriegsvorbereitung zu gehören scheint und fordert zum Kampf auf: „Ihr Krieger alle, auf und an.“ (4, 2). Hier wird deutlich, dass der Krieg menschliche Mitstreiter hat, die er von den Bergen zum Kampf aufruft. Zu der Größe des Kriegsgottes kommt die akustische Komponente. Er übertrumpft das klägliche Wimmern der Menschen auch durch sein Gebrüll und den Schall seiner Kette. An der Beschreibung der Kette mit den „tausend Schädeln“ (4, 4) wird deutlich, was der Krieg schon angerichtet hat und was erneut an seinem Ende kommen wird. Die Kette steht wie der Krieg für Tod und Vernichtung. Das Wesen hat es scheinbar nicht nötig, die schrecklichen Folgen bei seiner Werbung um Kämpfer zu verbergen. Sie scheinen den Kriegern bewusst zu sein, womit erneut und deutlicher auf die Kriegsbereitschaft der Menschen angespielt wird.
Die vierte Strophe kündigte Schreckliches an, was sich in den folgenden Strophen realisiert, die ein Bild des Todes und der Vernichtung entwerfen. Zu Beginn der 5. Strophe tritt das Ungeheuer an. Es wird mit einem Turm verglichen, womit erneut in einem anderen Bild seine Größe und Macht betont wird. Türme sind bei Heym öfter bedrohlich. Die Schilderung der Kämpfe interessieren den Sprecher nicht, es geht ihm nur das Ergebnis und so folgt die Beschreibung einer Todeslandschaft: Ströme voll Blut, zahllose Leichen, Flammenschwall, Berge von Toten (5-6). In der sechsten Strophe wird das Ausmaß der Zerstörung in Form einer Anapher gesteigert. Heym wiederholt vier Mal das Wort ,über‘, was auch (schon) wieder die Größe und Macht des Kriegsgottes steigert.
In der siebten Strophe ergibt sich ein Hell-Dunkel-Kontrast zwischen der Dunkelheit und dem Feuer, der den ganzen Text beherrscht und besonders durch die Farben Rot und Schwarz verdeutlicht wird. Andere Farben mischen sich dazu: In der 5. Strophe steht das rote Blut den weißen Vögeln gegenüber und in der 6. Strophe wird blaues Feuer erwähnt, aber beide Farben sind eher zweitrangig. Die Farbmetaphorik spielte im Expressionismus eine bedeutende Rolle. Farben erhielten eigenständigen Ausdruckswert. Die Autoren verwendeten Farben teilweise abstrakt und drückten mit ihnen Gefühle aus. Es wurden meist grelle, expressive Farben verwendet, die beim Leser bestimmte Assoziationen auslösen. Die wichtigsten Farben in diesem Gedicht sind die typisch expressionistischen Farben Rot, Schwarz und Gelb, die auch Heyms Der Gott der Stadt beherrschen. Sie dienen hier dazu, die inhaltliche Aussage zu untermauern und das Ausmaß der Zerstörung ausdrucksstark aufzuzeigen. Beide Farben werden mit negativen Assoziationen wie Tod, Zerstörung und Finsternis in Verbindung gebracht.
Die Strophen 7 bis 9 stellen verschiedene Aspekte des Kriegsgeschehens dar, wobei das Ungeheuer stets aktiv die Zerstörung vorantreibt. Das vom Kriegsgott durch die Felder gejagte Feuer wird mit einem „roten Hund mit wilder Mäuler Schrein“ (7, 2) verglichen. Die Verbindung mit einem gejagten Hund verdeutlicht äußerst expressiv den bedrohlichen Vorgang. Die Tatsache dass Heym von mehreren Mäulern spricht, lässt darauf schließen, dass er auf den Höllenhund Kerberos aus der griechischen Mythologie anspielt. Kerberos ist der Torhüter der Unterwelt, der teils mit mehreren Köpfen dargestellt wird. Demnach könnte man Heyms Kriegsgott mit Hades in Zusammenhang bringen, der in der griechischen Mythologie der Gott der Unterwelt ist und teils mit Kerberos abgebildet wird. Heym beschreibt in der nächsten Zeile in einem neuen ausdruckstarken Bild das plötzliche Ausbreiten der Dunkelheit: „Aus dem Dunkel springt der Nächte schwarze Welt“ (7, 3). Er behält die bedrohliche Atmosphäre aufrecht, indem er die Dunkelheit der Nächte personifiziert, die einen förmlich anspringt oder angreift. In der vierten Zeile erhellen Vulkane furchtbar den Rand der Rand der Welt. In den Vulkanen wird indirekt die Farbe Rot genannt, die erneut einen Kontrast zwischen den roten Vulkanen und der Dunkelheit schafft, um das Geschehen zu dramatisieren. Heym stellt mit diesem metaphorischen Bild anschaulich brennende Feuerherde dar. Dies findet sich auch in der 9. Strophe, wo von gelben Fledermäusen die Rede ist, die sich ins Laub krallen und metaphorisch für das Feuer stehen, das die Bäume ergriffen hat. Das Wort ,krallen‘ verleiht diesem Bild einen gewalttätigen und dramatischen Beiklang.
In der 8. Strophe spricht der Sprecher von „tausend roten Zipfelmützen“ (8, 1), die metaphorisch für die Geschosse der Waffen und damit für schießende Menschen stehen. Es ergibt sich ein weiterer Kontrast zwischen den lächerlichen Zipfelmützen und den mächtigen Feuervulkanen. Hier kann man eine Tendenz der Verharmlosung ausmachen, die sich auch an anderen Stellen findet. Diese Verharmlosung ist pejorativ3 zu und verdeutlicht, dass die schießenden Menschen im Kriegsgeschehen bedeutungslos sind und nichts ausrichten können. Dieser Eindruck verstärkt sich in den nächsten zwei Zeilen, in denen das Monster das, „was unten auf den Straßen wimmelt hin und her“ (8, 3) in den Feuerhaufen fegt. Die Menschen, die man hier eher mit geschäftigen Ameisen in Verbindung bringt, werden bezeichnenderweise mit dem Wort „was“ bezeichnet, wodurch erneut ihre Bedeutungslosigkeit unterstrichen wird. Sie erscheinen im ganzen Text hilflose Objekte und Opfer ihrer eigenen Kriegslust zu sein.
Das Feuer wird hingegen in der nächsten Strophe personifiziert: „Und die Flammen fressen brennend Wald um Wald“ (9, 1). Heym kehrt also das gewöhnliche Objekt-Subjekt-Verhältnis um, was häufiger im Expressionismus vorkam, wie zum Beispiel in Alfred Lichtensteins Punkt. Zum Abschluss der 9. Strophe werden kriegerische Aktionen mit der Tätigkeit eines Köhlerknechtes4 verglichen, wodurch Heym etwas Alltägliches in den Zerstörungsvorgang mit einbezieht und das Kriegsmonster als jemanden darstellt, der eben seiner Arbeit nachgeht, womit er vermutlich aussagen möchte, dass der Krieg die Natur und das Umfeld zerstört wie der Mensch das normalerweise macht.
Man kann eine Zäsur5 zwischen den bisherigen Strophen und den letzten beiden ausmachen, was sich auch formal im Wechsel vom Präsens ins Präteritum zeigt. Während sich die Zerstörung bisher von Strophe zu Strophe steigerte, wendet sich Heym in der 10. Strophe dem Resultat der Vernichtungswelle zu. Er schildert den Untergang einer Stadt, die personifiziert wird und ihr Ende selbst wollte. Sie scheint regelrecht Selbstmord zu begehen: Sie „[w]arf sich lautlos in des Abgrunds Bauch.“ (10, 2). Die Stadt steht stellvertretend für die Menschen. Der opferbereite Sprung in den personifizierten Abgrund verdeutlicht ihre Mitschuld, weil sie sich metaphorisch dem Gesetz des Krieges unterworfen haben. Diese Stelle knüpft an den Mitstreitern des Krieges der vierten Strophe an, wo man bereits eine gewisse Bereitschaft zum Zerstören und Töten ausmachen konnte. Die Welt ist also nicht nur das Opfer eines großen Ungeheuers, sondern trägt durch ihre Kriegslust zu ihrer eigenen Zerstörung bei. Die Stadt steht auch stellvertretend für die Zivilisation, die komplett vernichtet wird, wodurch auch eine Zivilisationskritik mitschwingen könnte.
Der Kriegsgott dreht seine Fackel drei Mal im wilden Himmel (10, 4) und lässt Pech und Feuer auf „Gomorrh“ (11, 4) regnen. Mit dem Wort Gomorrh spielt Heym auf die Bibel an, wodurch er seine Kriegsvision mit der Vernichtung der sündhaften Stadt Gomorrha gleichsetzt. Sodom und Gomorrha sind Städte, die in einer Erzählung im Alten Testament von Gott für ihr sündhaftes Verhalten unter einem Regen aus Feuer und Schwefel begraben wurden. Er übt zum Abschluss am deutlichsten Kritik an der Gesellschaft, indem er die Situation Europas im Jahre 1911 mit dem biblischen Gomorrha gleichsetzt. Die Menschen haben sich durch ihre Kriegsbegeisterung versündigt und werden durch den Krieg bestraft. Die vielen Bilder der Zerstörung enthalten auch eine Warnung, es geht aber eher um die Darstellung einer Strafe.
Das Gedicht ist keine Vision und Vorhersehung des Krieges, sondern eine Reflexion der 1911 herrschenden Kriegsangst in der Marokkokrise. Heym stellt dar, dass Krieg nichts als Zerstörung bringt, worin eine Warnung mitschwingt. In dem Text zeigt sich der bittere Vorwurf, dass niemand diese Warnung ernst nehmen wird. Viele Anzeichen deuteten 1911 auf einen großen Krieg hin, aber verhältnismäßig wenige Menschen fürchteten ihn, was Heym verurteilt.
Der Krieg wird stellenweise verharmlost, wie in der vierten Strophe, wo er tanzt (4, 1). Der längste Abschnitt des Gedichts beschreibt ausführlich die Größe und Macht des Krieges, weshalb man trotz der negativen Beschreibung auch eine Faszination an der Übergewalt und Brutalität des Krieges ausmachen kann5. Diese Faszination zeigt auch, dass Heym sich wie viele Expressionisten einen Krieg herbeisehnte. Sein Monster stellt die Hoffnung dar, ein Kriegsgott möge die Gesellschaft vernichten, um Platz für etwas Neues zu machen. Heyms ganzes Leben war geprägt von Aufbegehren gegen die Schule, seine Eltern und die starre Gesellschaftsordnung des wilhelminischen Deutschlands. Er hungerte wie viele andere nach Ereignissen, die die kritisierte Welt ändern würden. Der dramatische Text enthält Widersprüche, weil er einerseits den Krieg zu beschwören herbeizureden scheint und zugleich vor ihm warnt.
Die vielen Bilder der Zerstörung könnten auch für den starken Drang nach etwas Neuem stehen. Am Ende beherrscht das Kriegsmonster aber nur triumphierend eine glühende Trümmerlandschaft. Es bietet sich nichts Neues, keine Lösung oder Perspektive, wodurch Hoffnungslosigkeit das Ende bestimmt, was häufiger in expressionistischen Gedichten der Fall ist, wie beispielsweise in Alfred Lichtensteins Die Stadt. Das Gedicht passt zur damaligen Weltuntergangsstimmung, die viele Lyriker der Zeit prägte. Somit könnte man das Gedicht auch dem expressionistischen Thema ,Weltende‘ zuordnen, wo Untergangsvisionen geschildert werden.
Parallelen zu Heyms Gedicht Der Gott der Stadt sind unverkennbar. In beiden Texten herrscht Endzeitstimmung und der Blick richtet sich auf ein bedrohliches Wesen. In Der Gott der Stadt verkörpert es negative Begleiterscheinungen einer Großstadt, in Der Krieg steht es für die schrecklichen Folgen des Krieges. Die grausamen Götter vernichten jeweils eine Stadt bzw. die Zivilisation, wodurch Hoffnungslosigkeit und Verwüstung vorherrschen. In beiden Gedichten werden die Menschen für ihr falsches Verhalten bestraft, in Der Gott der Stadt für ihr blindes Vertrauen in die Stadt und die Zivilisation und in Der Krieg für Ihre Kriegsbegeisterung.
| 1 | Männliche (stumpfe) Reime (einsilbig): Not/Tod, Mut/Gut; Weibliche (klingende) Reime (zweisilbig mit Betonung auf der vorletzten Silbe): singen/klingen, sagen/fragen. |
| 2 | Wiederholung eines oder mehrerer Wörter an Satz-/Versanfängen. Beispiel: „Er schaut nicht die Felsenriffe, er schaut nur hinauf“. |
| 3 | Umstellung des Satzbaus. |
| 4 | Konkrete Darstellung eines abstrakten Begriffes, oft durch Personifikation. |
| 5 | (Inhaltlicher) Einschnitt |
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Bekes, Peter (1991): Arbeitstexte für den Unterricht – Gedichte des Expressionismus. Stuttgart: Philipp Reclam jun. |
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Große, Wilhelm (1988): Interpretationen zur Expressionistischen Lyrik. Hollfeld: Bange, Königs Erläuterungen und Materialien. |
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Große, Wilhelm (2007): Literaturwissen Expressionismus. Stuttgart: Philipp Reclam jun. |
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Martini, Fritz (1948): Was war Expressionismus? Deutung und Auswahl seiner Lyrik. Urach: Port Verlag. |
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Rölleke, Heinz (1988): Die Stadt bei Stadler, Heym und Trakl. Berlin: Erich Schmidt. |
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Schneider, Karl Ludwig (1967): Zerbrochene Formen: Wort und Bild im Expressionismus. Hamburg: Hoffmann und Campe. |
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Vietta, Silvio (Hrsg.) (1976): Lyrik des Expressionismus. München: Deutscher Taschenbuch-Verlag. |
