| 1 | 01 | Einmal schon haben Fanfaren mein ungeduldiges Herz blutig gerissen, |
|---|---|---|
| 02 | Dass es, aufsteigend wie ein Pferd, sich wütend ins Gezäum verbissen. | |
| 03 | Damals schlug Tamburmarsch den Sturm auf allen Wegen, | |
| 04 | Und herrlichste Musik der Erde hieß uns Kugelregen. | |
| 05 | Dann, plötzlich, stand Leben stille. Wege führten zwischen alten Bäumen. | |
| 06 | Gemächer lockten. Es war süß, zu weilen und sich versäumen, | |
| 07 | Von Wirklichkeit den Leib so wie von staubiger Rüstung zu entketten, | |
| 08 | Wollüstig sich in Daunen weicher Traumstunden einzubetten. | |
| 09 | Aber eines Morgens rollte durch Nebelluft das Echo von Signalen, | |
| 10 | Hart, scharf, wie Schwerthieb pfeifend. Es war, wie wenn im Dunkel plötzlich Lichter aufstrahlen. | |
| 11 | Es war, wie wenn durch Biwakfrühe Trompetenstöße klirren, | |
| 12 | Die Schlafenden aufspringen und die Zelte abschlagen und die Pferde schirren. | |
| 13 | Ich war in Reihen eingeschient, die in den Morgen stießen, Feuer über Helm und Bügel, | |
| 14 | Vorwärts, in Blick und Blut die Schlacht, mit vorgehaltnem Zügel. | |
| 15 | Vielleicht würden uns am Abend Siegesmärsche umstreichen, | |
| 16 | Vielleicht lägen wir irgendwo ausgestreckt unter Leichen. | |
| 17 | Aber vor dem Erraffen und vor dem Versinken | |
| 18 | Würden unsre Augen sich an Welt und Sonne satt und glühend trinken. |
Die Epoche des Expressionismus besteht aus einer Künstlergeneration zwischen den Weltkriegen, die sich dem nationalistischen, bürgerlichen und wilhelminischen Denken ihrer Zeit abwandten. In den gesellschaftskritischen Werken der Expressionisten wurden Themen wie Wahnsinn, Tod, Umwelt, Krieg, Verfall der Gesellschaft und die infolge der Industrialisierung entstandenen Großstadtprobleme behandelt.
Der Expressionismus überschnitt sich mit der noch nicht abgeschlossenen Industrialisierung. Dabei warnen die Expressionisten häufig vor den Folgen der Industrialisierung, wie der Degradierung der Menschen zu Maschinen und der Verlust der Individualität durch Automatisierungsprozesse. Zudem gab es noch ein Stände-Denken in der Gesellschaft, bei dem sich Macht und Produktionsmittel bei den Großunternehmen bündelten. Die sozialen Spannungen zwischen Arbeiterschicht und Unternehmer, die durch die Ungleichverteilung von Besitz entstand, wurden Thema einiger expressionistischer Werke.
Die Expressionisten warnten jedoch nicht nur vor den Zeichen ihrer Zeit, sondern wollten die Gesellschaft umwälzen und erneuern. Nicht nur die sozialen Konflikte gaben hierfür Anlass, sondern auch die wirtschaftliche Krise durch den Versailler Vertrag und die erneute Militarisierung zwischen den Großmächten. Der Mensch war aus Sicht der Expressionisten mit seinem bisherigen Denken in eine Sackgasse geraten, das System drohte instabil zu werden. Aus diesem Grund schlossen sich viele Friedrich Nietzsches Idee vom Übermenschen an. Der Übermensch bricht mit der Gesellschaft, überwindet sich selbst und schafft neue Werte.
Der expressionistischen Bewegung wird durch die Konflikte mit den konservativen Familienwerten häufig auch ein Vater-Sohn-Konflikt zugeschrieben.
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Das vorliegende Gedicht „Der Aufbruch” von Ernst Stadler, veröffentlicht im Jahr 1914, beschreibt die Kriegserfahrungen, die das lyrische ich (wahrscheinlich) während des Ersten Weltkrieges sammelt.
Das Gedicht ist nichtstrophisch gegliedert, d.h. es besteht aus einer einzigen Versgruppe mit achtzehn Versen. Das Reimschema bildet ein durchgehender Paarreim; bei der Bestimmung des Metrums wird ein Daktylus ersichtig.
Obwohl keine Strophengliederung vorliegt, ist eine Sinnesgliederung erkennbar: In den ersten vier Versen beschreibt das lyrische ich ein zurückliegendes Ereignis (einen Kriegsausbruch). Die zweite Versgruppe von vier Versen beschreibt das Leben in Frieden und Ruhe. Die nächste Versgruppe beschreibt wiederum eine erneute Kriegsszenerie: das lyrische ich wird von dem erneuten Kriegsausbruch völlig unvorbereitet getroffen.
Die abschließenden sechs Verse geben einen Ausblick des Sprechers in eine ungewisse Zukunft.
Das Gedicht beginnt mit der Aussage des lyrischen ichs, dass „Fanfaren [sein] ungeduldiges Herz blutig gerissen” (V1). Die Fanfaren versinnbildlichen hier die Trompetenmusik als Begleitmusik der Soldaten zu (dem) Kriegsausbruch. Das Erscheinungsdatum des Gedichtes lässt hierbei den Entschluss zu, dass es sich bei diesem Krieg um den ersten Weltkrieg handelt. Das Adjektiv „ungeduldig” (V1) zeigt, dass das lyrische ich dem Kriegsbeginn zugeneigt war und diesen kaum erwarten konnte. Diese „Kriegessehnsucht” wird durch den in V2 verwendeten Vergleich „[…] wie ein Pferd, sich wütend ins Gezäum verbissen.” unterstrichen. Die folgenden zwei Verse beschreiben die ersten Kriegserfahrungen des Sprechers: das lyrische ich assoziiert mit den Fanfaren und dem in Vers 3 erwähntem „Tambourmarsch” den Krieg: „Und herrlichste Musik der Erde hieß uns Kugelregen” (V4).
Die Marschmusik begleitet und euphorisiert die Soldaten auf ihrem Weg in den Krieg.
Der zweite Sinnesabschnitt beginnt mit einem Einschnitt: „Dann, plötzlich, stand das Leben stille.”(V5). Der Krieg erfährt einen Einbruch bzw. eine Unterbrechung, und die beteiligten Soldaten erleben für eine begrenzte Zeitspanne das „friedliche” Leben. Der zeitweilige Frieden wird von dem lyrischen ich als angenehm, ja sogar „süß” (V6) und „wollüstig” (V8) empfunden. Die „Gemächer lockten” (V6) und es war „Wollüstig sich in Daunen weicher Traumstunden einzubetten”(V8). Die Personifikation1 der Gemächer und das Bild der weichen Daunen schaffen eine angenehme und dem Krieg weit entfernte Atmosphäre. Das lyrische ich ist entspannt und wirft in diesem Zustand die „staubige[] Rüstung” (V7) ab. Der Krieg scheint beendet, doch mit dem folgenden Sinnabschnitt beginnt eine erneute Kriegsphase bzw. ein erneuter Aufbruch. Die angenehme Ruhephase wird durch das Wort „aber”(V9) unterbrochen.
Durch die „Nebelluft” erreicht ein „Echo von Signalen” das lyrische ich völlig unvermittelt (V9). Das verwendete Enjambement2 verleiht dieser Aussage eine zusätzliche Hektik. Die Adjektive „hart” und „scharf”, welche die aufkommenden Signale beschreiben, stehen im Kontrast zu der angenehmen und entspannenden Atmosphäre des zweiten Sinnesabschnittes. Zudem verwendet der Autor einen Vergleich (V10) um den aufkommenden Kriegsausbruch abermals zu beschreiben. Der Aufbruch gleicht „Trompetenstößen”, die durch die „Biwakfrühe […] klirren” (V11). Der Neologismus „Biwakfrühe” beschreibt einen Zeitpunkt zu dem alle Soldaten schlafen, d.h. der Krieg „überrumpelt” förmlich die völlig unvorbereiteten Soldaten. Die einst „herrlichste Musik der Erde” (V4) weicht „klirrenden Trompetenstößen” (V11) und wird von dem lyrischen ich nicht mehr als euphorisierend, sondern als erschreckend empfunden. Bevor der vierte und abschließende Sinnesabschnitt einsetzt, wird nochmals beschrieben wie die Soldaten eilig „die Zelte abschlagen und die Pferde schirren”(V12).
Das lyrische ich befindet sich wieder im Krieg, wo es in „Reihen eingeschient […] in den Morgen [sticht]” (V13). Die Alliteration3 „Blick und Blut” (V14) betont den Ernst der Situation: das lyrische ich ist bereit sich für sein Land zu opfern und im Krieg zu sterben. Der Ausblick in die Zukunft (V15f) ist dabei ungewiss. Nichtsdestotrotz wird das lyrische ich kämpfen und dessen „Augen sich an Welt und Sonne satt und glühend trinken” (V18). Aus dieser Aussage geht eine gewisse irrationale Haltung hervor: das lyrische ich rechnet mit einer Niederlage bzw. dem Tod, fasst dennoch neuen Lebensmut, hervorgehend aus der Schönheit der Natur. Das Gedicht endet offen.
Stadlers Gedicht ist der Epoche des Expressionismus zuzuordnen. Das lyrische ich zieht voller Mut und Euphorie in den Krieg, nicht ahnend was es erwarten wird. Das lyrische ich ist hierbei stellvertretend für die junge Expressionistengeneration, der Stadler selbst angehörte. Die politischen Unruhen brachten Abwechslung in das fade und langweilige Alltagsleben und von dem Krieg erhoffte man sich Ruhm und Erfolg. Was folgte war allerdings eine Niederlage, die einen Großteil der jungen Expressionistengeneration das Leben kostete. Stadler selbst starb 1914 mit 31 Jahren im Krieg.
fb59226| 1 | Bei der Personifikation wird ein lebloser oder ein abstrakter Begriff, oder aber auch ein Tier, „vermenschlicht“. Personifikationen treten z.B. immer in Fabeln auf (da Tiere wie Menschen handeln). Anderes Beispiel: Der Mond schaut zornig drein; der Mond nimmt hier also charakteristische menschliche Züge an. |
| 2 | Zeilensprünge. Ein Satz wird hier häufig gegen die Logik des Lesers mittendrin umgebrochen und auf zwei Verse verteilt. Je nach Kontext und Art der Umbrechung kann der Satz damit abgehackt (da man wegen der Unlogik zu Gedanken- und Sprechpausen gezwungen wird) oder auch temporeich wirken. |
| 3 | Bei der Alliteration beginnen mehrere Worte mit dem gleichen Buchstaben. Beispiel: „Milch macht müde Männer munter.“ |
