Die Nachkriegslyrik hat vielfältige Ausprägungen und ist nicht eindeutig bestimmbar, man kann aber sagen, dass diese Literaturzeit im besonderen Maße von den Kriegs- und Nachkriegserfahrungen bestimmt war. Es kam zum einen unter den Künstlern und Schriftstellern zu unterschiedlichen Reaktionen, als die Not und die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes sukzessive zu Tage traten. Die Reaktionen waren teils fassungslos, teils kritisch und manchmal auch ausweichend. Genauso prägend war allerdings auch die materielle Knappheit und die unsicheren Aussichten in der Zeit dem Krieg. Künstlerisch tätig zu sein war aufgrund der existenziellen Notlage nur wenigen Menschen möglich. Zudem war die Verbreitung von Literatur aufgrund der Güterknappheit, die auch für das Papier galt, schwierig. Dies mache Literatur allerdings zu einem wertvollen Gut in dieser Zeit. Die Menschen hatten den Wunsch nach Aufklärung und entwickelten aufgrund der neuen Meinungsfreiheit, die trotz des Zensurrechts der Besatzungsmächte eine neue Freiheit darstellte, einen regelrechten Literaturhunger. Auch das Interesse auf die vormals unzugängliche Literatur von Emigranten, der Exilliteratur, stieg deutlich.
Die Schriftsteller distanzierten sich vom NS-Regime und entfernten sich auch stilistisch und sprachlich von der NS-Propaganda. Die Themen sind sozial-politisch, wobei aber nicht nur Not, Elend und Unsicherheit des Krieges und der Kriegsfolgen verarbeitet wurden, sondern auch die Hoffnung auf einen Neubeginn zum Ausdruck gebracht wurden. Viele forderten eine Rückbesinnung auf bürgerliche und christliche Werte.
In der DDR war das künstlerische und literarische Leben bestimmt durch den sozialistischen Realismus. Die Ideologie und Zensur des NS-Regimes wurde ersetzt durch SED-Zensur, kommunistische Ideologie und sowjetische Rahmenverordnungen. Der sozialistische Realismus verlangte von den Künstlern und Schriftstellern eine Hochstilisierung der Arbeiter und Arbeitskultur. Der Held der Arbeiterklasse wurde zum Symbol des sowjetischen Wiederaufbaus. Der Nationalsozialismus wurde auf Schärfste verurteilt und zu einem Sinnbild eines verbrecherischen Kapitalismus geformt.
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„Der Krieg ist der Vater aller Dinge“ ist uns von Heraklit von Ephesus (ca. 500 v. Chr.) überliefert. Und auch Erich Fried bezeichnet in seinem „Spruch“ aus dem Jahre 1945 den Krieg als den Vater des Sieges, verkörpert durch das lyrische Ich, und als den Großvater des Friedens.
Während Heraklits Sentenz auf den ersten Blick und ohne Kenntnis seiner Philosophie schwierig zu erschließen ist, schafft Fried in seinem Vierzeiler ein sofortiges Verständnis beim Leser, indem er Heraklits Familien-Analogie weiterführt und ein ausgeprägtes Porträt der Familie Menschlicher Lauf der Dinge liefert. Denn nicht weniger beschreibt der Spruch als den Gang der Welt seit Menschengedenken.
Zum Neujahrswechsel 1945/46 versandt Fried den Spruch auf einer Postkarte an seine Freunde. Ein pessimistischer Neujahrgruß, ein halbes Jahr nach Ende des blutigsten aller jemals gefochtenen Kriege. Der geborene Jude Fried verfolgte das Kriegsende von London aus, nachdem er 1938, auf den Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland hin, aus Wien geflohen war.
Großbritannien gehörte zu den Siegermächten des zweiten Weltkrieges, doch die Menschen litten Not. Vor allem für überlebende Juden war der Untergang der Nazis kaum als Sieg über jene zu bezeichnen, in Anbetracht der grausamen Vergehen an Familienmitgliedern und Freunden. Schon die erste Zeile entpuppt sich demnach im historischen Kontext als ambivalent. Ein Sieg ist nicht immer glücklich, ein Sieg macht nicht immer glücklich.
Ein Sieg folgt immer auf einen Krieg bzw. Konflikt – auch Heraklits „Krieg“ ist in diesem allgemeinen Sinne zu verstehen: Das altgriechische Wort polemos kann auch Kampf, Konflikt bedeuten; und auf einen Sieg folgt immer eine kurze oder lange Periode des Friedens.
Krieg und Frieden wechseln sich also immer ab, denn nach dem Frieden steht irgendwann wieder der Krieg vor der Tür, der dem Frieden nach Fried sogar „gleicht“.
Diese Periodizität zweier Zustände finden wir nicht nur in Krieg und Frieden, Vater und Sohn, sondern in vielfältiger Weise im natürlichen Lauf der Dinge. Tag und Nacht wechseln sich ab, Sommer und Winter, Warmzeit und Eiszeit. Abstrakt lässt sich von einem Dualismus der Prinzipien Konstruktion und Destruktion sprechen, und vor allem am zweiten Weltkrieg ist dies sehr anschaulich. Fried prophezeite also eine Periode des Friedens, und diese war eine Phase des Wiederaufbaus, der Konstruktion. Nachdem die Kriegsmächte ihre Städte im zweiten Weltkrieg gegenseitig zerbombt, also destruiert hatten, bauten sie sie nach 1945 wieder auf.
Die verheerende Zerstörung Deutschlands war überhaupt die Voraussetzung für einen Neuanfang zur Stunde Null und somit für das Wirtschaftswunder der 50er-Jahre.
Frieds Spruch ist also sehr realistisch; gleichzeitig aber auch pessimistisch, weil er pünktlich zum ersten Friedensjahr einen neuen Krieg prophezeit, indem er die Ereignisse in einen unentrinnbaren, weil natürlichen Kreislauf stellt.
Das lapidare Auslassen von Satzzeichen verstärkt den fatalistischen Charakter des Gedichts. Denn was nützt (deutsche) Korrektheit schon, wenn es um Leben und Tod geht.
Frieds Erkenntnis scheint banal, was unterstützt wird durch den pauschalen Titel und den einfachen Paarreim, doch sie ist eminent zum Verständnis der Welt.
Dazu lohnt es, das Gedicht aus einer anderen Perspektive zu sehen. Ein Sohn erfordert Vater und Großvater, ohne Großvater kein Enkel. Stellen wir uns eine Welt vor ohne Krieg, ohne Streit, ohne Konflikt. Wer wüsste in einer solchen Welt den Wert von Frieden und Harmonie zu schätzen?
Sobald etwas selbstverständlich ist, schätzen wir es nicht mehr. Gäbe es keine Krankheiten auf der Welt, so gäbe es auch keine Gesundheit, weil Gesundheit nur aus ihrem Kontrastpartner ihre Existenzberechtigung schöpft.
Darf ich meinen (Groß)Vater überhaupt verurteilen? Verdanke ich ihm doch meine Existenz!
Diese dialektische Weltsicht lohnt es sich, gerade in Friedenszeiten wie unserer, immer wieder vor Augen zu führen. Das Gute ist nicht selbstverständlich, und es ist nur gut, weil es auch Schlechtes gibt.
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