| 1 | 001 | Freude war in Trojas Hallen, |
|---|---|---|
| 002 | Eh die hohe Feste fiel; | |
| 003 | Jubelhymnen hört man schallen | |
| 004 | In der Saiten goldnes Spiel; | |
| 005 | Alle Hände ruhen müde | |
| 006 | Von dem thränenvollen Streit, | |
| 007 | Weil der herrliche Pelide | |
| 008 | Priams schöne Tochter freit. | |
| 2 | 009 | Und geschmückt mit Lorberreisern, |
| 010 | Festlich wallet Schaar auf Schaar | |
| 011 | Nach der Götter heil'gen Häusern, | |
| 012 | Zu des Thymbriers Altar. | |
| 013 | Dumpf erbrausend durch die Gassen | |
| 014 | Wälzt sich die bacchant'sche Lust, | |
| 015 | Und in ihrem Schmerz verlassen | |
| 016 | War nur eine traur'ge Brust. | |
| 3 | 017 | Freudlos in der Freude Fülle, |
| 018 | Ungesellig und allein, | |
| 019 | Wandelte Kassandra stille | |
| 020 | In Apollos Lorbeerhain. | |
| 021 | In des Waldes tiefste Gründe | |
| 022 | Flüchtete die Seherin, | |
| 023 | Und sie warf die Priesterbinde | |
| 024 | Zu der Erde zürnend hin: | |
| 4 | 025 | Alles ist der Freude offen, |
| 026 | Alle Herzen sind beglückt, | |
| 027 | Und die alten Eltern hoffen, | |
| 028 | Und die Schwester steht geschmückt. | |
| 029 | Ich allein muß einsam trauern, | |
| 030 | Denn mich flieht der süße Wahn, | |
| 031 | Und geflügelt diesen Mauern | |
| 032 | Seh' ich das Verderben an. | |
| 5 | 033 | Eine Fackel seh' ich glühen, |
| 034 | Aber nicht in Hymens Hand; | |
| 035 | Nach den Wolken seh' ich ziehen, | |
| 036 | Aber nicht wie Opferbrand. | |
| 037 | Feste seh' ich froh bereiten, | |
| 038 | Doch im ahnungsvollen Geist | |
| 039 | Hör' ich schon des Gottes Schreiten, | |
| 040 | Der sie jammervoll zerreißt. | |
| 6 | 041 | Und sie schelten meine Klagen, |
| 042 | Und sie höhnen meinen Schmerz. | |
| 043 | Einsam in die Wüste tragen | |
| 044 | Muß ich mein gequältes Herz, | |
| 045 | Von den Glücklichen gemieden | |
| 046 | Und den Fröhlichen ein Spott! | |
| 047 | Schweres hast du mir beschieden, | |
| 048 | Pythischer, du arger Gott! | |
| 7 | 049 | Dein Orakel zu verkünden, |
| 050 | Warum warfest du mich hin | |
| 051 | In die Stadt der ewig Blinden | |
| 052 | Mit dem aufgeschloßnen Sinn? | |
| 053 | Warum gabst du mir zu sehen, | |
| 054 | Was ich doch nicht wenden kann? | |
| 055 | Das Verhängte muß geschehen, | |
| 056 | Das Gefürchtete muß nahn. | |
| 8 | 057 | Frommt's, den Schleier aufzuheben, |
| 058 | Wo das nahe Schreckniß droht? | |
| 059 | Nur der Irrthum ist das Leben, | |
| 060 | Und das Wissen ist der Tod. | |
| 061 | Nimm, o nimm die traur'ge Klarheit, | |
| 062 | Mir vom Aug den blut'gen Schein! | |
| 063 | Schrecklich ist es, deiner Wahrheit | |
| 064 | Sterbliches Gefäß zu sein. | |
| 9 | 065 | Meine Blindheit gib mir wieder |
| 066 | Und den fröhlich dunklen Sinn! | |
| 067 | Nimmer sang ich freud'ge Lieder, | |
| 068 | Seit ich deine Stimme bin. | |
| 069 | Zukunft hast du mir gegeben, | |
| 070 | Doch du nahmst den Augenblick, | |
| 071 | Nahmst der Stunde fröhlich Leben - | |
| 072 | Nimm dein falsch Geschenk zurück! | |
| 10 | 073 | Nimmer mit dem Schmuck der Bräute, |
| 074 | Kränzt' ich mir das duft'ge Haar, | |
| 075 | Seit ich deinem Dienst mich weihte | |
| 076 | An dem traurigen Altar. | |
| 077 | Meine Jugend war nur Weinen, | |
| 078 | Und ich kannte nur den Schmerz, | |
| 079 | Jede herbe Noth der Meinen | |
| 080 | Schlug an mein empfindend Herz. | |
| 11 | 081 | Fröhlich seh' ich die Gespielen, |
| 082 | Alles um mich lebt und liebt | |
| 083 | In der Jugend Lustgefühlen, | |
| 084 | Mir nur ist das Herz getrübt. | |
| 085 | Mir erscheint der Lenz vergebens, | |
| 086 | Der die Erde festlich schmückt; | |
| 087 | Wer erfreute sich des Lebens, | |
| 088 | Der in seine Tiefen blickt! | |
| 12 | 089 | Selig preis' ich Polyxenen |
| 090 | In des Herzens trunknem Wahn, | |
| 091 | Denn den Besten der Hellenen | |
| 092 | Hofft sie bräutlich zu umfahn. | |
| 093 | Stolz ist ihre Brust gehoben, | |
| 094 | Ihre Wonne faßt sie kaum, | |
| 095 | Nicht euch, Himmlische dort oben, | |
| 096 | Neidet sie in ihrem Traum. | |
| 13 | 097 | Und auch ich hab' ihn gesehen, |
| 098 | Den das Herz verlangend wählt! | |
| 099 | Seine schönen Blicke flehen, | |
| 100 | Von der Liebe Gluth beseelt. | |
| 101 | Gerne möcht' ich mit dem Gatten | |
| 102 | In die heim'sche Wohnung ziehn; | |
| 103 | Doch es tritt ein styg'scher Schatten | |
| 104 | Nächtlich zwischen mich und ihn. | |
| 14 | 105 | Ihre bleichen Larven alle |
| 106 | Sendet mir Proserpina; | |
| 107 | Wo ich wandre, wo ich walle, | |
| 108 | Stehen mir die Geister da. | |
| 109 | In der Jugend frohe Spiele | |
| 110 | Drängen sie sich grausend ein, | |
| 111 | Ein entsetzliches Gewühle! | |
| 112 | Nimmer kann ich fröhlich sein. | |
| 15 | 113 | Und den Mordstahl seh' ich blinken |
| 114 | Und das Mörderauge glühn; | |
| 115 | Nicht zur Rechten, nicht zur Linken | |
| 116 | Kann ich vor dem Schreckniß fliehn; | |
| 117 | Nicht die Blicke darf ich wenden, | |
| 118 | Wissend, schauend, unverwandt | |
| 119 | Muß ich mein Geschick vollenden | |
| 120 | Fallend in dem fremden Land - | |
| 16 | 121 | Und noch hallen ihre Worte - |
| 122 | Horch! da dringt verworrner Ton | |
| 123 | Fernher aus des Tempels Pforte, | |
| 124 | Todt lag Thetis' großer Sohn! | |
| 125 | Eris schüttelt ihre Schlangen, | |
| 126 | Alle Götter fliehn davon, | |
| 127 | Und des Donners Wolken hangen | |
| 128 | Schwer herab auf Ilion. |
Die Weimarer Klassik ist größtenteils durch Goethe und Schiller geprägt, sodass die Weimarer Klassik häufig auf die gemeinsame Schaffenszeit der beiden berühmten Dichter eingegrenzt wird. Die Epoche endet dementsprechend 1805 mit dem Tod Schillers.
Neben Goethe und Schiller werden aber auch noch Wieland und Herder hinzugerechnet.
Zwischen diesen vier Dichtern, welche auch als Viergestirn bezeichnet werden, gibt es auffällige Ähnlichkeiten. Zwar gab es eine Dichterfreundschaft zwischen Goethe und Schiller, aber es gab keine zeitgleichen besonderen Beziehungen zwischen allen vier Dichtern. Diese Ähnlichkeiten grenzen sich von der sich überlagernden Frühromantik ab, weshalb man diese Dichter zu einer eigenen Epoche zusammengefasst hat. Die Dichter selbst bezeichneten sich nicht als Klassiker. Da die vier Autoren sich in Weimar lebten, zentralisiert sich diese Epoche auch auf Weimar, was natürlich namensgebend war.
Die Weimarer Klassik setzt sich mit den Folgen der Französischen Revolution und der Aufklärung auseinander. Nach der Französischen Revolution wurde die Kultur durch die Massenhinrichtungen durch den Revolutionsführer Robespierre erschüttert und es zeigte sich, dass die Schreckensherrschaft von Robespierre nicht mit den Idealen der Revolution vereinbar sind. Auf der anderen Seite widersetzte man sich einem allzu vernunftorientierten und wissenschaftsgläubigen Lebensstil, wie er von der Aufklärung gefordert wurde. Vernunftorientiertes Handeln kann die Probleme der Menschen nach Ansicht der Klassiker nicht hinreichend beantworten (siehe "Die Leiden des jungen Werthers" von Goethe).
Die Klassiker lehnen sich an ein idealisiertes Bild von der Antike an. Begriffe wie Vollkommenheit, Humanität, Harmonie von Form und Inhalt wurden zu erstrebenswerten Werten hochgehalten.
Historischer Hintergrund | |||
| Erfindungen und Entdeckungen | Jahr | Links | |
| Die Dampflokomotive | 1804 |
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Für seine Ballade, “Kassandra” greift Schiller den Kassandra-Mythos aus dem antiken Epos Ilias (griechisch für Troja) auf. Die Ballade enthält dem entsprechend viele Namen und Anspielungen aus der Ilias und der antiken Götterwelt. Vor der eigentlichen Interpretation sollen diese hier näher erklärt werden.
Kassandra ist eine Tochter des trojanischen Herrscherhauses. Sie erhält von Apollon die Sehergabe, kann also die Zukunft sehen. Apollon erwartet dafür als Gegenleistung, dass er sie als Frau haben kann. Sie verweigert sich ihm jedoch, weshalb Apollon sie mit dem Fluch belegt, dass niemand ihr glaubt, wenn sie ihre Visionen mitteilen will.
Peleus (V.7: “Weil der herrliche Pelide”.) ist Achilles Vater. Der Pelide ist daher Achilles, als sein Abkömmling.
Priamos (V. 8: “Priams schöne Tochter freit“.) ist Kassandras Vater und Herrscher von Troja.
Thymbra (V. 12: “Zu des Thymbriers Altar”.) ist ein Ort in der Nähe von Troja, wo sich ein Tempel des Apollon befindet.
Das Wort bacchantische (V.14 “Wälzt sich die baccantsche Lust”.) ist ein Neologismus Schillers. Bacchus war der römische Gott des Weines, der Feste und der Fruchtbarkeit sowie das Äquivalent1 zu Dionysos in der griechischen Mythologie.
Pythia (V.48 “Pythischer, du arger Gott”.) ist die Hohepriesterin im Orakel von Delphi. Das Orakle von Delphi war ein Ort, wo man sein Schicksal erfragen konnte. Es kann auch Python gemeint sein, die Schlange die am späteren Orakel von Delphi durch Apollon mit Pfeilen getötet wurde, was dem Ort seine Prophetische Funktion verlieh.
Polyxena (V.89: “Selig preis ich Polyxenen”.) ist Kassandras Schwester, in die Achill verliebt ist. Auch sie empfindet Bewunderung (nicht unbedingt Liebe) für Achill, doch sie können nicht zusammen sein, weil Achill unter Agamemnon gegen die Griechen Kämpft und Polyxena wie Kassandra eine Priesterin Apollons ist.
Die Hellenen (V. 91: “Denn den besten der Hellenen”.) sind alle Griechen der damaligen Stadtstaaten. Mit dem besten der Hellenen ist der Kriegsheld Achilles gemeint.
Styx (V. 103: “Doch es tritt ein styg’scher Schatten”.) ist der Fluss in der Unterwelt, den man bei seiner Reise in die diese überqueren muss.
Proserpina (V. 106: “Sendet mir Proserpina”.) ist der römische Name für eine griechische Göttin der Unterwelt und des Todes.
Thetis (V. 124: “Tot lag Thetis’ großer Sohn!”) ist eine Meeresnymphe der griechischen Mythologie. Ferner ist sie Achilles Mutter (Achilles ist ein Halbgott). Daher ist mit dem großen Sohn Achilles gemeint.
Eris (V. 125): “Eris schüttelt ihre Schlangen.”) ist die griechische Götten der Zwietracht, die den trojanischen Krieg erst ausgelöst hat (siehe Zankapfel).
Die vorliegende Ballade besteht aus insgesamt 128 Versen und ist in 16 Strophen mit je 8 Versen gegliedert. Die Ballade ist eine sehr rhythmische Form der Lyrik, da sie ihre Ursprünge im Tanzlied hat, ist jedoch sehr frei was die Reime betrifft. Der Autor ist zwar um Kreuzreime bemüht, kann diese jedoch nicht immer einhalten. Daher liegen häufig unreine Reime vor und manche Verse brechen ganz mit dem genannten Kreuzreimschema, woraus man schließen kann, dass Schiller die ausführliche und verständliche Darstellung des Inhaltes einer Formvollendung vorzieht. Das Metrum ist jedoch klar als 4-hebiger Trochäus mit weiblich klingender Kadenz2 benennbar.
Bei näherer Betrachtung des Inhalts zeigt sich, dass Schiller den mythologischen Stoff zum Teil stark interpretiert hat und die Figur Kassandra in seinem Sinne zeigt. Er zeigt also eine Kassandra seiner Vorstellung, anstelle der mythologischen Kassandra. Dies wird bereits in den ersten drei Strophen deutlich, die vom Rest der Ballade trennbar sind, da in diesen drei Strophen ein Erzähler in Erscheinung tritt, während der Rest der Ballade einen Monolog Kassandras darstellt.
In den ersten drei Strophen wird von einem Erzähler die Stimmung in Troja beschrieben. In Troja findet eine Feier statt (Vgl. V. 9-10) und die Stimmung ist ausgelassen bis euphorisch (Vgl. V. 14). Der Anlass der Feier ist die Hochzeit des Peliden, womit Achilles gemeint ist, und Polyxena. “Weil der herrliche Pelide / Priams schöne Tochter freit.” (V. 7-8). Eine solche Hochzeit kommt in der frühen Mythologie der Ilias nicht vor, jedoch hat Schiller auch in diesem Punkt mythologische Bezüge. Die Hochzeit zwischen Polyxena und Achilles kommt in späteren antiken Versionen des Trojanischen Krieges als Finte der Trojaner vor, die Achilles alleine in den Apollon Tempel locken wollen um ihn dort zu ermorden. Die Heirat wird jedoch im weiteren noch zu einem wichtigen Thema für Schillers Kassandra und wird als echte Hochzeit aufgefasst. Erst die letzte Strophe zeigt, dass die Hochzeit in Wirklichkeit Achilles Tod bedeutet. Mit dieser Heirat ist außerdem Trojas Hoffnung auf ein Ende des Krieges impliziert. Es wäre die Heirat einer Tochter des Königshauses Trojas und des wichtigsten Kriegshelden auf der Seite Agamemnons (Agamemnon belagert Troja und ist auf Achilles angewiesen). Die Ereignisse der ersten drei Strophen, sowie der Monolog Kassandras finden also zu einem Zeitpunkt statt, an dem die Trojaner sich ihres Sieges sicher sind. Dieser Zeitpunkt ist mythologisch betrachtet auch der Zeitpunkt kurz vor Trojas Zerstörung durch die List des Trojanischen Pferdes. Der Erzähler ist allwissend und weiß bereits um die bevorstehende Zerstörung (Vgl. V. 2). Das besondere an Kassandra ist, dass sie aufgrund ihrer Sehergabe ebenfalls die Zerstörung Trojas und ihren darauf folgenden Tod vorhersieht. Diese Situation wird in den letzten beiden Versen der zweiten Strophe beschrieben und die dritte Strophe leitet dann zu Kassandras Monolog über. Kassandra will an den Feierlichkeiten nicht teilnehmen, da sie die Siegesgewissheit der Trojaner nicht teilt. Sie bleibt daher alleine (Vgl. V. 21-22). Sie ist alles andere als ausgelassen (Vgl. V. 23-24) und fängt so in der vierten Strophe an ihre Gefühle und Gedanken im Monolog offen zu legen.
Ihre Trauer bringt Kassandra mit ihrer Sehergabe, die sie besonders in den Strophen vier bis fünf darstellt, in Verbindung. Die Gabe wird auch der “süße Wahn” (V. 30) genannt. Die Synästhesie des Süßen relativiert dieses Urteil über die Sehergabe noch. Jedoch wird schon deutlich, dass Kassandra ihrer Begabung kritisch gegenübersteht und sie eher als Belastung empfindet, wenn sie diese als Wahn bezeichnet. In der Strophe fünf beschreibt sie ihre Visionen von der Zerstörung Trojas und setzt diese auch in Antithese3 zu den aktuellen Feierlichkeiten in Troja (Vgl. V. 37 - 40).
In der Strophe sechs wird deutlicher, wie die Sehergabe sie in die Einsamkeit treibt. Niemand glaubt ihr ihre Prophezeiungen, man hält sie für verrückt und sie kommt daher zu einem zentralen Urteil betreffend ihrer Sehergabe: “Schweres hast du mir beschieden, / Pythischer, du arger Gott!” (V. 47-48) Pythisch ist eine Adjektivbildung, die ihre Ursprünge in den Namen Pythia oder Python haben kann. In beiden Fällen ist der pythische Gott eine Metonymie für das delphische Orakel, wo die Antiken ihr Schicksal erfragten, wozu Kassandra auch ohne das Orakel fähig ist. Mit diesem Gott ist also die von Apollon verliehene Sehergabe gemeint. Die Sehergabe ist für Kassandra eine schwere Bürde und sie beschreibt diesen Gott als “arg” im Sinne von grausam. Dass Kassandra die Gabe als Bürde befindet zeigt sich an zahlreichen anderen Stellen (Vgl. V.59-72).
Ab der zehnten Strophe tritt ein neuer Aspekt aus Kassandras Gefühlswelt hervor. Kassandra bedauert, dass sie als Priesterin nicht heiraten kann, im Gegensatz zu der Schwester (Vgl. V. 73-74). Wie sehr Schiller die Ilias als bekannt voraussetzt ist schwer zu sagen, doch zu diesem Zeitpunkt der Ballade erscheint die Hochzeit noch nicht als Finte, wie in der Ilias, sondern als echtes freudiges Ereignis. Die Heirat ist Kassandras inniger Wunsch. “Selig preis ich Polyxenen.” (V. 89) Dass hier der eingedeutschte Plural von Polyxena verwendet wird, zeigt, dass Kassandra die Hochzeit als ein für alle Frauen bestimmtes ideal ansieht. Man kann aufgrund der Prädikatgruppe, “Selig preis” nicht von Neid sprechen, sondern eher von einer idealistischen Tendenz. Jede heiratende Frau gehöre verehrt.
Die Strophe 13 zeigt, wie Kassandra sich die Ehe vorstellt und sich für sich selber wünscht. Die Verse 97-98 lassen außerdem vermuten, dass Kassandra bereits einen bestimmten Mann als Ehegatten begehrt, was jedoch nicht näher ausgeführt wird. Kassandras Vorstellungen von der Ehe sind einerseits romantisch (Vgl. V. 98-100), andererseits häuslich bis bieder (Vgl. V.101-102). Es soll zwar Leidenschaft geben, die von “der Liebe Glut beseelt” (V. 100) ist, doch es soll auch realistische und bodenständige Aspekte geben, wie die “heimische Wohnung” (V. 102). In Schillers theoretische Schriften übersetzt, würde dies die Vereinigung von Neigung (Leidenschaft) und (ehelicher) Pflicht bedeuten. Kassandra strebt also durchaus nach Schillers Ideal der schönen Seele, das hier fast gleichbedeutend mit der Heirat ist.
Doch ihre Sehergabe und ihr Schicksal, das sie bereits gesehen hat, halten sie von der Verwirklichung dieses Ideals ab (Vgl. V. 103-104). Ihre Reaktion ist fatalistische Todessehnsucht. (Vgl. V. 106). In der letzten Strophe tritt der Erzähler wieder auf. Er nennt Achills Tod (Vgl. V. 124) und deutet Trojas Untergang an (Vgl. V. 125 - Ende).
Kassandra wird insgesamt als Frau dargestellt, die ihrer prophetischen Rolle nicht gewachsen ist. Sie würde die Sehergabe abgeben wenn sie könnte und ergibt sich zum Schluss ihrem Schicksal. Sie würde ein geordnetes Leben in einer Ehe der Sehergabe und dem Priesteramt vorziehen. Sie verehrt außerdem die Ehe als ein für sie unerreichbares Ziel.
Für die Wirkungsgeschichte des Kassandra Stoffes ist besonders Christa Wolfs Werk, “Kassandra” von Bedeutung. Es zeigt Kassandra als selbstbewusste, aber schwer um Autonomie kämpfende Frau und implizit als Leitfigur der Emanzipation. Christa Wolfs Kassandra kann jedoch gerade durch die Sehergabe ihr Schicksal akzeptieren und ihre Autonomie erreichen. Sie akzeptiert Sehergabe und Schicksal, doch lässt sich nicht unterdrücken, da sie zu keinem Zeitpunkt die Wertvorstellungen der patriarchalischen Struktur in Troja übernimmt. Auch Achilles wird anders gesehen. Schiller stellt Achilles als großen Helden dar (wie er auch in der Antike gesehen wurde), der auch von Kassandra verehrt wird. Bei Christa Wolf bezeichnet Kassandra ihn nur als “Achill das Vieh”. Sie empfindet nur Verachtung für ihn und sieht ihn als Bestie.
Christa Wolf hat Schillers Kassandra-Bild dem entsprechend auch kritisiert. Mit Kassandras Wunsch nach einer Ehe projiziere Schiller die matriarchalischen Forderungen die seine Zeit (1759-1805) an die Frauen gestellt habe in Kassandra. Kassandra wolle sich dem Mann unterwerfen. Auch einem Achill, der für Christa Wolf alles andere als ein Held ist. Sie unterliege also dem patriarchalischen Menschenbild, wenn sie einen Achilles als Helden feiere.
| 1 | Entsprechung |
| 2 | Männliche (stumpfe) Reime (einsilbig): Not/Tod, Mut/Gut; Weibliche (klingende) Reime (zweisilbig mit Betonung auf der vorletzten Silbe): singen/klingen, sagen/fragen. |
| 3 | Gegenüberstellung von Gegensätzen; Behauptungen die sich zu widersprechen scheinen. |
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Kassandra beim Projekt Gutenberg |
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