| 1 | 01 | Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen! |
|---|---|---|
| 02 | Und einen Herbst zu reifem Gesange mir, | |
| 03 | Daß williger mein Herz, vom süßen | |
| 04 | Spiele gesättiget, dann mir sterbe. | |
| 2 | 05 | Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht |
| 06 | Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht; | |
| 07 | Doch ist mir einst das Heil'ge, das am | |
| 08 | Herzen mir liegt, das Gedicht gelungen, | |
| 3 | 09 | Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt! |
| 10 | Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel | |
| 11 | Mich nicht hinab geleitet; Einmal | |
| 12 | Lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht. |
Die Weimarer Klassik ist größtenteils durch Goethe und Schiller geprägt, sodass die Weimarer Klassik häufig auf die gemeinsame Schaffenszeit der beiden berühmten Dichter eingegrenzt wird. Die Epoche endet dementsprechend 1805 mit dem Tod Schillers.
Neben Goethe und Schiller werden aber auch noch Wieland und Herder hinzugerechnet.
Zwischen diesen vier Dichtern, welche auch als Viergestirn bezeichnet werden, gibt es auffällige Ähnlichkeiten. Zwar gab es eine Dichterfreundschaft zwischen Goethe und Schiller, aber es gab keine zeitgleichen besonderen Beziehungen zwischen allen vier Dichtern. Diese Ähnlichkeiten grenzen sich von der sich überlagernden Frühromantik ab, weshalb man diese Dichter zu einer eigenen Epoche zusammengefasst hat. Die Dichter selbst bezeichneten sich nicht als Klassiker. Da die vier Autoren sich in Weimar lebten, zentralisiert sich diese Epoche auch auf Weimar, was natürlich namensgebend war.
Die Weimarer Klassik setzt sich mit den Folgen der Französischen Revolution und der Aufklärung auseinander. Nach der Französischen Revolution wurde die Kultur durch die Massenhinrichtungen durch den Revolutionsführer Robespierre erschüttert und es zeigte sich, dass die Schreckensherrschaft von Robespierre nicht mit den Idealen der Revolution vereinbar sind. Auf der anderen Seite widersetzte man sich einem allzu vernunftorientierten und wissenschaftsgläubigen Lebensstil, wie er von der Aufklärung gefordert wurde. Vernunftorientiertes Handeln kann die Probleme der Menschen nach Ansicht der Klassiker nicht hinreichend beantworten (siehe "Die Leiden des jungen Werthers" von Goethe).
Die Klassiker lehnen sich an ein idealisiertes Bild von der Antike an. Begriffe wie Vollkommenheit, Humanität, Harmonie von Form und Inhalt wurden zu erstrebenswerten Werten hochgehalten.
Historischer Hintergrund | |||
| Erfindungen und Entdeckungen | Jahr | Links | |
| Die Dampflokomotive | 1804 |
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Friedrich Hölderlin kommt 1770 in Laufen zur Welt und wächst als einziges Kind eines Klosterpflegers und einer Pfarrerstochter auf. Der Vater stirbt bereits 2 Jahre nach der Geburt. Auf Drängen der Mutter besucht Hölderlin die evangelische Klosterschule in Denkendorf (Württemberg) und Maulbronn, um später evangelischer Pfarrer zu werden. Nach dem Gymnasium beginnt Hölderlin ein theologisches Studium an der Universität Tübingen und lernt die Philosophen Hegel und Schelling kennen, die sich gegenseitig stark beeinflussten.
Seinen Lebensunterhalt und sein Studium finanzierte Hölderlin, der aus eher ärmlichen Verhältnissen kam, als Hauslehrer - er unterrichtete Kinder aus reichen Familien. 1974 wechselt Hölderlin zur Universität Jena, wo er Kontakt mit Schiller, Goethe und Fichte. Die wichtigste Bekanntschaft, die er dort macht, ist die mit Isaac von Sinclair. Sie bewohnen zunächst zusammen ein Gartenhäuschen und später wird Sinclair zum Förderer Hölderlins.
1796 lernt Hölderlin im Rahmen seiner Tätigkeit als Hauslehrer in Nürtingen die Frau des Bankiers Jakob Gontard, Susette Gontard kennen. Er verliebt sich in sie, Jakob Gontard bemerkt dies allerdings und kündigt ihm als Hauslehrer. Hölderlin zieht zu seinem Studienfreund Sinclair nach Homburg. Höderlins finanzielle Lage verschärft sich, er ist im finanziell von seiner Mutter abhängig und auch mit der Veröffentlichung einiger Gedichte mit Hilfe von Schiller tragen wenig zur Entspannung bei. Zudem bricht nach dem letzten Treffen mit Susette Gontard die Hypochondrie bei Hölderlin verstärkt aus.
Nach einer Reise Hölderlins und einigen ungeklärten Ereignissen in den Jahren 1802 und 1803 kehrt er zurück zur Mutter nach Nürtingen. Er übersetzt Sophokles und Pindar. Durch Sinclair bekommt Hölderlin eine Anstellung als Hofbibliothekar. Hölderlin kreiert verschiedene Werke, wie den Gesangszyklus vaterländischer Gesänge und eine Gedichtreihe, die er Nachtgesänge nennt (worunter sich aus das bekannte Gedicht Hälfte des Lebens befindet).
Hölderlin wird 1805 schließlich aufgrund von Ermittlungen gegen Sinclair wegen Hochverrats gegen den Kurfürsten Friedrich II. von Württemberg festgenommen. Da in einem Gutachten Hölderlins Wahnsinn festgestellt wird, werden keine weiteren Ermittlungen mehr gegen ihn durchgeführt. Sinclair wird freigesprochen, kann aber Hölderlin wegen seiner Krankheit nicht mehr weiter unterstützen. Hölderlin kommt ins Universitätsklinikum Tübingen und wird später von der Familie Zimmer gepflegt. Höderlin schreibt weiterhin Gedichte. Seine genaue Krankheit kann nicht festgestellt werden.
Hölderlin hat erst im 20. Jahrhundert wirkliche Beachtung gefunden. Seine Gedichte gelten als kurz und fragmentarisch, was von den Expressionisten Heym und Trakl übernommen wurde. Die Werke sind von einem Idealismus geprägt worden, der dem Griechtentum und der antiken Mythologie und Philosophie entlehnt wurde. In den Werken tauchen pantheistische und christliche Elemente auf; Hölderlin versucht die Einheit von Mensch, Natur und Gott zu vollziehen. Ein beträchtlicher Teil der Schriften ging verloren oder wurde erst wesentlich später veröffentlicht. Hölderlin nimmt eine eigene Stellung zwischen Klassik und Romantik ein.
Friedrich Hölderlin lebte von 1770 bis 1843 im heutigen Deutschland und erlebte u.a. die französische Revolution 1789 mit, die nicht nur ihn, sondern Gelehrte in ganz Deutschland nachhaltig prägte. Erwähnenswert ist, dass der Dichter Hölderlin die letzten 37 Jahre seines Lebens in Tübingen in dem berühmten Hölderlinturm verbracht hat, da der noch relativ junge Mann unter Nervenzusammenbrüchen litt und ab dann als wahnsinnig galt.
Der noch junge Hölderlin gehörte zum Bekanntenkreis von Schelling und Hegel (Tübinger Stift) und wird deswegen oft mit dem Deutschen Idealismus in Verbindung gebracht. Trotzdem gehört die Dichtung Hölderlins nicht zu einer bestimmten Gattung der um die Jahrhundertwende verbreiteten literarischen Strömungen (Klassik oder Romantik). Sein Werk muss eine eigenständige Stellung einnehmen, die durch seine persönlichen Erfahrungen und den in ihm immer wieder auftauchenden Gottesglauben geprägt wurden.
Wichtig zum Verständnis von Gedichten Hölderlins ist eine Differenzierung des Gottesbegriff. Der Gott Hölderlins ist kein persönlicher, vermenschlichter Gott, sondern ein alles umfassender, sinnstiftender Wirker.
Der oftmalige thematische Bezug auf die griechische Mythologie und wie in diesem Fall auf die römische Mythologie und deren Gottheiten ist als mehr oder weniger als programmatischer Zug innerhalb der Dichtung Hölderlins zu verstehen. Es existieren für Hölderlin weder der christliche Gottvater, noch glaubte er an einen enthobenen Olymp mit griechischen Gottheiten, die verschiedenartig Macht ausüben konnten. Die Namensnennung eines Gottes innerhalb eines Gedichtes darf deswegen nie als ein bloß inhaltliches Hinzufügen einer Handlungsstruktur gesehen werden, sondern der Gott steht als Metapher für das Unaussprechliche, für das Unnennbare, für das Göttliche.
Genauso muss deswegen der Titel des Gedichtes "An die Parzen", welches Hölderlin in Alter von 29 Jahren im Jahre 1799 veröffentlichte, verstanden werden. Neben der bloß inhaltlichen Ebene, in der ein Dichter eine Hymne an die Schicksalsgöttinnen der römichen Mythologie schreibt, entsteht eine übergeordnete Dimension. Das offentsichtliche und deswegen selbst-verständliche des Gedichtes ist, dass ein Dichter in der Ich-Perspektive eine Bitte an die Parzen richtet. Die Parzen sind verantwortlich für die Lebensdauer jedes einzelnen Menschen, da sie über den "Schicksalsfaden" des Menschen verfügen, und in gemeinsamer Arbeit (meist zu dritt: Nona, Decima und Morta), ihn spinnen, messen und abschneiden können.
Der Dichter bittet in der ersten von drei vier-versigen Strophen um eine Verlängerung seines Lebens um ein halbes Jahr, beziehungsweise konkreter: um einen Sommer und einen Herbst zu "reifem Gesange" (Z.2). In der zweiten und dritten Strophe geht es im groben um die Erklärung und Ausformulierung der Bitte oder um das "Warum". Der Dichter beschreibt das Leben nach dem Tod und verbindet seine Bitte um Lebensdauer mit einer Konkretisierung des Lebensinhaltes. Erfüllt ist das Leben dann, wenn dem Dichter das "Heilge" (Z. 7) gelingt: das Gedicht. Dann kann der Mensch befriedigt in das Reich der Toten übergehen, denn er lebte wenigstens einmal "wie Götter" (Z.12).
Die einzelnen Verse reimen sich nicht, was u. a. auf die formale Gestaltung der Hymne zurückzuführen ist. Der Lobgesang ist trotzdem von sehr feierlichem Ton und der Redefluss wird in keiner Weise gestört. Der Rhythmus wird verstärkt durch die häufige Verwendung von Nebensätzen hergestellt, wodurch gleichzeitig ein Spannungsbogen aufgebaut wird.
Die Silbenanzahl der einzelnen Verse ist innerhalb jeder Strophe die selbe. Der oben genannte Bogen nimmt durch die Anzahl der Silben folgende Form an: die ersten zwei Verse jeder Strophe sind 11 Silben lang, die dritte besitzt nur 9 Silben, während die jeweils letzte Strophe die Bewegung wieder aufnimmt mit einem Mittelwert von 10 Silben. Mit dieser Symmetrie zwischen den Strophen, aber auch durch inhaltliche Bezüge sowie Wiederholung von zentralen Wörtern entsteht eine natürliche Verbindung der verschiedenen Abschnitte und das Gedicht wirkt wie zusammengewachsen. Wer in Gedichten Hölderlins nach Sinnabschnitten sucht, der kann sich gleich in die Reihe eines Bertolt Brechts stellen, der die Rose zerpflückt, um sie besser zu verstehen.
Die im Titel angesprochenen Schicksalsgöttinnen tauchen innerhalb des Gedichtes namentlich nicht noch einmal auf. Umschrieben werden sie gleich im ersten Vers des Lobgesanges mit "Ihr Gewaltigen!". Auffällig hierbei die Verwendung des Ausrufezeichens, welches wie in der Anrede eines förmlichen Briefes den Adressaten der Hymne bestimmen und in besonderer Form herausheben soll. Um bei dem römischen Götterbild zu bleiben, sei hier schon auf die zweite Strophe verwiesen, in der es um den "Orkus" (Z. 6) geht, um die römische Unterwelt. Dahinter steht die Vorstellung, dass die Seele des Menschen nach dem Tode weiterlebt, jedoch nicht mehr unter den Menschen wandeln darf, sondern mit anderen Verstorbenen im Totenreich verharren muss. Auch am Anfang der dritten Strophe wird dieses Bild der Unterwelt aufgegriffen in der bildlichen Umschreibung der "Schattenwelt" (Z. 9).
Es geht hierbei um die Verdeutlichung einer Vor- und Nachwelt oder um die Beschreibung einer Zweiteilung. Das lyrische Ich, welches sich in der zweiten Strophe als Dichter herausstellt, bittet um eine Verlängerung seines Lebens, damit es, und das ist ein zentraler Punkt, nicht ohne der Seele ihr "göttlich Recht" (Z.5) vermacht zu haben, in den Abgrund hinunter muss. Es geht demnach nicht in erster Linie um die Angst vor dem bevorstehenden Tod und die damit verbundene Sorge um die verbliebene Lebenszeit, die womöglich jeder Mensch nachvollziehen kann, sondern um eine Tat, die noch bevor die Götter (die Parzen) den Dichter in den Orkus schicken, vollbracht werden muss. Es ist diese Tat die Vollendung des Gedichtes, welches ihn zu den Göttern emporhebt und ihn wenigstens für einen Moment den Göttern gleich machen kann. Auch hier sei schon angemerkt, dass es nicht um die Erleuchtung und die endgültige Gottwerdung des Menschen geht. Dem im Gedicht beschriebenen Dichter ist bewusst, dass ihn sein Saitenspiel nicht hinunter begleiten wird (Z. 10-11), trotzdem will er, wenn die Parzen ihm den Sommer und den Herbst gönnen, "zufrieden" sein (Z. 10).
Die zeitliche Komponente ist das wohl entscheidene Faktum für das Verständnis des Gedichtes. Obwohl der Dichter darum bittet, dass ihm mehr Zeit auf Erden gegönnt wird, wird in der zweiten Strophe beschrieben, dass ihm "einst" (Z. 7) das Gedicht gelungen sei. Im vorläufigen Widerspruch dazu steht der Ausspruch der dritten Strophe, dass der Dichter nach der gelungenen Tat zufrieden sei mit seinem Schicksal, da er einmal wie Götter lebte: "mehr bedarfs nicht" (Z. 12). Warum um Zeit bitten, wenn man schon zufrieden sein könnte? Hier entsteht ein Widerspruch zur zweiten Strophe, in der ein negatives Bild beschrieben wird, um den Grund der Bitte den Adressaten der Hymne, den Parzen, darzustellen. Die Seele, "sie ruht auch drunten im Orkus nicht;" (Z. 6). Zum einen wird hier gesagt, dass die Seele ohne ihr göttliches Recht im Leben genutzt zu haben, im Orkus nicht (in Frieden) ruhen kann. Gleichzeitig wird durch das "auch" suggeriert, dass die Seele im Leben selbst ohne das "Heilge" (Z. 7) nicht ruhen kann.
Der Widerspruch ist deswegen vorläufig, weil im heutigen Sprachgebrauch das Wort "doch", welches im siebten Vers die Bedingung des gelungenen Lebens beschreibt, viel an seiner alten Bedeutung verloren hat.
Früher wurde das Wort häufig noch als ein Konditionalsatz einleitendes Wort benutzt (ähnlich dem 'wenn' oder 'falls'). Deutlich wird das durch die Verbindung des Verses mit dem Anfang der dritten Strophe: "Willkommen dann" (Z. 9).
Wie ist dies nun mit dem die Vergangenheit verkündenden Zeitwort "einst" (Z. 7) zu verstehen? Wenn das Gedicht dem Dichter einst gelungen ist, müsste er nicht um noch mehr Zeit auf Erden bitten. Er könnte zufrieden, auch ohne das Geleit des "Saitenspiels" (Z. 11), in den Orkus hinabgehen.
Entscheidend wird hier die genauere Betrachtung der ersten Strophe. Wie oben in der kurzen Inhaltsangabe beschrieben, geht es in der ersten Strophe um die Bitte um einen weiteren Sommer und einen weiteren Herbst. Nicht die Jahreszeiten selber, sondern die Jahreszeiten "zu reifem Gesange" (Z. 2) sollen dem lyrischen Ich gegönnt werden. Neben der Nennung der lebendigen (Sommer) und späten (Herbst), aber nicht der sterbenden (Winter) oder wiederbelebenden (Frühling) Phasen der Natur in den Jahreszeiten, welche in Zusammenhang mit dem Adjektiv "reif" das Bild eines gewachsenen und schon geformten (nicht im Entstehen [Frühling] oder Vergehen [Winter] begriffenen) Etwas heraufbeschwören, wird der Fokus auf das Objekt gelenkt.
Anders gesagt, der Dichter bittet nicht um eine besondere Jahres-zeit, welches in obiger Beschreibung schon angeklungen ist. Sondern er bittet um Zeit in Verbindung mit einer besonderen Tat; Zeit für die Ausübung des göttlichen Rechts der Seele und für die Schaffung des Heiligen: des Gedichts.
Als Nebenbemerkung sei hier angemerkt, dass mit dem Gesang und auch mit dem Saitenspiel (Z. 10) nicht weniger als das Gedicht selbst gemeint ist, welches vorerst durch den Hinweis auf die formale Gestaltung des Gedichtes bewiesen werden soll (Hymne).
Einen Hinweis zur oben angesprochenen Problematik der Zeitlichkeit entdecken wir in den Versen 3 und 4 der ersten Strophe:
"Daß williger mein Herz, vom süßen
Spiele gesättiget, dann mir sterbe."
Hier benutzt das lyrische Ich die Komparativform des Adjektivs "willig" und holt damit die Entwicklung und die Beruhigung der Seele in Vor- und Nachwelt mit der Dichtung in die zeitliche Ebene zurück ("willig" wäre ein abgeschlossenes Prädikat oder ein in sich geschlossener Zustand, während sich "williger" in Relation befindet und dadurch ein Vorher-Nachher suggeriert). Es geht eben nicht um die endgültige Gottwerdung des Menschen durch die Schaffung eines einzigen Gedichtes. Der Mensch muss immer wieder erneut versuchen, durch das geschriebene Wort den Göttern näher zu kommen. Der Dichter ist eben auch Mensch, was durch den Hinweis auf das Herz auch in der zweiten Strophe betont wird (Z. 8). Aber am stärksten durch das Verb "gesättiget" (Z. 4). Satt sein ist nichts Endgültiges, sondern ein Zustand, der durch wiederholten Aufwand erreicht werden muss.
Das Herz selber kann "dann" sterben. In der römischen Mythologie besitzt der Mensch nach dem Tod nur noch einen Schatten seiner Selbst, er ist nur noch Seele. Aber gerade darum wird gedichtet, damit die Seele drunten im Orkus, aber auch noch im Leben ruhen kann. Die Ruhe wird hier gleichgesetzt mit Frieden.
Wo das Wort "Herz" ein zweites Mal auftaucht, wird durch einen eingefügten Nebensatz eine Verbindung zwischen Dichten, was, wenn es gelingt, heilig ist, und dem Herz des Menschen hergestellt:
"Doch ist mir einst das Heilge, das am
Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen,"
Das Gedicht liegt dem lyrischen Ich am Herzen. Hiermit wird verdeutlicht, dass es das Heilige nur als ein "süßes Spiel" geben kann, gerade weil es in der Zeit stattfindet und mit ihr "durchmischt" ist.
Damit wird das Heilige nicht herabgestuft, sondern es wird als das Mächtigste, so wie es Hölderlin verstanden hat, in seinem innersten Wesen begriffen und parallel zum Inhalt des Gedichtes als Aussage dem Leser mitgeteilt. Mit anderen Worten: Hölderlin erzählt nicht nur die Geschichte von einem Dichter, der von den Schicksalsgöttinnen um Zeit bittet, um sein Herz mit dem Heiligen, was an dem Herzen liegt, zu nähren, um dann williger in das Schattenreich treten zu können. Darüberhinaus schafft Hölderlin eine Metapher des Göttlichen an sich, die in einem oberflächlichen Widerspruch zur Handlung steht, doch wie in der Philosophie seines Studienfreundes Hegels einen vorläufigen Widerspruch offenbart, der gerade zeigt, dass Zeitlichkeit und Göttlichkeit eben auch in ihrer Widersprüchlichkeit zusammenfallen können: im Gedicht.
Vermutlich kann diese These auch durch den Anfang der letzten Strophe gestützt werden. Das lyrische Ich heißt, wenn das Gedicht gelungen ist, die "Stille der Schattenwelt" (Z. 9) willkommen. Die Stille entbehrt jeglichen Gesangs. Das "süße Spiel" kann in dem Totenreich nicht mehr sättigen (Z. 3-4). Welche Mächte drunten im Orkus wirken, bleibt offen und unbeantwortet. Es wird lediglich gesagt, dass "[s]ein Saitenspiel" den Dichter nicht hinab geleiten kann (Z. 10-11). Das Gedicht kann, wie es scheint, nur bei dem Herzen gelingen.
Nicht umsonst gilt die Dichtung Hölderlins als die am schwierigsten zu verstehende. Viel geht verloren, wenn man die Gedichte nur in Hinblick auf eine Inhaltsangabe liest. Das Wesentliche und das Wichtige findet man dort nie. "An die Parzen" ist eine Lobgesang auf die Schicksalsgöttinnen, aber gleichzeitig eine Bitte um Linderung eines Herzschmerzes. Gerade weil Herz und Seele so eng miteinander verknüpft und verwebt sind, kann das Gedicht, welches aus der gottesähnlichen Seele entspringt, das Herz zwar sättigen, aber in diesem Verb "sättigen" offenbart sich das Dilemma: Das Herz übernimmt die Oberhand und wird hungrig. Wenn es soweit ist, bleibt einem nur der bittende Gesang an die Parzen...
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